Rhein-Pfalz Kreis 800 Seiten dicke Akte

Mutterstadt/Ludwigshafen. In der Eigentumswohnung von Ernst und Cornelia Fatho im Mutterstadter Neubaugebiet Am alten Damm wuchert Schimmel. Im Clinch mit der Baufirma haben sie ein Beweissicherungsverfahren beim Amtsgericht Ludwigshafen angestrengt. Das läuft nun bereits seit sechs Jahren – mit der inzwischen achten Richterin. Das Ehepaar ist frustriert.
Als Ernst Fatho und seine Frau Cornelia im September 2008 in die Maisonette-Wohnung, die Unter- und Erdgeschoss umfasst, eingezogen sind, war ihre Welt noch in Ordnung. Das Gebäude war im selben Jahr errichtet worden, Anlass zur Sorge gab es anscheinend nicht. Das sollte sich bald ändern. Schon im November stellten die beiden fest, dass das Untergeschoss von Schimmel befallen war. Mittlerweile sind alle fünf Zimmer und der Kriechkeller betroffen. Die Auseinandersetzung mit dem Bauträger gipfelte darin, dass die Fathos im Juli 2009 ein Beweissicherungsverfahren beim Amtsgericht Ludwigshafen anstrengten. Ein solches Verfahren dient dazu, die gegenwärtige Situation zu dokumentieren, damit keine Beweise für einen möglicherweise folgenden Prozess verloren gehen. Die strittige Frage ist vor allem, ob die Außendämmung beziehungsweise die Isolierung damals fachgerecht erledigt wurde. Falls nicht, könnte so die Feuchtigkeit ins Innere gelangen, die dem Schimmel den Weg bereitet, der sich trotz diverser Entfernungsversuche in der Wohnung hartnäckig hält. Dann müsste das verantwortliche Unternehmen für den Schaden aufkommen. Um das zu klären, wurde ein Sachverständiger eingeschaltet. Er empfahl den Einsatz einer Wärmebildkamera sowie bauphysikalische Berechnungen. „Das war 2011. Die Berechnungen des Bauphysikers sind bis heute nicht erfolgt“, sagt Ernst Fatho. Und: Ein Privatgutachten bescheinige dem Sachverständigen falsches Vorgehen. Er habe inzwischen auch eingeräumt, dass er gar nicht die nötige Qualifikation besitze, um den umstrittenen Sachverhalt zu klären. Es sei nicht sein Fachgebiet. Aus diesem Grund lehnen die Fathos seine Lösungsvorschläge ab. Das Gericht halte jedoch an ihm fest. Es habe sich um ein Missverständnis gehandelt, laute die Einschätzung der Richterin, so Fatho. Was Ernst Fatho zusätzlich zusetzt: Er ist laut ärztlichem Attest just gegen die Art von Schimmel, der in seiner Wohnung auftritt, hoch allergisch. Der HNO-Arzt habe ihm geraten, sofort auszuziehen. Doch das kann sich die Familie nicht leisten. Zumal sie bereits 14.500 Euro in das Beweissicherungsverfahren investiert hat. Dass sich dieses seit sechs Jahren hinzieht, verstehen weder die Fathos noch ihr Anwalt Roland Halling. Ebenso wenig können sie nachvollziehen, dass sich der Vorsitz ständig änderte, jetzt bereits die achte Richterin das Verfahren leitet und noch immer kein Baurechtsexperte damit betraut wurde. „Ich bin seit 40 Jahren im Beruf, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Normalerweise dauert es ein halbes oder ein Dreivierteljahr, bis der Gutachter eine abschließende Erklärung abgibt, bei sehr komplexen Fällen vielleicht mal bis zu zwei Jahre“, sagt Halling. Der ungewöhnlich häufige Wechsel der Richter und Richterinnen liege im System begründet, erklärt Bernhard Philipps, Leiter der Zivilabteilung beim Amtsgericht, auf Nachfrage. Ein Kollege sei in Pension gegangen, ein anderer kurzfristig eingesprungen, bis der eigentliche Ersatz eintraf. Weitere Gründe: die Betreffenden wurden in andere Referate versetzt, zum Beispiel zum Straf- und Insolvenzrecht. Zudem sei eine Richterin schwanger geworden und in Elternzeit gegangen. Für die Dauer des Verfahrens sei das alles gewiss nicht von Vorteil gewesen. Aber: Bei einem Beweissicherungsverfahren moderierten Richter eher. „Am Ende ergeht keine Entscheidung des Gerichts“, stellt er klar. Deshalb hänge der Fortschritt sehr stark von den beteiligten Parteien ab. Im vorliegenden Fall sei das Verfahren von beiden Seiten nicht glücklich geführt worden. Ständig neue Fragen, Nachfragen und Ergänzungsanträge hätten es immer wieder verzögert. Dazu zähle auch die zuletzt erfolgte Ablehnung der Richterin und des Sachverständigen durch die Fathos. Bei einem weiteren Termin am vergangenen Freitag empfahl der Sachverständige nun einen Statiker und den Einsatz einer Spezialfirma, die Bohrungen vornimmt. Die Richterin indes möchte sich in der Zwischenzeit noch einmal in die 800 Seiten umfassende Akte einlesen. Damit geht für Familie Fatho das Warten weiter – und das Bezahlen auch.