Pirmasens
Iranerin Neda fühlt sich in Pirmasens sicher
Neda hat der RHEINPFALZ eine Geschichte erzählt, die unter die Haut geht. Ihren kompletten Namen veröffentlichen wir nicht, um sie und ihre Familie vor Repressalien im Heimatland zu schützen. Vor 38 Jahren wurde Neda als drittes Kind ihrer Eltern in Sari geboren. Sari oder Schahr-i Tadschan ist die Hauptstadt der iranischen Provinz Mazandaran. Die Stadt liegt an der Südküste des Kaspischen Meeres. Ihr ältester Bruder ist 50 Jahre und lebt in den USA. Ihr zweiter Bruder ist 47 Jahre und wohnt ebenfalls in Pirmasens. In Iran lebt ihre Mutter (73) alleine, nachdem der Vater früh starb.
Neda heiratete 2013 im Iran einen Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft. Dessen Vater war Iraner und ihre Familien kannten sich. So war es nicht verwunderlich, dass sich die jungen Leute aus beiden Familien bei einer Party kennenlernten. Die Hochzeit fand in Sari statt: „Mein Problem war, ich wollte nicht im Iran heiraten. Eine Frau kann hier nicht einfach zu Gericht gehen und sagen, ich will die Scheidung haben. Nur der Mann entscheidet. Die Frau hat kein Recht,“ erzählt die 38-Jährige.
Schicksal einer Bekannten sorgt noch heute für ein ungutes Gefühl bei Taxifahrten
In diesem Zusammenhang berichtet sie von einem traumatischen Ereignis, als sie 18 Jahre war. Sie hat es niemals vergessen, es begleitet sie und hält heute noch die Angst in ihr hoch: Eine Bekannte stieg damals in ein Taxi ein und wurde von dem Taxifahrer vergewaltigt. Die Frau wehrte sich und tötete dabei den Taxifahrer. „Das war ein Fehler,“ sagt Neda heute. Denn die Frau wurde ins Gefängnis gesteckt und das Urteil lautete: Tod durch den Strang. „Viele Menschen versuchten, der Frau zu helfen. Vergebens. Du hast als Frau kein Recht. Und die Leute sagten, das ist das Gesetz“, weiß sie noch genau. Ein Erlebnis, das die junge Iranerin geprägt hat. „Ich steige nie in ein Taxi ein ohne große Anspannung und Angst.“
Nach der Hochzeit 2013 ging ihr Mann zurück nach Deutschland; Neda blieb noch ein Jahr im Iran, um ihm dann zu folgen. Das Paar hatte zunächst in Wallhalben gewohnt. In ihrer Heimat studierte Neda Management und Buchhaltung. Leider sei dies in Deutschland nicht anerkannt worden. Also war sie bemüht, einen Job, eine Ausbildung zu finden. So habe sie bei einem Unternehmen in Wallhalben ein zweimonatiges Praktikum absolviert, in der Hoffnung, dann im Büro arbeiten zu dürfen. „Leider hat mir der Chef gesagt, dass ich wegen meiner Sprache nicht beschäftigt werden kann. Ich war sehr traurig.“
Lehre als Friseurin abgeschlossen
Neda spricht sehr gut Deutsch. Bereits im Iran sei sie bemüht gewesen, die Sprache ihres Mannes zu lernen. Als sie nach Deutschland kam, habe sie die Fachhochschule in Zweibrücken besucht. „Dort war eine sehr, sehr nette Lehrerin. Das machte das Erlernen der Sprache leicht“, blickt sie dankbar zurück. Ihr Mann habe dann den Vorschlag gemacht, sich vielleicht als Friseurin zu bewerben. Nach dem Praktikum habe sie festgestellt, dass ihr dieses Handwerk gefällt. Im Salon Gitte, bei ihrer Chefin Carina Guhr in Winzeln, wurde sie als Lehrling eingestellt und hat zwischenzeitlich ihre Lehre abgeschlossen. Hier fühlt sie sich wohl und anerkannt.
Aber es gab zuvor auch negative Erlebnisse, weiß die junge Frau. Zum Beispiel, als sie in einer Fast-Food-Filiale hat. Der Geschäftsführer war aus Pakistan und Muslim. Einmal habe er sie in sein Büro zitiert und ihr vorgeworfen: „Du bist Muslim. Du hast Schweinefleisch gegessen. Das darfst du nicht,“ erzählt Neda. Sie habe sich gewehrt und ihm klar gemacht, dass sie keine Muslimin sei.
