Römerberg RHEINPFALZ Plus Artikel 90-Jähriger Berghausener erzählt, wie sich sein Heimatort verändert hat

Wird am Mittwoch 90 Jahre alt und schreibt seit vielen Jahren für die RHEINPFALZ: Otto Haaf mit seiner Frau Anna.
Wird am Mittwoch 90 Jahre alt und schreibt seit vielen Jahren für die RHEINPFALZ: Otto Haaf mit seiner Frau Anna.

Fast ein ganzes Jahrhundert sieht Otto Haaf, wenn er auf sein Leben zurückblickt. Als Kind hat er den Krieg erlebt, dann wie die Pfalz von den Alliierten besetzt wurde, später die Wirtschaftswunderzeit. Dabei hat er hautnah erfahren, wie sich sein Heimatort Berghausen gewandelt hat. Haaf hat einige abenteuerliche Anekdoten auf Lager.

„Kolonialwarenladen“ – schon das Wort klingt nach einer anderen Epoche. Einen solchen besaßen jedenfalls die Eltern von Otto Haaf im Jahr 1930, als der Berghausener geboren wurde. Neben dem Haafschen Geschäft gab es noch zwei andere ähnliche Läden in Berghausen – lang ist’s her. „Aber wir hatten das größte Sortiment“, berichtet Haaf nicht ohne Stolz.

Natürlich war Klein-Otto eine Hausgeburt – auch das ist heutzutage eine Seltenheit. Die Schulzeit stand unter keinem guten Stern: Haaf erinnert sich noch, wie von der deutschen Sütterlin- auf die lateinische Schrift umgestellt wurde. Die Kinder mussten alle Buchstaben noch einmal neu lernen. In den höheren Klassen wurden die Berghausener Schüler in Heiligenstein unterrichtet. Doch oft – mittlerweile war Krieg – ertönte der Fliegeralarm, während sie mit dem Fahrrad unterwegs in den damals noch eigenständigen Nachbarort waren und sie mussten wieder umkehren. „Ein Jahr habe ich wegen des Schreibens verloren, eins wegen Fliegeralarm“, beschreibt Haaf die Widrigkeiten für die Schüler dieser Zeit.

Bei der Berufswahl zum Ende des Krieges spielte der Zufall eine große Rolle: „Als ich auf das Arbeitsamt kam, wusste ich noch nicht, was ich lernen werde“, erinnert sich Haaf. Heraus kam er als künftiger Bäcker-Lehrling. „Das war halt gerade frei“, sagt er. Haaf kam in einer Speyerer Bäckerei unter. Dort erlebte er am 23. März die Sprengung der Rheinbrücke durch die auf dem Rückzug befindliche Wehrmacht.

Brot für fremde Soldaten

Kurz darauf waren die Alliierten – erst Amerikaner, dann Franzosen – da. Die Backstube, in der Otto Haaf arbeitete, stellte das Backwerk für die fremden Soldaten her. „Das Weißbrot war für uns was Neues“, erinnert sich Haaf. Fast hätte der junge Berghausener in dieser Zeit eine waghalsige Aktion mit dem Leben bezahlt: Mit einem Fotoapparat knipste er amerikanische Panzer auf ihrem Weg durch Berghausen durch den Fensterladen seines Elternhauses. Die Soldaten hätten in seine Richtung geschaut, seien aber weitergefahren. Ein Schulfreund, der gleiches tat, hatte weniger Glück. „Auf ihn wurde geschossen und der linke Arm getroffen“, sagt Haaf. Den Fotoapparat legte der Berghausener später in eine Tonne und bedeckte ihn mit Sand um ihn vor dem Zugriff der Franzosen zu schützen. Diese folgten nämlich den Amerikanern und gaben Berghausen für ihre Soldaten eine Nacht lang zur Plünderung frei. Auch hier hatte Haaf Glück, dass ihm nichts geschah, denn er beobachtete, versteckt unter einer Decke, wie ein fremder Soldat das elterliche Haus betrat und sich Geldscheine griff. Einen Revolver, den der Vater privat besaß, vergrub die Familie vor Anrücken der Alliierten in der Erde. Wiedergefunden hat Otto Haaf die Waffe bis heute nicht.

Wenige Jahre später verschlug es den heimatverbundenen Berghausener der Arbeit wegen zu einer Bäckerei in Kaiserslautern. „Das war für mich Ausland“, erinnert er sich. Allerdings gab es auch dort eine glückliche Fügung: Er lernte seine spätere Frau Anna kennen. In dieser Zeit ereilte Otto Haaf auch eine seltene Blutkrankheit. Diese überstand er zwar, allerdings rieten die Ärzte ihm, den Bäckerberuf aufzugeben. Sein handwerkliches Geschick kam ihm aber zupass bei seiner nächsten beruflichen Station: den Flugzeugwerken in Speyer. Dort blieb er fast 30 Jahre. Dann kamen Entlassungswellen und Arbeitskampf. Haaf entschied sich schließlich, mit Mitte 50 „zu Hause zu bleiben“.

Corona: „Eine Belastung“

Mittlerweile wohnte er mit seiner Frau wieder in Berghausen. Haaf erlebte mit, wie sein Heimatdorf wuchs und sich die Bevölkerungsstruktur veränderte. Heute wohnten in den meisten der rund 30 Häuser in seiner Straße Zugezogene, berichtet Haaf. In der Heimat stürzte er sich ins Vereinsleben: In den 1970ern gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des örtlichen Pfälzerwald-Vereins sowie des Heimatvereins. So kam er auch zur Zeitung: Als Schriftführer schickte er Texte an die Redaktion, die ihn irgendwann als freien Mitarbeiter einsetzte – zunächst die „Speyerer Tagespost“, später die „RHEINPFALZ“.

Gut erinnern kann sich Otto Haaf noch an den Zusammenschluss von Berghausen, Heiligenstein und Mechtersheim zu Römerberg im Jahr 1969. „Die Älteren waren skeptisch“, sagt er. Streit gab es unter anderem über den Namen des neuen Gebildes. „Die Berghausener und die Heiligensteiner waren nicht so gut befreundet“, sagt Haaf. „Die Heiligensteiner waren – wie der Name schon sagt – immer ein bisschen ,heilig’. Da musste man aufpassen, wenn man einen Witz erzählt hat.“ Bis man sich als Römerberger gefühlt hat, habe es eine ganze Weile gedauert. „Es ist schade, dass die drei Ortsnamen von der Landkarte verschwunden sind“, findet er. Die nächste Fusion mit der Verbandsgemeinde Dudenhofen 2014 bleibt für Haaf bis heute eher abstrakt: „Mit Dudenhofen haben wir überhaupt nichts am Hut“, sagt er.

Die Corona-Pandemie empfinden die Haafs als Belastung, zumal sie als Angehörige einer Risikogruppe besonders vorsichtig sein müssen: „Wir sind eine gesellige Familie und haben viele Bekannte“, sagt Haaf. Der Verzicht auf Treffen mit Freunden und der Ausfall von Festen bedrückt ihn. Auch heute wird es auf Otto Haafs Wunsch wohl keine Besuche geben. Doch das soll irgendwann nachgeholt werden: „Irgendwann wird gefeiert. Ich habe schließlich das ganze Jahr über Geburtstag“, sagt der 90-Jährige und lacht.

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