Pirmasens Erst kommt ein Panzer, dann die Angst
„Das Erste, was ich von den Amerikanern gesehen habe, war ein Panzer“, erinnert sich die heute 84-jährige Elisabeth Stock. Sie hatte Angst, große Angst. Weil sie nicht wusste, wie das alles weitergehen würde. Später hat sie jahrzehntelang für die US-Armee gearbeitet.
Das Kriegsende selbst hat sie nicht in Pirmasens erlebt, sondern mit ihrer Familie in Unterertahl nahe Hammelburg – als Flüchtlinge. Aber an den Bombenangriff vom 9. August 1944 erinnert sie sich noch ganz genau. Es war der zehnte Geburtstag ihres Bruders und sie war mit einer Jugendgruppe am Fleckenstein. An dem Tag wurde Pirmasens schwer getroffen. Das Nachbarhaus lag in Trümmern. Die Geburtstagstorte, die ihre Mutter gebacken hatte, sei voller Splitter gewesen. „Wir haben sie trotzdem gegessen“, erzählt sie. Zurück in der Heimat erinnert sie sich mehr an die Franzosen, die in der ehemaligen Landwirtschaftsschule residierten, weil sie um die Ecke wohnte. „Die wollten, dass man ihre Fahne grüßt“, erzählt sie heute kopfschüttelnd und lacht. Wer die Fahne nicht grüßte, musste zur Strafe Kartoffeln schälen. „Ich habe mich damals mit Absicht geweigert“, erzählt sie amüsiert, „aber gekriegt haben sie mich nicht, weil ich so schnell laufen konnte.“ Vom Winzler Viertel aus schienen ihr die Amerikaner auf der Husterhöhe unendlich weit weg zu sein, und ihr Weg zu ihnen führte letztendlich sogar über England. 1959 ging Elisabeth Stock für zwei Jahre in der Nähe von Chester in North Wales, um englisch zu lernen. Allerdings nicht mit dem Gedanken, für die Amerikaner zu arbeiten. Sie wollte in die Exportabteilung der Parkbrauerei, wo sie vor ihrer Abreise im Labor tätig war. Am 9. November 1961 begann sie mit ihrer Arbeit auf der Husterhöhe. „In die Schuhindustrie zog es mich nie“, erzählt sie, „auch wenn man dort von Anfang an viel mehr Geld verdiente.“ Vom amerikanischen Arbeitsamt bekam sie eine Stelle in der „Dispensary“, der amerikanischen Apotheke auf der Husterhöhe. „Der Sergeant dort ist nicht damit klar gekommen, dass dort plötzlich eine deutsche Frau arbeitete“, erzählt Elisabeth Stock. So wechselte sie ins amerikanische Krankenhaus in Münchweiler. Doch es sollte nicht die letzte Station sein: Anschließend war sie im Küchenbüro tätig. „Das war ein nahrhafter Posten“, findet sie auch im Nachhinein. Dann ging es weiter zum CID, ins „Criminal Investigation Department“, zur amerikanischen Kriminalpolizei, bevor sie schließlich für die „Public Affairs“ zuständig war, das Verbindungsbüro, das den Standort der Amerikaner mit der Stadtverwaltung am Exe verband. Als Pressesprecherin der amerikanischen Armee sorgte sie auch dafür, eine Ausgabe der „Community Times“, der amerikanischen Zeitung, ins Stadtarchiv zu bringen. „Als Heike Wittmer mir letztens einen Packen Ausgaben aus dem Archiv gab, war ich wieder in meiner Fahrbahn drin“, erzählt sie strahlend. „1979 war ich zum ersten Mal in Amerika, nachdem der Dollar nur noch zwei D-Mark wert war“, erzählt die wagemutige Frau. Vorher fand sie eine Reise viel zu teuer. Sie kam in New York an und bereiste Pennsylvania, Texas, das Fort Bragg, einer der größten Stützpunkte der US Army in North Carolina, und sie besuchte ihren ehemaligen Chef in Noxville. Mit der Frau von Herb Templeton, dem ehemaligen Schulleiter der amerikanischen Schule, ist sie bis heute befreundet. Sie hatte das Paar in Pirmasens kennengelernt und sich mit ihm angefreundet, im Grunde, weil sie auf ihre Hunde in Erlenbrunn aufpasste und von deren Dackelnachwuchs die Hundedame Anke übernahm. Einmal wollte sie ihre Cousine für einen gut bezahlten Job nach Amerika locken. „Ich wollte das nicht“, sagt Elisabeth Stock bestimmt, „warum sollte ich den Kontinent wechseln, um dann nur noch im Haushalt von fremden Leuten zu sein.“ Und eine Greencard, um anderweitig zu arbeiten, sei schwer zu bekommen gewesen. Natürlich habe ihr das Land gefallen, besonders, als sie mit ihrer Cousine unterwegs war, die in Long Island wohnte und einen VW besaß, mit dem sie oft zum Meer fuhren. Doch letztendlich kochten die Amerikaner auch nur mit Wasser. Das denkt sie bis heute. Seit dem Anschlag am 11. September war sie nicht mehr drüben. „Ich lasse mich doch nicht durchsuchen und ziehe die Schuhe aus, um nach Amerika einzureisen“, sagt Elisabeth Stock mit bestimmtem Ton. Immerhin habe sie ein Leben lang für die US-Armee gearbeitet. Durch den neuen Präsidenten Trump sei ihr die Lust nun allerdings ganz vergangen. Zur Serie Noch bis einschließlich 19. März ist im Alten Rathaus, Hauptstraße 26, die Ausstellung „Remember – Die amerikanischen Streitkräfte in Pirmasens (1946-1997)“ zu sehen. Die US-Armee war lange größter Arbeitgeber in der Region, die hier stationierten US-Soldaten und ihre Familien haben das gesellschaftliche Leben in Pirmasens seit den 1950er Jahren mitgeprägt. Die RHEINPFALZ hat Zeitzeugen getroffen, die sich an das amerikanische Leben in der Horebstadt erinnern.