Rhein-Pfalz Kreis 500 Versuche bis zum glutenfreien Brot

Samir und Monika Charrak zeigen, wie ihre Brote aussehen, schmecken und zubereitet werden. Im Sortiment gibt es auch eine Grundb
Samir und Monika Charrak zeigen, wie ihre Brote aussehen, schmecken und zubereitet werden. Im Sortiment gibt es auch eine Grundbackmischung, aus der man verschiedene eiweißreiche Kuchen herstellen kann.

«Bobenheim-Roxheim.» Es kommt sicher nicht häufig vor, dass der rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister aufs Land fährt und einer unscheinbaren Firma fast eine Million Euro schenkt. Volker Wissing hat das kürzlich auf seiner Sommertour gemacht, und zwar in Bobenheim-Roxheim, wo die Charrak Nutrition GmbH seit 2015 Lebensmittel mit dem Markennamen Dr. Almond herstellt. Die auf kohlenhydratarme und glutenfreie Nahrung spezialisierte Firma muss wegziehen, um wachsen zu können. Dafür bekommt sie Geld aus der Landesförderung für die Konversionsfläche in Sembach bei Kaiserslautern. Dass es mal so kommen würde, hätten Monika und Samir Charrak nicht gedacht, als sie – frisch promoviert – in der Pfalz bei zwei Chemieunternehmen Arbeit fanden. Das seien ungewohnte Bürojobs gewesen ohne viel Lauferei im Labor wie früher, erzählt Monika Charrak. Sie und ihr Mann seien irgendwann übergewichtig gewesen und zu einer Low-Carb-Diät, also einer kohlenhydratarmen Ernährung übergegangen, mit der sie 20 Kilo abgenommen hätten. Zucker und Stärke, wie sie in Getreide oder Kartoffeln vorkommt, meidet das Ehepaar. Doch Unwohlsein und heftige Schübe ihrer diversen Allergien brachten die heute 34-Jährige nach der Ernährungsumstellung darauf, „dass stärkereduzierte Brote viel mehr Gluten enthalten als Standardbrot“, sagt sie. Und auf diesen Weizenkleber führt Charrak ihre Beschwerden zurück. Die Kombination „low carb und glutenfrei“ habe es auf dem Markt nicht gegeben, aber ganz auf Brot verzichten wollten die beiden Nordrheinwestfalen nicht. „Wir sind Chemiker und haben eine große Frustrationstoleranz, was das Ausprobieren betrifft“, sagt Monika Charrak. „Das Tüfteln gehört zum Beruf.“ Es brauchte mehr als 500 Versuche, bis eine Backmischung erfunden war, die nur wenige Prozente Kohlenhydrate und kein Gluten enthält und – mit Wasser verrührt und gebacken – die gewohnte Konsistenz hat und noch dazu schmeckt. Die wichtigsten Zutaten seien entölte Mehle aus Nüssen, Kernen und Ölsaaten. Nach so viel Arbeit und so gutem Ergebnis wollten die Charraks die Brotmischung nicht für sich behalten, sondern gingen damit 2014 auf den Markt – um sich verwundert die Augen zu reiben, wie schnell sich die Sache in Low-Carb-Kreisen herumsprach und Anklang fand. „Wir haben zu Hause in einem 20-Quadratmeter-Keller in Friesenheim begonnen, doch schon nach drei Monaten war klar, dass der zu klein ist“, sagt die 34-Jährige. In Bobenheim-Roxheim fand das Paar in der Carl-Benz-Straße ein größeres Wohnhaus. Von außen erkennt man nicht, dass dort inzwischen 70 Mischungen hergestellt werden, vornehmlich für Brot, Kuchen, Pasta, Desserts. Zählt man noch Nussmehle, Bindemittel und Handelswaren wie Backformen dazu, kommt das Unternehmen auf 350 Produkte. „In Bobenheim-Roxheim wird nur produziert, nicht verkauft“, betont Samir Charrak (37). Ihm tut es leid, wenn er jemanden an der Haustür wegschicken muss, der etwas kaufen will. Gelagert wird die Ware hauptsächlich in Viernheim, von dort wickelt ein sogenannter Fullfillment-Partner die online eingegangenen Bestellungen ab und versendet die Produkte an die Endverbraucher. Die Charraks sprechen von 35.000 Kunden im In- und Ausland und einer Internetcommunity mit 100.000 Followern, die sich auf Facebook über die Erfahrungen mit Dr. Almond, über Rezepte und Verbesserungsmöglichkeiten austauschen. „Wir sind in der Szene bekannt“, sagt Monika Charrak. „Ansonsten sind wir bisher bewusst unter dem Radar geflogen.“ Man wollte in der Lebensmittelbranche keine schlafenden Hunde wecken. Der Artikel jetzt in der Frankenthaler RHEINPFALZ sei der erste Pressebericht über das Unternehmen. Entsprechend zurückhaltend sind die beiden, was betriebliche Zahlen und Fakten angeht. Von einem rasanten Wachstum kann man allerdings ausgehen. Das Ehepaar, das vier Mitarbeiter in Teilzeit beschäftigt, hat seine gut bezahlten Jobs in der Industrie längst aufgegeben und investiert demnächst 3,7 Millionen Euro in ein neues, größeres Firmendomizil in Sembach auf einem ehemaligen Militärgelände, das ein Gewerbepark werden soll. Die Expansion sei notwendig, sagen Samir und Monika Charrak, die gern – auch wegen der Mitarbeiter – in Bobenheim-Roxheim geblieben wären, aber dort gebe es keine unbebaute Gewerbefläche mehr, die groß genug sei. „In Sembach kaufen wir 10.000 Quadratmeter und bekommen die Option auf 15.000“, sagt die Chemikerin. „Dieser nächste Schritt muss langfristig sein.“ Der Umzug könnte im nächsten Sommer stattfinden, schätzt sie, und bis 2020 könnten es bei Charrak Nutrition zehn Mitarbeiter sein. Noch Fragen? Mehr über die Produkte von Samir und Monika Charrak im Internet unter https://lowcarb-glutenfrei.com.

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