Pirmasens
100 Jahre Wasgau AG: Wie der Lebensmittelhändler wachsen will
„Wir sind wie Rewe – nur besser“, mit diesen Worten erklärt Thomas Bings, wer sein Arbeitgeber ist. Seit dem 1. Januar leitet er als Vorstandssprecher die Geschicke der Wasgau AG, die über 70 Lebensmittelmärkte betreibt. Besser sei Wasgau deshalb, weil das Unternehmen dank seiner eigenen Bäckerei und seiner eigenen Metzgerei deutlich flexibler sei und dadurch den Kunden attraktivere Angebote machen könne, sagt Bings. Auch beim Weinsortiment punkte die Wasgau AG mit ihrer Regionalität und der Verwurzelung in der Weinbauregion Pfalz. „Wir können ein Sortiment bieten, an das die größeren Lebensmittelhändler nicht rankommen.“
Wem gehört die Wasgau AG?
Dabei spielen ausgerechnet diese Betriebe für die Wasgau AG eine zentrale Rolle. Hinter dem börsennotierten Konzern steht nämlich eine recht ungewöhnliche Eigentümerstruktur: Die Rewe Markt GmbH hält 41,92 Prozent der Anteile, die Hornbach-Stiftung 26,02 Prozent und Edeka Südwest 24,98 Prozent, während sich 7,08 Prozent im Streubesitz befinden.
„Der regionale Bezug ist für uns wichtig“, sagt Sascha Kieninger. Er arbeitet schon länger bei der Wasgau und verantwortet jetzt im Vorstand die Bereiche Einzelhandel, Bäckerei und Metzgerei. Konkret bedeutet Regionalität beispielsweise, dass in der Großbäckerei in Pirmasens täglich 20 Tonnen Mehl verarbeitet werden. Der überwiegende Teil davon stammt aus einer Mühle im Saarland sowie aus der Bindewaldmühle bei Kirchheimbolanden.
Aus dem Mehl produziert die Bäckereisparte täglich rund 130.000 Brötchen, 18.000 Brote und 90.000 Kaffeestückchen. Die gehen nicht nur über die Theke, sondern werden zunehmend auch direkt in den Café-Bereichen der Supermärkte verzehrt, berichtet Bings. Wasgau sei vielerorts ein lokaler Treffpunkt. Dabei profitiert das Unternehmen davon, dass die Anzahl der Restaurants mit Mittagstischen sinke und gleichzeitig kaum noch klassische Cafés existieren. „Im Bistro- und Gastrobereich wachsen wir jedes Jahr zweistellig im Umsatzbereich“, verrät Bings.
Neuland hatte der Konzern im Juni in Hauenstein betreten. Dort betreibt er das „Himmel & Herd by WASGAU in der 1886 Genussfabrik“ – das erste komplette Restaurant im Portfolio der Wasgau AG. Sascha Kieninger berichtet von einer „herausfordernden Kostenstruktur“, zeigt sich zugleich aber „voller Zuversicht“, dass das Projekt ein Erfolg werden kann. Drei Jahre hat sich die Wasgau AG Zeit genommen, um das Restaurant zu etablieren. Sollte das gelingen, wären vergleichbare Projekte denkbar, sagt Kieninger.
Neue Wege hat das Unternehmen auch mit den Wasgau-Cafés beschritten. Dabei handelt es sich um Bäckereifilialen, die an keinen Lebensmittelmarkt angeschlossen sind. Das erste Café öffnete 2022 in Dahn, mittlerweile sind es schon fünf und drei weitere sind geplant – eins davon in Pirmasens, und zwar auf dem Areal der ehemaligen Kaufhalle. Dort will die Wasgau AG ein 300 Quadratmeter großes Café mit erweitertem gastronomischem Angebot eröffnen, sagt Vorstandssprecher Bings.
Smart Store für Pirmasens
Außerdem soll es im Jubiläumsjahr dort eine weitere Neuheit geben: einen Laden, in dem Kunden 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche einkaufen können. „Smart Store“ nennen die Fachleute das Konzept, bei dem Kunden aus einem begrenzten Grundsortiment wählen, sich selbst im Regal bedienen und anschließend elektronisch zahlen. Das Ganze wird mit Kameras überwacht und soll weitgehend ohne Personal funktionieren. Vorstand Peter Scharf kann sich vorstellen, dieses Projekt ebenfalls in die Fläche auszuweiten.
Sollte alles so funktionieren, wie der Konzern sich das vorstellt, könnten Smart Stores von Wasgau ein Baustein für die Nahversorgung gerade in ländlichen Gebieten werden. Wie andere Unternehmen kämpft auch die Wasgau AG mit dem Problem, Mitarbeiter zu finden. Vor diesem Hintergrund steht im Jahr 2025 eine weitere Erprobung an. Der Lebensmittelhändler will an ausgewählten Standorten Selbstbedienungskassen testen. Sukzessive soll das System ausgebaut werden.
Investitionen in Solarstrom
Und auf Nachfrage erzählt Scharf, dass der Konzern große Pläne beim Thema Energiebeschaffung hat. An verschiedenen Standorten sollen große Freiflächenphotovoltaikanlagen gebaut werden – unter anderem im Bereich des Logistikzentrums bei Winzeln. Dort sei zudem ein großer Megawattspeicher geplant. Die ersten Elektro-Lastwagen hat die Wasgau AG schon in Betrieb. In diesem Jahr soll mindestens ein weiteres Fahrzeug die firmeninterne Flotte verstärken. Im Jubiläumsjahr setzt der Händler auf Expansion. Zu den 72 bestehenden Supermärkten sollen zwei bis drei weitere dazukommen. Alles in allem blickt der neue Vorstand im Jubiläumsjahr optimistisch nach vorne.

