Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Abschied von Aschenberger: „Pfarrer muss auch als Mensch erfahrbar sein“

Denkt vor allem gern an die Begegnungen mit den Menschen in Waldsee zurück: Frank Aschenberger (rechts) bei seinem Abschiedgotte
Denkt vor allem gern an die Begegnungen mit den Menschen in Waldsee zurück: Frank Aschenberger (rechts) bei seinem Abschiedgottesdienst am Sonntag.

Dekan Frank Aschenberger, leitender Pfarrer der Pfarrei Heiliger Christophorus, ist am Sonntag nach elf Jahren in Waldsee verabschiedet worden. Im Gespräch mit Christine Kraus verrät er den Schlüssel für eine lebendige Gemeinde.

Herr Aschenberger, als Sie als Pfarrer in der Pfarrei Heiliger Christophorus angefangen haben, wurden die Gemeinden Waldsee, Otterstadt, Altrip, Neuhofen und Limburgerhof frisch zur Großpfarrei zusammengelegt. Hat das Zusammenwachsen rückblickend funktioniert?
Ich finde, es sind ein gutes Miteinander und tragfähige Strukturen entstanden. Nachdem wir die ersten fünf Jahre seit Gründung ganz stark auf Integration gesetzt haben, sind in der Corona-Zeit die einzelnen Gemeinden wieder stärker in den Blick gekommen. Darin sehe ich einen Reifeschritt. Damit so eine große Pfarrei funktionieren kann, braucht es starke Gemeinden, in denen Verantwortung für Kirche am Ort übernommen wird, ohne dass das gemeinsame Ganze aus dem Blick verloren wird. Wir haben weder ein reines Kirchturmdenken noch ein Auflösen der Gemeinden zugunsten der Zentralpfarrei. Die Entwicklung oszilliert im Miteinander der Gemeinden und der Zentralpfarrei. Das muss sich über Jahre einpendeln. Die Gemeinden haben ein Recht auf Eigenständigkeit. Neuhofen wird nie sein wie Otterstadt, das muss und soll es auch nicht. Die Herausforderung ist es, neben der Eigenständigkeit auch eine Pfarreiidentität aufzubauen. Ich finde, dass wir als Pfarrei Heiliger Christophorus sehr gut unterwegs sind. Es gibt nicht die eine allgemein gültige Lösung, die für alle gleich gut ist – Kirche braucht Vielfalt.

Ihre Stelle als leitender Pfarrer wird zum 1. November ausgeschrieben. Womit würden Sie den potenziellen Bewerbern diesen Job schmackhaft machen?
Zuallererst ist die Pfarrei Waldsee auch nach zwei Jahren Corona immer noch eine lebendige Pfarrei mit fünf selbstständigen Gemeinden und vielen ehrenamtlich Engagierten. Wir haben ein im Jahr 2011 auf den aktuellen Stand der Technik gebrachtes Pfarrhaus, eine Pfarrerwohnung, die nach einem Anstrich direkt bezugsbereit ist. So was hatte ich noch nie. Bei mir hat das zwischen neun und 13 Monaten gedauert, bis ich einziehen konnte. Es sind nur fünf Kirchen, nicht 20 wie in manch anderer Großpfarrei. Und es sind aktuell noch zwei weitere Priester im Team sowie zwei erfahrene und gut eingearbeitete Pastoralreferentinnen.

Was oder wen würden Sie Ihrem Nachfolger besonders ans Herz legen?
Die Balance zwischen den Einzelgemeinden und der Zentralpfarrei und einen wertschätzenden zugewandten Umgang mit den Ehrenamtlichen. Das ist der Schlüssel, warum die Gemeinde im Moment so lebendig ist, wie sie ist. Es reicht heute nicht mehr, den Glauben mit den Menschen zu teilen, ein Pfarrer muss auch als Mensch erfahrbar und spürbar sein.

