75 Jahre Pirmasenser Rundschau
Haarscharf an der Katastrophe vorbei: Unfälle mit US-Transportern gehen glimpflich aus
Der Polizeibericht vom 19. Juni 1970 liest sich recht lapidar: „Ein amerikanischer Tanklastzug geriet infolge überhöhter Geschwindigkeit auf der B270 in einer Rechtskurve ins Schleudern, prallte gegen die Böschung, überschlug sich und blieb auf dem Dach liegen. Dabei wurde der Tank des Zuges leck geschlagen. Die Ladung – rund 20.000 Liter Diesel – floss aus. Der Tankzug, den ein 20-jähriger amerikanischer Soldat gesteuert hatte, war im US-Depot Pirmasens gefüllt worden und befand sich zur Zeit des Unfalls auf dem Heimweg nach Kaiserslautern. Der Fahrer sowie der Beifahrer erlitten nur leichte Verletzungen. Der an dem total demolierten Fahrzeug entstandene Schaden beläuft sich auf etwa 70.000 Mark. Die B270 musste für vier Stunden für den gesamten Verkehr gesperrt werden.“
Mit mindestens 70 Stundenkilometern soll nach Aussagen von Augenzeugen der Tanklaster in die steile Böschung gerast sein – genau dort hin, wo schon Anfang des Jahres ein Öl-Transporter aus der Kurve getragen wurde, die Leitplanken durchbrach und auf halbem Hang zwischen den Bäumen hängen blieb. Das Öl blieb dabei glücklicherweise im Tank.
Kompetenzen nicht geregelt
Nicht so am 19. Juni um 11.40 Uhr: Sorgenvoll betrachtet die Pirmasenser Feuerwehr den auslaufenden Dieselkraftstoff, der in einem dicken Strahl in der Abwasserrinne den Biebermühler Berg hinunterschießt und in einem Gully verschwindet, der sonst die Abwässer in das Steinbachtal weiterleitet. Der Dieseltreibstoff kommt genau zwischen zwei Brunnen wieder ans Tageslicht – Brunnen, die zu den insgesamt vier Brunnen gehören, die die amerikanischen Wohnsiedlung und das US-Depot auf der Husterhöhe mit Trinkwasser versorgen.
„Die amerikanische Militärpolizei und Feuerwehr scheint die damit verbundene Gefahr nicht zu stören“, wundert sich die Mitarbeiterin der RHEINPFALZ, die ebenfalls vor Ort ist. Dabei sind doch eigentlich Kompetenzen zu klären, wer wem Anweisungen zu geben hat. Und so beginnt die Pirmasenser Feuerwehr von sich aus, Ölsperren zu errichten. Äste werden übereinander geschichtet und Ölbindemittel auf das Wasser gestreut – immer vor dem Hintergrund, dass Benzin ausgelaufen ist. Dass es Diesel ist, erfahren die deutschen Wehrleute erst auf eigenes Befragen ihrer amerikanischen Kollegen.
Inzwischen übernehmen US-Soldaten die Regie. Drei Kranwagen aus Kaiserslautern werden an die Unfallstelle beordert. Die Amerikaner wollen sofort den lecken Tankzug wieder auf die Räder stellen, obwohl die Gefahr besteht, dass der Tank beim Anhieven auseinderbrechen könnte. Der Vorschlag der deutschen Sachverständigen, den auf der Seite liegenden Tank erst einmal leer zu pumpen, lehnen die Amerikaner ab. Dabei geht es sehr laut zu. „Ich war nahe dran“, erinnert sich der damalige Pirmasenser Feuerwehrchef, „meine Leute zurückzuziehen. So sind wir von den Amerikanern behandelt worden“.
