Rhein-Pfalz Kreis Ab 9,35 Meter am Pegel wird evakuiert

Gegen ein statistisch alle 100 Jahre auftretendes Rheinhochwasser ist die Vorderpfalz mit verstärkten Deichen und Rückhalteräumen ganz gut gewappnet. Was aber, wenn es schlimmer kommt und der Oberrhein sehr viel höher steht als die Deiche? Dann werden weite Teile von Bobenheim-Roxheim überflutet, bricht die Infrastruktur zusammen, muss der Ort evakuiert werden. Darum ging es am Dienstag in der Jahnhalle bei einer Einwohnerversammlung, die Ralf Schernikau vom Landesumweltministerium moderierte. „Sie sind die ersten, die sich am Oberrhein so intensiv damit beschäftigen“, sagte er den rund 120 Bürgern und erinnerte an den Start des Pilotprojekts vor anderthalb Jahren. Inzwischen ist die Gemeindeverwaltung so weit, dass sie einen Alarmplan und ein Merkblatt erstellt hat. Bürger sind eingeladen, sich mit Ergänzungen, Anregungen und Fragen an der Optimierung des Entwurfs zu beteiligen. Fakt ist laut Frank Unvericht, Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste bei der Gemeinde, dass bei einem Extremhochwasser die kritische Infrastruktur im Dorf zusammenbricht. Trafo- und Übergabestationen stehen dann beispielsweise im Wasser, sodass der Strom und damit auch Telekommunikationsanlagen ausfallen. Straßen sind überspült, was sich negativ auf die Versorgung mit Gütern und medizinischen Hilfen auswirkt. Die Abwasserentsorgung funktioniert nicht mehr und auch nicht die Trinkwasserversorgung. Deshalb können auch die Bewohner nicht überfluteter Ortsteile nicht mehr in dem Dorf leben. „Von der Evakuierung werden aber nur rund 1000 Einwohner betroffen sein“, sagte Frank Unvericht. „Alle anderen sind mobil und können sich selbst über die A 6 und die L 523 auf den Weg machen.“ Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einer derartigen Katastrophe gering ist, wie an dem Abend immer wieder betont wurde: Frank Unverichts Empfehlung an die Bürger lautete, jetzt schon darüber nachzudenken, bei welchen Verwandten und Freunden Sie unterkommen könnten. Wie Transportmittel und Unterkünfte für die erwähnten zehn Prozent der Einwohner beschafft werden, ist noch unklar. Die Koffer sollten für 14 Tage gepackt werden. Von der bevorstehenden Evakuierung sollen die Bobenheim-Roxheimer über Lautsprecher, Flugblätter, Apps und den Rundfunk erfahren. Es gibt einen Hochwasser-Alarmplan (siehe „Zur Sache“), in dem festgelegt ist, ab welcher Rhein-Pegelhöhe was in die Wege zu leiten ist. „Am Rhein beträgt die Vorwarnzeit drei Tage“, beruhigte Ralf Schernikau die Zuhörer. „Da kann man eine ganze Menge vorbereiten.“ Gut fand der Moderator die Idee aus der Versammlung, die drohenden Wasserstände im Dorf sichtbar zu machen, zum Beispiel mit Kennzeichen an Laternenpfosten oder Gebäuden. „Dann kann man sich das alles besser vorstellen“, meinte ein Bürger. Kritik gab’s an der Internetseite beziehungsweise der Hochwassergefahrenkarte, auf der jeder mit ein paar Mausklicks sehen kann, wie gefährdet sein Haus ist. „Das funktioniert schlecht bis gar nicht“, war der Tenor mehrerer Zuhörer. Schernikau versprach, sich darum zu kümmern. Als flankierende, eher schadenbegrenzende Maßnahme stellte Frank Unvericht das Abriegeln der drei Teilgebiete zwischen Worms und Ludwigshafen vor (wir berichteten). Allerdings gebe es dort noch drei Schwachstellen, sogenannte Breschen, zu beseitigen. Auf Fotos wurde gezeigt, wie die Feuerwehr im Mai geübt hat, eine Wasserbarriere auf der Bundesstraße 9 in Höhe der Heiligensandbrücke zu errichten. Vorsorge für den Ernstfall am Oberrhein sollten aber nicht nur das Land, und die Kommunen treffen, sondern auch die dort wohnenden Bürger. Deshalb regte Michael Eiden von der Uniwasser GmbH mit ein paar grundsätzlichen Bemerkungen an, dass sich Hausbesitzer und künftige Bauherren mit hochwasserangepasstem Planen, Bauen und Sanieren beschäftigen. Andreas Berger von der Versicherungskammer Bayern zerstreute Sorgen, eine Versicherung gegen Elementarschäden könnte für Bobenheim-Roxheimer inzwischen sehr teuer ausfallen oder sogar verweigert werden. Bürgermeister Michael Müller (SPD) stellte am Ende der anderthalbstündigen Veranstaltung bei großer Schwüle fest, dass bis zum endgültigen Hochwasserschutz-Konzept und dem Abschluss des Pilotprojekts noch ein paar Hausaufgaben zu machen seien und ermunterte die Anwesenden zur Mitarbeit. (ww)