Pirmasens RHEINPFALZ Plus Artikel Was es heißt, Pflegeeltern zu werden

Pflegeeltern gelten oft als letzte Chance für ein Kind, behütet aufzuwachsen.
Pflegeeltern gelten oft als letzte Chance für ein Kind, behütet aufzuwachsen.

Pflegeeltern zu sein heißt, ein Kind aufzunehmen und zu erziehen, das in seinem jungen Leben schon Schlimmes durchlitten hat. Wir haben mit Expertinnen darüber gesprochen, was das bedeutet, wie sich Pflegefamilien vorbereiten sollten und wie die Situation in Pirmasens ist.

Ein Pflegekind aufzunehmen, ist eine Herausforderung, die einer Familie viel abverlangen kann. Familien, Paare und Singles stellen sich dieser Herausforderung, um einem Kind ein besseres Leben zu geben. Susanne Schütz und Bettina Baas-Wafzig begleiten die Familien auf ihrem Weg, geben Ratschläge, bieten Hilfe und Unterstützung. Auch nach Jahren schaut das Jugendamt immer wieder vorbei. „Wer ein Pflegekind aufnimmt, wird uns nicht los, bis das Kind volljährig ist“, sagt Susanne Schütz und lacht. Mit ihrer Kollegin bildet sie den Kinderpflegedienst, der im Pirmasenser Jugendamt beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) angesiedelt ist.

Derzeit betreuen die beiden etwa 75 Kinder, die an Pflegefamilien vermittelt wurden. Die Familien leben teilweise in Pirmasens, aber auch in der Vorderpfalz, in Neuwied im Norden von Rheinland-Pfalz und im saarländischen St. Wendel wohnen Pflegekinder aus Pirmasens. Nach einer Vermittlung kümmern sich Baas-Wafzig und Schütz noch zwei Jahre lang um die Familien außerhalb der Stadt. Ist dann alles in Ordnung und das Kind bleibt in der neuen Familie, übernimmt das Jugendamt vor Ort die Betreuung.

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Redakteurin Meike Frank.
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Zum Vergleich: Das Jugendamt in Zweibrücken betreut im Moment ebenfalls 75 vermittelte Pflegekinder, in Landau sind es 55.

Privatleben respektieren

Die Mitarbeiterinnen des Jugendamts tauchen nicht unangemeldet bei den Pflegefamilien auf. „Wir respektieren ihr Privatleben“, sagt Schütz. Gibt es Hinweise, dass ein Kind in einer Familie Probleme hat, werde dem aber nachgegangen. Zweimal im Jahr erstellen Bass-Wafzig und Schütz für jedes Kind einen Plan, in dem seine Entwicklung dokumentiert wird, wie es sich in die neue Familie einfügt und an welcher Stelle Hilfsbedarf besteht. Zudem gibt es in Pirmasens mit den Johannitern eine dritte Partei, die regelmäßig Umgang mit den Kindern hat, sie auch in Kontakt mit der Pflegefamilie erlebt und dem Jugendamt Rückmeldung gibt.

Für 15 bis 20 Kinder im Jahr finden die Mitarbeiterinnen eine neue Familie, berichtet Schütz. Jugendamtsleiter Gustav Rothhaar nennt das einen großen Erfolg, der durch das riesige Engagement der Mitarbeiterinnen begründet sei. Der Kinderpflegedienst sei „ein ganz wichtiger Bereich“ im Jugendamt. Rothhaar ist selbst Vater und staunt immer wieder über das, was Pflegeeltern leisten, wie er erzählt. Das könne nur funktionieren, weil die Familien in Schütz und Baas-Wafzig gute Begleiterinnen für ihren Weg finden.