Ein Funke hätte zur Katastrophe führen können
Genaue Informationen sind nicht zu bekommen. Die Amerikaner lassen verlautbaren, der Tank sei mit 20.000 Liter Diesel beladen. In einer dritten Kammer des Tanks ist allerdings auch Benzin, das jedoch nicht ausgelaufen ist. Umso unverständlicher, dass man die deutschen Wehrleute nicht unterrichtet, da in unmittelbarer Nähe des Tankzugs Motoren laufen. Ein Funke hätte genügt, um eventuell auslaufendes Benzin zur Explosion zu bringen. Diesel braucht dagegen immerhin Hitzegrade von rund 530, bis es sich entzündet.
Etwa zwei Stunden nach dem Unfall beginnen die Amerikaner, das umgekippte Fahrzeug wieder auf die Räder zu stellen. Dabei gehen sie – nach dem Urteil der umstehenden deutschen Fachleute – überaus dilettantisch vor. Kurz vor 15 Uhr, also rund vier Stunden nach dem Unfall, wird das Fahrzeug abgeschleppt und die B270 wieder für den Verkehr freigegeben. Und für den damaligen Pirmasenser OB Karl Rheinwalt bleibt die Erkenntnis: „Eine Zusammenarbeit mit den US-Streitkräften in der Form, wie sie sich bei diesem Unfall gezeigt hat, ist untragbar.“
Granaten rollen über B270
Geändert hat sich jedoch kaum etwas, wie sich bei dem Unfall an gleicher Stelle am 29. März 1971 zeigt. Gegen 12 Uhr kippt dort ein amerikanischer Lastzug um, der etwa zehn Tonnen Munition geladen hat. Bis die B270 gesperrt wird, vergehen rund 20 Minuten. In dieser Zeit quälen sich unzählige Fahrzeug an der Unfallstelle vorbei. Fast 100 Liter Benzin fließen derweil aus den Tanks des Sattelschleppers. „Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ein tief liegender heißer Auspuff das auslaufende Benzin entzündet: Die Munition auf dem Sattelzug wäre in die Luft geflogen“, heißt es in der RHEINPFALZ. Zwar ist die Ladung relativ ungefährlich, da die Granaten ohne Zünder sind, doch könnten sie, so erklären Fachleute an der Unfallstelle, unter hoher Hitze trotzdem explodieren.
Relativ spät trifft die amerikanische Militärpolizei und Feuerwehr ein – laut RHEINPFALZ im „Texanergalopp“. Nach und nach versammeln sich immer mehr GIs an der Unfallstelle. „Kaugummikauend, lachend, fotografierend stehen sie herum und bequemen sich erst nach einiger Zeit dazu, die Granaten am Fahrbahnrand zu stapeln“ schreibt die RHEINPFALZ weiter. Kommentar eines Mitarbeiters der Straßenmeisterei: „Wenn wir so schaffen wollten....“
Dreieinhalb Stunden dauert die Bergung
Kurz nach 13 Uhr kommt ein US-Kommandowagen aus Kaiserslautern an und damit etwas mehr System in die Arbeiten. Dennoch dauert es bis 14 Uhr, bis der erste Kranwagen herankommt und nach einiger Zeit sein Bemühen, den Sattelzug zu bergen aufgibt. Ein größerer Kranwagen hat schließlich Erfolg. Etwa dreieinhalb Stunden hat alles gedauert. Und wieder stellen die Verantwortlichen auf deutscher Seite die bange Frage: „Wie lange noch? Wenn nichts geschieht, kann man sich in etwa ausrechnen, wann die große Katastrophe tatsächlich einmal geschieht ...“
Heute, über 50 Jahre später, lässt sich sagen: Glück gehabt. Es ist zu keiner Katastrophe gekommen und die US-Streitkräfte haben mittlerweile die Südwestpfalz fast komplett verlassen.
Zur Serie „75 Jahre „Pirmasenser Rundschau“
Im Mai 1947 erschien erstmals eine eigene Pirmasenser Ausgabe der RHEINPFALZ. Die Geburtsstunde der „Pirmasenser Rundschau“ nehmen wir zum Anlass, um uns mit Themen zu befassen, die die Menschen in der Südwestpfalz in den vergangenen 75 Jahren beschäftigt haben.