Probleme bei Heimatbesuchen
Um sich mehr Sicherheit in ihrem Leben zu verschaffen, hat Neda vor zwei Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Sie hofft, dass sie diese Woche ihren deutschen Pass ausgehändigt bekommt: „Davon verspreche ich mir noch mehr Ruhe, wenn ich meine Mutter zuhause besuche.“ Doch Heimatbesuche seien eine schwierige Kiste, immer noch und immer wieder. Die Probleme gehen laut Neda bereits beim Einchecken los. „Ich trage ein Kopftuch und einen langen schwarzen Mantel bis auf die Schuhe“. Sie werde dann gemustert, beäugt und überprüft, ob denn das Kopftuch richtig sitzt und alles bedeckt ist. Das gleiche Prozedere gebe es dann beim Auschecken in der Heimat.
Und die herbeigesehnten Heimatbesuche, an der Neda trotz aller zu erwartender Probleme alljährlich festhält, haben ebenfalls ihre (polizeilichen) Überwachungsfallstricke. Sie erzählt wie es früher war, als sie als junges Mädchen einmal mit ihrer Freundin in der Mittagszeit zum Strand ging, um sich etwas zu entspannen. Es sei sehr warm gewesen und sie habe einen langen weißen Mantel getragen. Auf dem Rückweg habe sie plötzlich ein Mann von der Sittenpolizei fest am Arm gepackt und gesagt: „Du bist ein schlechtes Mädchen. Ich habe deinen BH gesehen. Du gehst mit zur Polizei.“ Sie habe sich gewehrt und gesagt, dass es sehr heiß sei und der weiße Mantel keinen Einblick gewähre, doch der Mann schleppte sie mit. Ihre Freundin sei geflohen und zu ihrer Mutter gerannt, um sie zu informieren.
Lügen und Willkür
Im Gefängnis sei sie vernommen worden. „Dann kam ein Polizist und sagte: ’Ich habe deinen Vater gesprochen. Ich habe ihn gefragt, wie er so eine schlechte Tochter haben kann, so ein Müll, so ein Abfall’ und noch viel schlimmeres,“ erinnert sich Neda zitternd. Ihr Vater habe angeblich zur Sittenpolizei gesagt, er brauche so eine Tochter nicht, sie könnten sie behalten. Doch sie habe sich stark gemacht und ihnen geantwortet: „Niemand kann mit meinem Vater gesprochen haben. Er ist schon zehn Jahre tot.“ Drei, vier Mal sei sie wegen angeblich nicht ordnungsgemäßer Bekleidung festgenommen worden. Einmal war sie zwei Tage im Gefängnis, weil sie sich mit Freunden getroffen hatte. Die Sittenpolizei sei dazu gekommen und habe gesagt, dass sie nicht verheiratet sei und sie festgenommen. „Der Staat kann mit dir machen, was er will. Der Staat hat alle Rechte. Eine Frau hat keine Rechte und kann nichts machen“, sagt Neda.
Lügen seien üblich seitens der Staatsmacht, erzählt die Frau. 2021 zum Beispiel, als Corona sehr stark in ihrem Heimatland wütete, habe das Regime behauptet, dass es an einem Impfstoff arbeite. „Alles Lüge. Die Leute haben erzählt, dass täglich 1000 Menschen gestorben sind. Erst im Spätherbst wurden Impfungen angeboten“, berichtet die 38-Jährige.
Hoffnung auf ein normales Leben
Ihr Bruder, der in Pirmasens lebt, sei schwer depressiv, traumatisiert vom Regime. Er sei bereits vor 15 Jahren auf die Straße gegangen und habe gegen das Regime protestiert. Er sei festgenommen, ins Gefängnis gesteckt und gefoltert worden. Wenn er sich danach auf der Straße bewegt habe, sei er überwacht und bedroht worden. Das alles habe ihn sehr krank gemacht.
Über die jüngsten Proteste weiß Neda, dass ihre Freundinnen und Freunde, die sich an den Protesten beteiligen, ständig mit der Gefahr einer Festnahme leben. „Die Frauen im Iran sind sehr modern. Sie haben aber keine Möglichkeit, ihr Leben zu leben. Doch Iran ist ein schönes Land mit sehr freundlichen Leuten“. Deshalb weine sie oft, wenn sie im Fernsehen sieht, was sich zuhause abspielt. Aber Neda ist hoffnungsvoll: „Ich denke, dieses Mal wird die Gerechtigkeit für die Frauen siegen, wenn es Gerechtigkeit in der Welt gibt. Denn die Welt schaut zu und verfolgt, was in meiner Heimat passiert. Das ist sehr wichtig für die Iranerinnen. Die Frauen im Iran wollen nicht viel, sie wollen nur wie ganz normale Menschen leben mit gleichen Rechten“, befindet Neda, die anfangs skeptisch die Aufstandsbewegung verfolgte. Doch jetzt hofft sie: „Dieses Mal habe ich ein gutes Gefühl, dass es endlich besser wird. Definitiv.“