Selbst Babys mit Traumata

Der Weg, eine Pflegefamilie zu werden, ist lang und in Pirmasens geprägt von ausführlicher Beratung. Ein Kind aufzunehmen, sei eine große Entscheidung, sagt Baas-Wafzig. Besonders, da die Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und „einen Rucksack“ mitbringen: Das können Traumata durch Vernachlässigung oder Misshandlung sein, wenig soziale Kompetenz oder Anpassungsschwierigkeiten. Daraus machen Schütz und Baas-Wafzig kein Geheimnis. Ihnen ist wichtig, dass Eltern eventuelle Schwierigkeiten im Voraus durchdenken und überlegen, ob sie sich die Aufgabe zutrauen.

Selbst bei Kleinkindern und Babys könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie einen langfristigen Schaden davongetragen haben, zum Beispiel, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken oder Drogen genommen hat. Inzwischen gehe man davon aus, dass auch „emotionale Instabilität“ bei der Mutter Einfluss auf das ungeborene Kind haben kann, sagt Baas-Wafzig. Das muss nicht, kann aber der Pflegefamilie später Probleme bereiten. „Wir wissen es einfach nicht“, sagt ASD-Leiterin Tessa Werle. Schütz bezeichnet sich und ihre Kollegen als „Schwarzmaler“. Die Pflegeeltern sollen sich auf mögliche Probleme vorbereiten – falls das am Ende unnötig war, umso besser. „Viele Pflegeeltern können das supergut managen.“

Pflegeeltern gesucht

Für Schütz leisten die Familien bedeutende Arbeit. „Wir haben eine große Zahl guter Pflegefamilien, wo wir Kinder guten Gewissens unterbringen können.“ Dennoch werden ständig neue Pflegeeltern gesucht, der Bedarf ist groß. Beim ersten Gespräch versuchen die Mitarbeiterinnen des Jugendamts, potenziellen Pflegeeltern eine Vorstellung davon zu vermitteln, „was es heißt, eine Pflegefamilie zu sein“. Interessierten geben sie erst mal ein Formular mit, auf dem die potenziellen Pflegeeltern ihre Verhältnisse angeben. „Nicht jedes Kind passt in jede Familie“, heißt es da. Je mehr Infos das Jugendamt über eine Familie erhält, desto größer sei die Chance, dass ein Kind ausgewählt wird, das sich in der neuen Umgebung wohlfühlt.

Die Pflegeeltern können sich im Laufe der Zeit fortbilden, um ihrer Aufgabe besser nachzukommen. Das Jugendamt veranstaltet Infoveranstaltungen zu Themen wie Traumata, Pubertät und dem Aufbau von Bindungen in der Familie.

Bevor ein Kind aus der leiblichen Familie geholt wird, passiert vieles. Gründe können Vernachlässigung oder Misshandlung sein, Überforderung der Eltern, Alkoholismus oder Drogenmissbrauch. Die Pflegefamilie sei das letzte Mittel, um das Kind behütet aufwachsen zu lassen. Zuvor gibt es viele Hilfsangebote für Eltern und Kind, erzählt Werle. Die Kollegen des ASD helfen finanziell und beratend, es gibt Erziehungsberatungen, eventuell wird eine Alkoholtherapie vermittelt oder über Konfliktlösung gesprochen. Die Hilfsangebote können ambulant sein oder stationär, etwa wenn Mutter und Kind eine Weile in betreutem Rahmen zusammenleben.

Immer die Angst ums Kind

Bessert sich nichts, und das Kindeswohl ist gefährdet, werde das Kind aus der Familie geholt. „Besonders für kleine Kinder sind Pflegefamilien dann immer noch die beste Option“, sagt Baas-Wafzig. Trotz der großen Expertise ist die Entscheidung für oder gegen die Inobhutnahme schwierig. „Über uns schwebt immer ein Damoklesschwert“, sagt Rothhaar. Das ist die Angst ums Kind. Ist das Kind in Gefahr, wenn das Jugendamt es in der Familie lässt? Oder fügt man der Familie Schaden zu, wenn man das Kind herausholt? Eine Entscheidung, die gerichtlich bestätigt werden muss.

