Pirmasens
Heute vor 51 Jahren: Eine menschliche Tragödie auf der B10
„Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld“, empfand damals ein Polizist die Szene auf der Bundesstraße. Ein belgischer Autofahrer wollte mit einem Opel Caravan in einer unübersichtlichen Kurve bei Fehrbach (damals verlief die B10 noch zweispurig, ohne Kreisel, ohne Galerie) einen Lastwagen überholen. Das Auto scherte nach links aus. Als der Belgier einen entgegenkommenden Laster sah, versuchte er wieder auf seine Fahrbahn zu kommen. Aber den Gepäckanhänger erwischte der entgegenkommende Lkw noch. Dadurch wurde das Auto um 90 Grad gedreht, so dass der auf ihn folgende Lastzug ihm in die Seite fuhr und etwa 20 Meter vor sich her schob.
Der Opel Caravan wurde dadurch auf ein Drittel seiner ursprünglichen Breite zusammengequetscht. In dem Auto starben der 39-jährige Fahrer, die 42 Jahre alte Bekannte des Mannes und sechs Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren. Ein Feuerwehrmann, der als Helfer vor Ort war, sagte zur RHEINPFALZ: „Wir haben schon viel Grauenhaftes machen müssen. Aber so etwas schlimmes gab es noch nicht.“
So mutete es wie ein Wunder an, dass die Helfer in dem total zertrümmerten Fahrzeug ein Kind fanden, das noch Lebenszeichen von sich gab. Es handelte sich um die siebenjährige Lydia, Tochter der 42-jährigen Frau, die wahrscheinlich zwischen ihren Geschwistern saß und dadurch den Aufprall des Lastwagens überlebte. Sie wurde mit einer Gehirnerschütterung und Verletzungen an beiden Beinen in die Kinderstation des Pirmasenser Krankenhauses gebracht.
Polizeidirektor: Hätte an Grenze auffallen müssen
Wie konnte dieser schwere Unfall geschehen? Der damalige Polizeidirektor Ludwig Bentz sagte in einem Gespräch mit der RHEINPFALZ, dass der verunglückte Fahrer schon vorher auch in gefährlichen Situationen versucht habe, den voranfahrenden Lastwagen zu überholen. Wahrscheinlich ungeduldig geworden, versuchte er es an einer besonders ungünstigen Stelle, was zu dem grässlichen Unfallgeschehen führte. Wie Experten im Nachhinein feststellten, habe sich das belgische Fahrzeug in einem wenig verkehrsgerechten Zustand befunden. So war der Reifen auf dem rechten Vorderrad bis auf die Grenze des gerade noch Erlaubten abgefahren. Hinzu kam, dass der Opel Caravan 1700 mit seinen neun Insassen hoffnungslos überladen war. Diese Fakten standen zwar nicht direkt mit der Unfallursache in Verbindung, aber sie waren auffällig genug, dass die Grenzbeamten genauer hätten hinschauen müssen.
Das Drama von Fehrbach war aber noch nicht zu Ende. Wie sich herausstellte, waren die Familienverhältnisse ziemlich verworren. Der 39 Jahre alte Mann lebte in Scheidung. Seine Begleiterin, eine 42-Jährige, war bereits geschieden. Deren einziges Töchterchen überlebte das Unglück. Bei der Urlaubsfahrt waren zudem noch Kinder von weiteren belgischen Familien dabei.
Vier Leichen wurden am 22. Juli 1971 von einem belgischen Bestattungsunternehmen nach Deurne bei Antwerpen überführt. Dabei handelte es sich um den Fahrer des Unglücksautos und seine Söhne, sowie ein Mädchen, das tags zuvor von seinem Vater identifiziert worden war. Sie war wohl eine Freundin von Lydia. Die anderen vier Toten, die Beifahrerin und deren drei Kinder, wurden auf dem Pirmasenser Waldfriedhof beigesetzt. Für sie hatte kein Angehöriger mehr Interesse gezeigt. Oberbürgermeister Karl Rheinwalt betonte gegenüber der RHEINPFALZ, dass die Kosten die der Stadt entstanden waren, keinem der Angehörigen in Rechnung gestellt werde. Wie aus unserem Archiv hervorgeht, übernahm die Stadt die Pflege für das Grab der toten Belgier. Die damalige Bürgermeisterin Gertrud Gaudig sagte, dass es für die Stadt selbstverständlich sei, dieses Grab weiterzupflegen und es dreimal im Jahr frisch anzulegen. Die Grabplatten mit den Namen der Verstorbenen hatte übrigens ein Pirmasenser Steinmetz gestiftet.
Der Vater wollte Lydia nicht aufnehmen
Die menschliche Tragödie setzte sich indes fort, weil der Vater der überlebenden Lydia es ablehnte, das Kind bei sich aufzunehmen. Was dazu führte, dass sich eine Reihe von Lesern bei der RHEINPFALZ meldeten, die das Mädchen adoptieren wollten. Noch heute existiert im Pirmasenser RHEINPFALZ Archiv ein Brief einer Leserin aus Ludwigshafen-Rheingönheim, die uns schrieb, dass sie und ihr Mann sehr gerne das siebenjährige Mädchen annehmen möchten. „Mein Mann ist in Antwerpen geboren und beherrscht die französische Sprache... Wir haben ein kleines Häuschen, sodass das Mädchen über ein eigenes Zimmer verfügen könnte...“, schrieb die Frau.
„Vater“ werden wollte auch Belgiens Botschafter in der Bundesrepublik, Constant Schuurmans. Er hatte sich ebenfalls um eine mögliche Adoption von Lydia bemüht. Ende Februar 1972 entschied jedoch ein Richter aus Antwerpen, dass Lydia in ein Waisenhaus müsse. „Das Gesetz, einst von Napoleon angeordnet, sich der Waisen auf Staatskosten anzunehmen, ist sicher gut, aber nur für Kinder, die nirgendwo mehr ein Zuhause finden können“, kommentierte der Botschafter. Immerhin hatten sich noch weitere 50 belgische und deutsche Familien um das zukünftige Sorgerecht für Lydia beworben. So blieb für das Mädchen nur die Erinnerung an acht glückliche Tage, die das Kind in der Bonner Residenz des belgischen Botschafters verbringen durfte.
