Wochenendkolumne
Viel Potenzial: Das Helmitin-Areal, die Husterhöhe und der Güterbahnhof
Respekt verdient
Diese Woche hat der Besitzer des früheren Helmitin-Geländes, Salvatore Federico, überrascht mit der Information, wonach so gut wie das ganze Gelände vermietet sei und er noch weitere Flächen in Pirmasens entwickeln möchte. Drei Jahre und es brummt in den früheren Klebstoffhallen. Reger Betrieb herrscht auf dem Hof. Fußgänger müssen aufpassen, nicht von Gabelstaplern oder Brummis überfahren zu werden, wo vor drei Jahren gähnende Leere das Schlimmste für die Zukunft befürchten ließ. Das ist enorm und verdient vollen Respekt, was Federico hier geleistet hat. Der Dank geht aber auch an den Vermarkter Avison Young, der mit Verantwortung nicht an irgendeinen Investor verkauft hat, sondern offenbar schon Erfahrungen mit Salvatore Federico hatte und dem badischen Elektromeister vertraute.
Riegel vorschieben
Dass es auch richtig schief gehen kann, ist auf der Husterhöhe zu sehen. Da wurde fix an irgendwen der Zuschlag erteilt, mit dem Ergebnis, dass Leute zum Zug kamen, die nur spekulieren wollen und die Kasernenbauten verlottern lassen. Das ganze Areal leidet unter wenigen Spekulanten, die an Schlüsselstellen schlicht nichts machen und das ganze Viertel wird durch den Verfall einzelner Kasernenhäuser runtergezogen. Hier müsste der Gesetzgeber prinzipiell einen Riegel vorschieben. Eigentum ist nicht nur für die Rendite da, sondern verpflichtet eben auch. Das wird aber allzu oft vergessen.
Viel Potenzial
Federico sucht nach eigener Aussage weitere Flächen, die er entwickeln könnte. Es scheint dem Unternehmer aus dem Badischen in Pirmasens zu gefallen und vor allem, Federico sieht Potenzial hier, um gute Geschäfte zu machen. Er macht das ja nicht ehrenamtlich. Deshalb soll an dieser Stelle das Gelände am früheren Güterbahnhof empfohlen werden. Das wäre sogar genau doppelt so groß wie das Helmitin-Gelände und würde fantastische Möglichkeiten bieten. Große Hallen gibt es auch dort und was noch besser ist: Die Möglichkeit für einen Gleisanschluss. Die besteht momentan zwar nur theoretisch, da die Deutsche Bahn ihre Güterkunden hier lieber mit dem Lastwagen bedient und in der Region sogar Kunden vor den Kopf stieß, die lieber auf die Schiene setzten. Aber es werden andere Zeiten kommen, da so ein Bahnanschluss Gold wert sein wird. Ewig wird der Gütertransport auf den Autobahnen nicht mehr laufen können, auch nicht mit Wasserstoff oder Elektrobrummis. Und dann werden Unternehmen aller Art nach einem Bahnanschluss lechzen. Ob aber selbst ein Entwickler vom Format des Salvatore Federico so gewieft ist, um es mit dem Eisenbahn-Bundesamt und seinen nicht ganz so flexiblen Strukturen aufzunehmen, muss leider bezweifelt werden. Es könnte sich aber lohnen.
Holzvergaser
So wie sich jetzt lohnen würde, wenn die Stadtwerke 2010 ihr Projekt eines Holzvergasers im Energiepark Winzeln umgesetzt und die Stadtverwaltung den Biomüll in einer eigenen Biogasanlage zu Heizgas vergärt hätten. Zwei Megawatt an elektrischer Leistung hätte der Holzvergaser gebracht und ein halbes Megawatt der Biomüll. Wahrscheinlich wäre ein großer Teil des Heizgases nicht in die Stromproduktion gewandert, sondern als Rohgas in die Veredelung zu Biomethan und anschließend in das Gasnetz der Stadtwerke, die heute mit einer eigenen Gasproduktion in nennenswertem Ausmaß glänzen könnten.
Was würde dieses Gas im kommenden Winter wert sein, wenn aus Russland nicht mehr der Hauch eines Gaswölkchens wehen wird und die Pirmasenser schnattern? Nach wenigen Jahren wurde der Energiepark großteils auf Eis gelegt und letztlich komplett abgehakt. Die einzige Ausnahme bildet das Prüf- und Forschungsinstitut, das eine konventionelle Biogasanlage als Versuchsreaktor betreibt. Wie hätte Pirmasens gerade jetzt glänzen können? Der Holzvergaser wäre längst erweitert und die Biomüllvergärung auf ein Maß vergrößert, dass die ganze Region hier ihre Küchenabfälle entsorgen könnte. Die Wirtschaftlichkeit war damals einfach nicht machbar, hieß es. Ja, die Wirtschaftlichkeit im Jahr 2010 und die Realität im Jahr 2022. Als ob es vor zwölf Jahren noch nicht absehbar war, dass Energie aus fossilen Quellen sich radikal verteuern wird und Erneuerbare Energieträger, die zudem noch aus der Region direkt kommen, die bessere Wahl wären. Hier wurden die Visionäre beim PFI ausgebremst und statt dessen Ideologen vertraut, die eher einem Atomkraftwerk als einer Biogasanlage zugestimmt hätten.
Essbare Stadt
So ganz lehnen die Stadtoberen Visionäre auch nicht ab. Im vergleichsweise Kleinen lässt die Stadtspitze in der Verwaltung auch ungewöhnlich denkende Geister gewähren.
Das beste Beispiel ist André Jankwitz, der als Leiter des Garten- und Friedhofsamts sich so viel Anerkennung erarbeitet hat, dass er heute vieles tun kann, was vor Jahren noch undenkbar war. Die essbare Stadt beispielsweise. Die Partei „Die Linke“ hatte mal Urban-Gardening, also Stadtgärtnern, beantragt, bei dem Gemüse für jedermann angepflanzt werden soll, dass auch diejenigen ernten dürfen, die es nicht gesät hatten.
Ein Sturm der Entrüstung und der unverhohlene Vorwurf der Schmarotzerei schlug den Linken im Stadtrat entgehen. Wie kann nur jemand denken, dass jemand ernten kann, der nicht gesät hat. Jankwitz machte es durch die Hintertür und nennt es „Essbare Stadt“. Und so sind heute Flüchtlinge zu sehen, die Mangold in der Schäferstraße aus städtischen Beeten ernten oder auch betuchtere Akademikerinnen, die sich etwas Grünkohl vor dem Carolinensaal abschneiden.