Schütz und Baas-Wafzig arbeiten beide schon seit rund 30 Jahren im Pirmasenser Jugendamt. Sie kennen die Familien der Stadt, ihre Geschichten und die Zusammenhänge ihrer Probleme. „Das ist ein unglaublich großer Schatz an Erfahrungen“, sagt Amtsleiter Rothhaar. Einige Familien würden schon seit Generationen unterstützend begleitet, erklärt ASD-Chefin Werle.

In anderen Fällen melde sich das Krankenhaus beim Jugendamt – etwa wenn die Mutter bei der Geburt unter Drogen steht oder ihr Körper blaue Flecken aufweist, die auf Schläge hindeuten. Dann sind die Mitarbeiter schon in den ersten Tagen bei der Familie und versuchen, herauszufinden, wie das Neugeborene bei seinen Eltern versorgt wird.

Heikle Begegnungen

Pflegekinder haben in vielen Fällen regelmäßigen Umgang mit den Eltern. Die „wollen einfach an einem Stück des Kindes festhalten“, erklärt Baas-Wafzig. Das Jugendamt bietet dafür Raum: Hier können sich Eltern, Kinder und Pflegeeltern in geschütztem Rahmen begegnen. Besonders in der ersten Zeit kann das schwierig sein und zu Konflikten führen. Die Mitarbeiterinnen greifen dann moderierend ein. „Das kann ganz heikel sein“, sagt Rothhaar. Die Erkenntnis, dass das eigene Kind bei anderen aufwächst, kann Zorn auslösen und beängstigend sein. „Begeistert ist da niemand, aber mit der Zeit sind viele d’accord damit“, erzählt Baas-Wafzig. Entwickelt sich ein gutes Verhältnis zwischen leiblichen und Pflegeeltern, können sich die Familien auch allein treffen. „Aber immer auf neutralem Boden“, betont Schütz. Um Probleme zu vermeiden, sollen die leiblichen Eltern nicht die Adresse kennen, an der ihre Kinder jetzt wohnen.

Dass Kinder in Dauerpflege zurück zu den leiblichen Eltern kommen, sei selten. Die Möglichkeit werde geprüft. Laut Baas-Wafzig steht dabei das Kindeswohl im Vordergrund. Neben der Situation der leiblichen Familie werde bedacht, wie sehr das Kind in seinem neuen Zuhause Wurzeln geschlagen hat. Auch dass ein Kind die Dauerpflegefamilie wechselt, geschehe nicht oft. Nur manchmal gebe es „Kinder, die es andauernd nicht schaffen, sich in ein Familiensystem zu integrieren“. In der Regel würden schnell Bindungen geschaffen zwischen Kind und Pflegefamilie. Das hat auch damit zu tun, dass meist kleine Kinder vermittelt würden.

Adoptionen selten

Vergleichsweise selten seien allerdings auch Adoptionen der Pflegekinder. Das habe damit zu tun, dass die leiblichen Eltern dem zustimmen müssen. „Diesen Schritt gehen sie nicht“, sagt Baas-Wafzig aus Erfahrung. Selbst wenn sich die Eltern mit der Unterbringung in der neuen Familie arrangiert haben, schreckten sie davor zurück, die letzten Bande zu kappen.

Trotz aller Schwierigkeit berichten alle Mitarbeiterinnen des Jugendamts im Gespräch von Zufriedenheit, die sich einstelle, wenn sie beobachten, wie sich die Kinder entwickeln. Letztendlich soll es bei den komplizierten und umfangreichen Banden, die Jugendamt, Eltern und Pflegefamilien knüpfen, um ihr Wohl gehen. ASD-Chefin Tessa Werle drückt es so aus: „Die Kinder sind einfach das Höchste. Das ist so – und das ist richtig so.“

Susanne Schütz vom Pflegekinderdienst...
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 ... und ihre Kollegin Bettina Baas-Wafzig kennen die Pirmasenser Familien genau.
... und ihre Kollegin Bettina Baas-Wafzig kennen die Pirmasenser Familien genau.
Pflegeeltern sind oft regelmäßige Besucher im Pirmasenser Jugendamt.
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