Frankenthaler Umland RHEINPFALZ Plus Artikel Abgesagte Kerwen und Dorffeste: „Das Dorfleben ist tot“

Im vergangenen Jahr zog das Fischerstechen, bei dem unter anderem die Pfadfinder gegen die Blubberbärchen vom RCV antraten, viel
Im vergangenen Jahr zog das Fischerstechen, bei dem unter anderem die Pfadfinder gegen die Blubberbärchen vom RCV antraten, viele Besucher an. Für dieses Jahr ist das Gondelfest in Bobenheim-Roxheim abgesagt.

Die Zeit des strengen Lockdowns ist vorbei. Großveranstaltungen bleiben bis Ende August aber noch untersagt. Was genau eine Großveranstaltung sei, bleibt unklar, bemängeln die Ortsbürgermeister im Frankenthaler Umland. Kerwen sind mit Abstandsregeln und Mundschutzpflicht zumindest undenkbar. Doch was bedeuten die Absagen für die Dorfgemeinschaft?

Feste, Vereinsaktivitäten, Restaurantbesuche – das ist der Kitt, der die Dorfgemeinschaft zusammenhält. In normalen Zeiten zumindest. Doch mit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus und den Einschränkungen in der Pandemie ist vieles plötzlich anders. „Das Dorfleben ist tot, stillgelegt“, beobachtet etwa Frank Peter (CDU), Erster Beigeordneter in Bobenheim-Roxheim. Bürgerfest, Gondelfest, Serata Italiana: Alle Veranstaltungen sind für dieses Jahr zunächst abgesagt. Peter hofft, dass ab September „wieder alles möglich ist“.

Der Motivwagen wird gebaut

In Beindersheim hätte die Kerwe mit einem Umzug neu belebt werden sollen, in Lambsheim hatten sich die Einwohner unter anderem aufs Fischerfest, die Kerwe und die Wein-Weiher-Wanderung gefreut. „Das Grillen für Senioren ist natürlich auch abgesagt, das wäre viel zu gefährlich“, sagt Dorfchef Herbert Knoll (CDU).

In Kleinniedesheim hält man dagegen fest am Kerwe-Traum: „Wir wollen am dritten Augustwochenende feiern, ob wir das dürfen, ist eine andere Frage“, sagt Bürgermeister Ewald Merkel (FWG). Man bereite sich vor, plane „vorsichtig“ und baue an einem neuen Motivwagen mit Bezug zur Gemeinde. „Aber Alleingänge machen wir nicht“, sagt Merkel.

Nur vier Leute an der Biertischgarnitur

Selbst wenn eine Kerwe mit ein paar Hundert Teilnehmern erlaubt wäre: Wie sollen die Vorschriften bezüglich des Sicherheitsabstands eingehalten werden auf den Fahrgeschäften, auf dem Umzug, im Festzelt? Das fragt sich Holger Korn (SPD), Ortsbürgermeister von Heßheim, und kommt zum Schluss: „Das funktioniert gar nicht.“ Sein Gerolsheimer Kollege Erich Weyer (FWG) rechnet vor: An einer Biertischgarnitur hätten bequem zehn Menschen Platz, mit dem vorgeschriebenen Abstand dürften aber nur vier daran sitzen. „Dann lassen wir es lieber“, lautet sein Fazit. Und auch der Dirmsteiner Ortschef sieht in den Hygienerichtlinien eine Hürde: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass beim Bierfest im Juli Besucher und Servicekräfte mit Mundschutz rumlaufen“, sagt Bernd Eberle (FWG).

Abgesagt bis Anfang September sind alle Feste in Großkarlbach – vom Dorffest in der Kändelgasse und dem Mühlentag über die Lange Nacht des Jazz bis zur Vatertagswanderung. Grund sind laut Veranstalter, dem Motor- und Touristikclub, die hygienischen Verhältnisse im Wald. Es gebe keine Toiletten und auch kein heißes Wasser, um Gläser zu spülen. Einzig das Weingut Frank Dietrich glaubt, die geplanten Weinwanderungen am 4. Juli und 8. August durchführen zu können. „Wir sind ja draußen, können problemlos Abstand halten“, sagt Dietrich.

Kann der Weihnachtsmarkt stattfinden?

Verschoben werden muss auch die Kerwe in Laumersheim. „Wir hatten für dieses Jahr ein Kerwekomitee gegründet, wollten das Fest neu gestalten“, sagt Bürgermeister Arno Wieber (CDU). Er vermutet, dass der Weihnachtsmarkt die erste größere Veranstaltung sein wird, die im Weinort stattfinden kann. Anders ist es da in Heuchelheim: Die Verträge für die Kerwe Ende September sind unter Dach und Fach, sagt Bürgermeister Frank Klingel (FWG), aber „wir passen uns der Situation an.“ Mit Schaustellern und Band sei man im Gespräch.

Für die Vereinskassen bedeuten die Absagen vor allem eines: hohe Einnahmenausfälle. Um sie zu unterstützen, könnten die Kommunen die Vereinsförderung ausweiten – sofern sie nicht selbst von Einbußen geplagt werden. Denn wie Erich Weyer etwa erinnert, könne die Gemeinde das Dorfgemeinschaftshaus nicht vermieten. Das sorgt für ein Loch in der Gemeindekasse. Man werde „keinen Verein im Regen stehen lassen“, sagt Ewald Merkel. Die Großniedesheimer denken derweil darüber nach, ein Ersatzfest im Herbst zu veranstalten, damit die Vereine noch etwas verdienen können. „Vielleicht nicht in der Größenordnung einer Kerwe“, schränkt Ortschef Michael Walther (SPD) ein.

Das Dorf rückt in der Krise zusammen

Doch die Finanzen sind nur die eine Seite. Was macht die Absagewelle mit der Dorfgemeinschaft? Frank Peter hat laut eigener Aussage keine bösen Worte vernommen. Schwer falle den Menschen aber offenbar die Sperrung des Silbersees. Gleichzeitig formieren sich immer mehr Nachbarschaftshilfen im Frankenthaler Umland. Die Menschen sind füreinander da. Und die Pandemie führt vielerorts zu einer Entschleunigung. Im März und April habe in Großniedesheim eine „ganz andere Stimmung geherrscht, nicht so hektisch“, sagt Michael Walther. „Ich würde mir wünschen, dass es ein bisschen so bleibt“, sagt der Beindersheimer Bürgermeister Ken Stutzmann (SPD).

Fässer werden in diesem Jahr nicht über die Großkarlbacher Straßen gerollt.
Fässer werden in diesem Jahr nicht über die Großkarlbacher Straßen gerollt.
Volle Zelte, wie beim Fischerfest in Lambsheim im vergangenen Jahr, sind in Zeiten der Pandemie undenkbar.
Volle Zelte, wie beim Fischerfest in Lambsheim im vergangenen Jahr, sind in Zeiten der Pandemie undenkbar.
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