Sie haben, wie andere Pfarrer, in der Vergangenheit immer wieder kritisiert, dass leitende Pfarrer zunehmend Verwalter sein müssen. Sie haben sogar einen Masterabschluss in Betriebswirtschaftslehre. Eigentlich wären Sie doch der geborene Verwalter, oder?
Der Punkt ist nicht, dass ich das nicht könnte, sondern, dass ich das in diesem Maß, wie es erforderlich ist, nicht will. Dass ich Unternehmensführung studiert habe, bedeutet nicht, dass ich ein Manager sein möchte, sondern dass ich es in dem Bereich, wo ich es machen muss, besser bewältigen kann. Wenn ich einen Haushalt verantworten muss, möchte ich ihn auch verstehen können. Das Theologie-Studium versetzt einen nicht in die Lage, einen doppischen Haushaltsansatz zu verstehen. Die Weiterbildung des Bistums bislang auch nicht.

Welche Erinnerungen nehmen Sie gerne mit?
Die schönste Erinnerung habe ich an Begegnungen mit den Menschen: am Sterbebett, mit Brautpaaren und auch mit jungen Menschen, mit den Messdienern und Firmlingen, in Krisensituationen und in Freudenmomenten. Einer der erfüllendsten Momente für einen Seelsorger ist, wenn sich jemand in einer schweren Krise an dich wendet, weil über Jahre hinweg Vertrauen gewachsen ist. Gerade hier zeigt sich, dass es einen Wert und einen Sinn hat, dass man da ist. Aber es ist ein Geben und Nehmen. Die große Anteilnahme der Menschen in der Pfarrei am Tod meines Vaters war mir sehr tröstlich und wertvoll, hier ist auch viel Wertschätzung für die eigene Person spürbar geworden.

Was werden Sie am meisten vermissen?
Wahrscheinlich, Menschen über einen längeren Zeitraum begleiten zu dürfen und Entwicklungen zu sehen. Ich bin jemand, der Potenzial sieht und fördert. Ich kann andere groß sein lassen, ohne dass ich dabei kleiner werde. Das geht als Krankenhausseelsorger in ein, zwei Gesprächen am Krankenbett so nicht. Was ich auch vermissen werde, sind natürlich die Espresso-Gespräche mit den Haupt- und Ehrenamtlichen.

Bei ihrer Verabschiedung kamen alle Priester, die in der Vergangenheit zum Seelsorgeteam gehörten. Dabei ist aufgefallen: Ihr ehemaliger Kooperator Michael Paul wurde gerade zum Dekan von Neustadt gewählt, der ehemalige Kaplan Dominik Geiger ist Dekan von Ludwigshafen und und Kaplan Thomas Ott Kooperator in Pirmasens. War Waldsee in den vergangenen Jahren die Kaderschmiede des Bistums?
Nein, wir hatten Glück und haben gute Leute gekriegt. Die hatten hier bei uns die Chance und die nötigen Freiräume, sich weiter zu entwickeln und zu entfalten. Es hat mich sehr bewegt, dass sie alle da waren, weil das zeigt, wie wertvoll die Zeit in Waldsee für sie und für mich war. Mir hat die Ausbildung immer Spaß gemacht mit den Praktikanten und den Kaplänen: die Impulse aufzunehmen, die die mitbringen und eigene Erfahrungen gemeinsam zu reflektieren und weiter zu geben.

Worauf freuen Sie sich in Ihrer neuen Stelle als Krankenhausseelsorger?
Auf intensive seelsorgliche Gespräche. Mit den Patientinnen und Patienten im Bundeswehrzentralkrankenhaus, vor allem auch mit den Soldatinnen und Soldaten, die da stationiert sind. Ich bin ja auch Standortpfarrer für das soldatische Personal und deren Familien. Theoretisch ist alle zwei Jahre eine Einsatzbegleitung vorgesehen. Das wird herausfordernd, aber ich kann mir das gut vorstellen, weil in diesen Situationen Seelsorge besonders wichtig ist.

Die Gemeindemitglieder kennen Sie nicht nur als Priester, sondern auch als Imker, Brotbäcker, Gewürzmischer, Koch und als einen, der mit anpackt, egal ob Tische für ein Fest gestellt oder Corona-Abstände in den Kirchenbänken abgemessen werden. Dozent an der Uni waren sie auch. Was kommt jetzt als nächstes in Koblenz?
(Lacht vielsagend… und schweigt)

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