RÖMERBERG
Absturz vor 76 Jahren: Wo der Opa sich mit dem Fallschirm rettete
Es war ein Drama, das sich am 20. Januar 1945 um die Mittagszeit im Himmel über Mechtersheim abspielte. Ein amerikanischer B17-Bomber, von der Flugabwehr bei Mannheim beim Einsatz schwer getroffen, raste brennend auf das Dorf zu. Noch im Sinken schoss das Flugzeug ein deutsches Kampflugzeug ab, dann stürzten beide Maschinen an unterschiedlichen Enden von Mechtersheim ab. Der amerikanische Pilot kam ums Leben, die restlichen acht Besatzungsmitglieder retteten sich durch einen Fallschirmsprung, den allerdings einer nicht überlebte. Vom Schicksal der deutschen Maschine ist wenig bekannt. Mechtersheim blieb verschont und über die Absturzstellen wuchs buchstäblich Gras.
Der Waldseer Erik Wieman, Gründer der IG Heimatforschung, macht seit Jahren an vielen Orten Geschichte wieder sichtbar: Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, vergessene Flugzeugabsturzstellen aus dem Zweiten Weltkrieg aufzuspüren und die letzten Minuten der Crew zu rekonstruieren. Ist das gelungen, versucht er, die Nachfahren der Soldaten ausfindig zu machen und zu kontaktieren. Sie lädt er dann zu der Enthüllung eines Gedenksteins ein. So kamen in den vergangenen Jahren Angehörige aus Großbritannien, Amerika, Australien und Neuseeland in die Pfalz. Bis ein Projekt abgeschlossen ist, vergehen oft Jahre akribischer Nachforschung – immer in Abstimmung mit den Denkmalbehörden.
Auch Enkel wird Pilot
Auf die Absturzstelle des B17-Bombers in Mechtersheim wurde er von dem kürzlich verstorbenen Zeitzeugen Heiner Hirt aufmerksam gemacht. Bei weiteren Nachforschungen stieß er auf detaillierte Aufzeichnungen des Co-Piloten Lieutenant Henry Skubik, der sich mit dem Fallschirm retten konnte, auf einem zugefrorenen Teich vermutlich bei Lingenfeld landete, das Bewusstsein verlor und gefangen genommen wurde. Nach dem Krieg diente er noch einige Jahre in der US Air Force.
Im Oktober 2020 macht Erik Wieman die Nachfahren von Henry Skubik in Florida ausfindig und staunt: Auch Sohn Gary und Enkel Ryan sind Piloten geworden. Gary flog Verkehrsmaschinen, Ryan ist Luftwaffenpilot. Doch es kommt noch besser: Ryan Skubik wird Ende 2020 für drei Monate nach Ramstein versetzt, von wo aus der 28-Jährige Versorgungsflüge zu verschiedenen Militärstützpunkten unternimmt. „Er wollte unbedingt nach Mechtersheim kommen“, erzählt Wieman. So einfach ist das gar nicht: Quarantäne in den USA, Quarantäne in Ramstein, ein gut gefüllter Dienstplan und Corona-Verordnungen führen immer wieder zu Terminverschiebungen.
Absturzstelle gezeigt
Doch am 13. Dezember steht Ryan Skubik zusammen mit Pilotenkollege Matt Cullen und Erik Wieman an der Stelle, an der das Flugzeug, aus dem sich sein Großvater gerettet hatte, auf den Boden schlug. „Ich habe den beiden alle Einzelheiten zur Absturzstelle erklärt und die Flugroute und die Stellen, an der andere Fallschirmspringer gelandet sind, auf einer Karte gezeigt“, sagt Wieman. Weiter geht es zu der Absturzstelle des deutschen Flugzeugs. Sehr gerührt ist Wieman von dem Geschenk, das ihm der junge Soldat mitbringt: eine Plakette, in dem Skubik Wieman im Namen seiner Familie für seine Arbeit dankt und dafür, dass nun ein Kapitel in der Geschichte der Familie Skubik seinen Abschluss findet.
Wenig später bekommt Wieman auch eine Rückmeldung von Ryan Skubiks Eltern. Sie seien gerade im Gottesdienst gesessen, als die Nachricht mit den Bildern aus Mechtersheim ankommt, schreibt Gary Skubik. Er und seine Frau hätten heimlich einen Blick darauf geworfen, als der Pastor beginnt, über die Hingabe zum Christentum zu sprechen und sie mit dem Sprung aus einem Flugzeug vergleicht, im Vertrauen darauf, dass der Fallschirm sich öffnet. Das habe ihm das Herz in die Magengrube rutschen lassen und seiner Frau Tränen in die Augen getrieben, berichtet Gary Skubik. Sobald es möglich sei, würden sie auch nach Deutschland kommen.
Zeitzeugen werden weniger
Für Erik Wieman sind die positiven Rückmeldungen von Menschen wie den Skubiks Motivation, weiterzumachen und nicht locker zu lassen mit den Nachforschungen. Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Henry Skubik hat den Besuch seines Enkels in Mechtersheim nicht mehr erlebt, er starb 2018. Und auch Heiner Hirt, der als Zeitzeuge Erik Wieman so viele Informationen gegeben hat, ist vor Kurzem verstorben. „Schade, er wäre sicher gerne dabei gewesen“, sagt Wieman.
Die Zeitzeugen werden immer weniger. Umso mehr würde Wieman sich freuen, wenn sich Menschen, die Flugzeugabstürze im Zweiten Weltkrieg hier in der Region erlebt haben, bei ihm melden. Insbesondere sucht er Zeitzeugen, die mitbekommen haben, wo die anderen Insassen des B17-Bombers nach ihrem Absprung gelandet sein könnten. Unter anderem müssten das Stellen bei Lingenfeld, Weingarten, Rheinsheim und Oberlustadt sein.
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