Rhein-Pfalz Kreis Absolut verzweifelt

Die Container als Obdachlosenunterkunft mitten in Birkenheide – einladend ist anders. Hier wohnt der Bruder von Hava Gümüs im Mo
Die Container als Obdachlosenunterkunft mitten in Birkenheide – einladend ist anders. Hier wohnt der Bruder von Hava Gümüs im Moment.

«Maxdorf.» Jedes Mal, wenn Hava Gümüs ihren Bruder anruft, hat sie ein ungutes Gefühl. Sie ist sich nicht sicher, ob er überhaupt noch ans Telefon geht. Mitunter fürchtet sie dann das Schlimmste, ohne es direkt auszusprechen. „Er hat den Lebenswillen verloren“, sagt sie, „er hat mit dem Leben abgeschlossen.“ Anfang April war Gümüs, die in Hessen lebt, das letzte Mal bei ihrem Bruder zu Besuch. Da half sie ihm, umzuziehen – von einer Fußgönheimer Notunterkunft in einen Container in Birkenheide. Drei Stück davon stehen im Ort, es sind Obdachlosenunterkünfte. „Ein Wechsel von Pest zu Cholera“, sagt Gümüs. Seit den frühen 1980er-Jahren ist der Türke, heute 54 Jahre alt, in Deutschland. „Er war immer berufstätig und hat seine Steuern gezahlt“, sagt Gümüs. Der Mann arbeitete als Erntehelfer und später als Lastwagenfahrer, erzählt sie. Vor vier Jahren verlor er seinen Job, weil die Firma zugemacht habe. Kurz darauf habe ihn seine Frau, mit der er zwei Kinder hat, verlassen. Er habe aus der gemeinsamen Wohnung in Maxdorf ausziehen müssen und kam in ein Haus nach Fußgönheim, in dem Asylbewerber untergebracht sind. De facto gilt der Mann als obdachlos. Seit Jahren suchen sie auf dem privaten Wohnungsmarkt eine Unterkunft, sagt Gümüs – ohne Erfolg. Sie sieht die Verbandsgemeinde in der Pflicht, für ihren Bruder eine angemessene Wohnung zu finden oder bereit zu stellen. Der E-Mail-Verkehr mit „Leuten aus dem Rathaus“, wie sie sagt, umfasst mittlerweile mehrere Seiten. Bereits das Haus in der Fußgönheimer Bahnhofstraße bezeichnet sie als „schäbig und verdreckt“. Dass die Unterkunft in keinem guten Zustand ist, bestätigt auch Sylvia Golfier, Leiterin der Abteilung Bürgerdienste im Maxdorfer Rathaus. „Sie ist marode“, sagt Golfier, beispielsweise sei die Kellertreppe zusammengebrochen. Deshalb soll das Haus kernsaniert werden. Ob das geschieht, müssten aber die politischen Gremien entscheiden. Heißt: So lange der Rat das nicht getan hat, passiert nichts. Leben kann dort aber niemand mehr, deshalb wurden die Bewohner umgesiedelt. „Das ist nicht ungewöhnlich“, sagt Golfier. Sie stellt zudem klar: Für Obdachlose ist in der Notunterkunft für ein halbes Jahr ein Platz vorgesehen. Danach sind sie angehalten, sich etwas eigenes zu suchen. Der Bruder von Hava Gümüs lebte hingegen seit vier Jahren dort. „Wir sind keine Immobilien-Makler“, sagt Golfier. Sie kritisiert die fehlende Eigeninitiative und eine zu hohe Erwartungshaltung gegenüber der Verwaltung. „Wir unterstützen jeden“, sagt Golfier ganz generell, „aber ob die Einzelnen dann auch selbst aktiv werden, ist etwas anderes.“ Die Schwester des Mannes entgegnet: „Es will doch niemand jemanden als Mieter, der Hartz IV bekommt.“ Dass sich an dieser Einkommenssituation etwas ändert, glaubt auch Hava Gümüs kaum. Ihr Bruder hat eine Hüftfehlstellung, hinkt und habe höllische Schmerzen. Er könne kaum 50 Meter am Stück gehen. „Ohne Gehstock, den er auf dem Sperrmüll gefunden hat, schon gar nicht“, sagt seine Schwester. Seine Ärzte empfehlen eine sofortige Operation. Ob er danach besser laufen kann oder womöglich dauerhaft im Rollstuhl sitzt, sei nicht absehbar. Zudem sei er schwerhörig und seine Sehkraft lasse auch immer mehr nach. Während andere Flüchtlinge, die erst später nach Fußgönheim gekommen seien, viel schneller eine Wohnung vermittelt bekommen hätten, würde sich die Verwaltung um ihren Bruder nicht kümmern, kritisiert Hava Gümüs. Stattdessen sei er in den Container nach Birkenheide gekommen, für sie ein Unding. Gümüs bezeichnet die Unterkunft als „menschenunwürdig“. Es sei etwa nicht zumutbar, dass ihn seine Kinder, zehn und zwölf Jahre alt, dort besuchen, sagt Gümüs. „Das würde die Mutter nicht zulassen“, sagt sie. Inzwischen seien sie aber doch schon bei ihrem Vater gewesen. Auch Sylvia Golfier weiß , dass die Container keine Ideallösung sind – für niemanden, der dort wohnen muss. „Unsere Wunschvorstellung ist, dass sie gar nicht erst gebraucht werden“, sagt sie. In ihrer Verzweiflung hat sich Hava Gümüs an den Linken-Politiker Gregor Gysi gewendet. Der Bundestagsabgeordnete hat einen Brief nach Maxdorf geschickt, der mit einem Appell endet: „Es steht die Frage, ob Sie es nicht ermöglichen können, ihn entsprechend seinen in Deutschland erbrachten Leistungen würdig unterzubringen.“ Doch unter Druck setzen lassen möchte man sich im Rathaus nicht. „Jeder, der Hilfe braucht, bekommt auch Hilfe“, sagt Golfier. Und fährt fort: Vielleicht wäre es besser, wenn die ganze Energie, die in den Briefwechsel mit der Verwaltung fließt, der Hilfe für den Mann zugute kommt. „Ich kann für mich und meine Leute sagen, dass wir alles tun, was uns möglich ist“, sagt sie, „aber es gibt Grenzen.“ Die Verbandsgemeindeverwaltung sieht sich auf einem guten Weg, bald eine Lösung für die Situation zu finden. Trotzdem erinnert Golfier daran, dass der Mann mitarbeiten muss. Einen Wohnberechtigungsschein etwa, Unterlagen vom Jobcenter oder ein Attest vom Arzt, das müsse er sich schon selbst organisieren. „Er braucht jemanden, der ihm hilft“, sagt Hava Gümüs über ihren Bruder, der „nicht so gut Deutsch spricht“. Sie selbst sieht sich weder als Vormund noch als Betreuer, sondern eher als familiäre Hilfe. Eine naheliegende Frage hat ihr auch die Verwaltung schon mehrmals gestellt: Wäre es nicht möglich, dass sie ihren Bruder bei sich in Hessen aufnimmt? Ihre Antwort: „Nein, das geht nicht.“

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