Pirmasens
Deutsche Bahn stürzt Klassenfahrt ins Chaos
Für viele der Jugendlichen soll es die erste große Urlaubsreise werden. Nach Marseille soll die Fahrt gehen, Hotels und Züge hat Lehrer Marco Heim gebucht, Bootsfahrten und Ausflüge. „Das ist alles futsch“, sagt der Lehrer am Montagvormittag hörbar frustriert. Jetzt versuche er zu retten, was zu retten ist.
In der Nacht zum Montag um 4.25 Uhr erfährt Heim per Mail, dass der Zug von Pirmasens nach Kaiserslautern, den die Schüler des Berufsvorbereitungsjahrs morgens nehmen wollten, ausfallen würde. Kurzerhand nimmt Heim den Bus der Schülerfirma Kreativ der BBS, sammelt die Jugendlichen ein und bringt sie eigenhändig nach Kaiserslautern.
Das hilft allerdings kaum – denn der ICE, der sie weiter nach Paris bringen soll, kommt ebenfalls nicht. Den Vormittag verbringen die Schüler also auf dem Bahnsteig. „Wir stehen hier in Kaiserslautern und hoffen, wenigstens nach Paris zu fahren“, erzählt Heim gegen 10.10 Uhr. Den Anschluss nach Marseille könnten sie keinesfalls mehr erreichen. Er habe bereits per Handy alles storniert, berichtet der Pirmasenser Lehrer. Ein zweiter Versuch und eine neue Reise seien für die Klasse nicht möglich: „Die Kosten könnten wir nicht stemmen.“
Doch weiter nach Paris?
Die Schüler des berufsvorbereitenden Jahrs stammen zum großen Teil aus schwachen sozialen Verhältnissen, berichtet Schulleiterin Kerstin Belyea. Eine Klassenfahrt hätten sie sich eigentlich nicht leisten können. Doch die Schülerfirma Kreativ, die Werkstücke fertigt und verkauft, habe die Reise für die Klassenkameraden finanziert. „Die schaffen das ganze Jahr dafür“, betont Belyea. Auch Lehrer Marco Heim habe sich stark engagiert, erzählt Belyea. Denn ein Teil der Jugendlichen sind Flüchtlinge mit einer Aufenthaltsberechtigung. Sie dürften Deutschland zwar problemlos verlassen, die Wiedereinreise jedoch war fraglich. Wochenlang habe Heim bei der Ausländerbehörde dafür gestritten, dass die Kinder nach ihrer Reise nach Deutschland zurückkommen können.
Dass die Schüler von Kaiserslautern aus im anschließenden ICE noch nach Paris fahren können, ist lange unsicher. „Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering“, lautet die Einschätzung des Lehrers am Vormittag. Zwar habe die Bahn die Tickets umgeschrieben, sodass sie für Ersatzzüge gelten – „bloß gibt es eben keine Züge“. Und auf französischer Seite dürfe nur im Zug bleiben, wer einen Sitzplatz erwischt hat. Dass alle Schüler das schaffen, sei fraglich, denn andere Fahrgäste müssen auch auf den späteren Zug ausweichen.
Zu diesem Zeitpunkt hofft die Gruppe, in den Zug nach Paris zu kommen und wenigstens dort noch etwas Zeit zu verbringen. Für die Lehrer bedeutet das eine immense Organisation. Ein Hotel muss gefunden und ein Programm in der französischen Hauptstadt geplant werden.
Doch weiter nach Marseille?
Gegen 12.30 Uhr meldet Heim dann aufatmend: „Wir sind im Zug nach Paris“. Und noch besser: Es würde vielleicht doch nach Marseille gehen. Eine Bahn-Sprecherin ist von der RHEINPFALZ auf die missliche Lage der Pirmasenser Schüler aufmerksam gemacht worden. Die Redaktion stellt den Kontakt zu Marco Heim her, und die Mitarbeiterin bemüht sich mit ihrem Team, den Jugendlichen zu helfen. Ein hilfsbereiter Schaffner schreibt unterwegs auf der Strecke die Tickets der Gruppe erneut um, sodass sie für einen späteren Zug nach Marseille gelten. „Ich versuche jetzt, uns in dem Hotel in Marseille wieder einzubuchen“, erzählt Lehrer Heim während der Fahrt.
„Es wird dafür gesorgt, dass sie auf jeden Fall ihr Ziel erreichen“, sagt die Bahnsprecherin gegen 13 Uhr. Die Mitarbeiter auf der weiteren Strecke seien informiert: „Die Kollegen wissen alle Bescheid, dass die Klasse kommt.“
Zu den Ursachen des Wirrwarrs berichtet die Sprecherin, dass der morgendliche Zug ab Pirmasens wegen kurzfristiger Instandhaltung ausgefallen war. Sie tippt auf Probleme wegen der sommerlichen Hitze.
Noch ein Glück im Unglück: Die Pirmasenser Gruppe hat den Bahnhof in Kaiserslautern gerade noch rechtzeitig verlassen. Kurz darauf beginnt dort ein Großeinsatz der Feuerwehr, weil ein qualmender Zug gemeldet wurde. Einem Sprecher der Wehr zufolge ging es um die Bremsen eines TGV.