Neustadt „Wir brauchen einfach Zeit“
Flüchtlinge in Neustadt (2): Der Weg in die Arbeitswelt ist für Flüchtlinge kein einfacher. Die größte Hürde ist die Sprache. Ehrenamtliche Helfer brauchen einen langen Atem. Aber es gibt auch Hoffnungsschimmer.
Kidane Ande hat geschafft, was viele in seiner Situation sich wünschen: Der junge Asylbewerber aus Eritrea hat einen Platz als Praktikant gefunden und kann im August eine Lehre beginnen. Als Friseur im Salon Braun. Ein bisschen Bammel hat er davor, denn die Berufsschule, das weiß er, wird schwer für ihn. Ande hat zwar in etwas mehr als einem Jahr recht gut Deutsch gelernt. Doch ob es reicht, um dem Unterricht folgen zu können? Das ist eine Frage, die dem 25-Jährigen Sorge bereitet. Kidane Ande ist einer der Flüchtlinge mit dem Status „Duldung“. Über seinen Antrag auf Asyl ist noch nicht entschieden worden. Im Sommer hatte er seine Anhörung, doch der Antrag sei noch nicht bearbeitet, erzählt Waltraud Scholl, die den Eritreer ehrenamtlich betreut. Ein Einstieg in den Arbeitsmarkt ist dennoch möglich: über eine Einstiegsqualifizierung der Agentur für Arbeit, eine Art Langzeitpraktikum. Andes Alltag ist also prall gefüllt: Morgens ist er im Betrieb, nachmittags im Deutschunterricht. Wenn er nach Hause kommt, in seine Acht-Mann-Wohngemeinschaft, ist Kochen angesagt. „Er ist sehr fleißig“, lobt Scholl. Aber Ande räumt ein, dass es nicht einfach für ihn ist. Die fremde Sprache, das frühe Aufstehen, die ungewohnten, abgepackten Lebensmittel. Das schlechte Wetter. Und das Heimweh, vor allem nach seiner jüngeren Schwester. Kidane Ande lacht dennoch. Er hat schon einiges hinter sich: Gefängnis in Eritrea, Gefängnis in Libyen und eine lebensgefährliche Bootsfahrt übers Mittelmeer. Aber vor ihm liegt, so hofft er, ein Leben in Sicherheit. Und vielleicht eine Zukunft als Friseur. Arbeiten und Geld verdienen: Das ist für viele Flüchtlinge ein vorrangiges Ziel. Manche sind verschuldet, weil sie sich für die Flucht Geld leihen mussten, manche wollen ihre Familien unterstützen. Doch der Weg in die Arbeitswelt ist kein einfacher. Wolfgang Dolich ist einer der ehrenamtlichen Helfer, die sich in der Vermittlung engagieren. Die Flüchtlinge können zu ihm in die Sprechstunde kommen, er erarbeitet ein kurzes Profil und gleicht es mit den Stellenangeboten ab, die er über verschiedene Kanäle sammelt. „Die berufliche Situation ist schwierig“, sagt er. Er sei mit großem Enthusiasmus vor über einem Jahr an die Aufgabe gegangen. Doch mittlerweile sei Ernüchterung eingetreten. „Etwa 80 Prozent der Flüchtlinge haben keine formale Bildung“, sagt er. Das größte Problem: die Sprache. Zwar gehe es fast ausschließlich um Helferjobs, für die keine besonderen Sprachkenntnisse nötig sind. „Aber die Leute müssen zumindest die Sicherheitsvorschriften verstehen können“, sagt Dolich. Der engagierte Pensionär hat inzwischen gelernt, sich von Misserfolgen nicht entmutigen zu lassen. „Wir brauchen einfach Zeit“, sagt er. Flüchtlinge aus Ländern, in denen schon lange bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, haben häufig nie eine Schule besucht. Sie kennen das Alphabet nicht und haben nie gelernt zu lernen. Vermittlungen in Ausbildungsverhältnisse seien in zahlreichen Fällen an den mangelhaften Sprachkenntnissen gescheitert, erzählt Dolich. „Da muss ja auch die Fachsprache beherrscht werden.“ Und Worte wie „Zündkerze“ oder „Bohrer“ lernt man nicht im Volkshochschulkurs. Kein Wunder also, dass Ande Bammel vor der Berufsschule hat. Obwohl er in Eritrea Abitur gemacht hat. Das war, als er beim Militär war. Bevor die Polizei ihn verdächtigte als Fluchthelfer zu arbeiten. Als er noch plante, sein Leben im kleinen, landwirtschaftlichen Betrieb seines Vaters zu verbringen. In einem Dorf im Süden Eritreas, in dem es keinen Strom gibt. Jetzt lebt er im Schöntal. Waltraud Scholl und ihr Mann sind eine Art Ersatzfamilie geworden. „Er ist voll integriert bei uns“, sagt Waltraud Scholl. 80 Jahre alt ist die Helferin, und Kidane Ande ist nicht ihr einziger „Schützling“. Scholl kümmert sich um die ganze eritreische Gruppe, die jetzt gegenüber den Scholls lebt. Und während die Afrikaner Deutsch lernen, lernt die Seniorin Gesetze und Verordnungen zur Flüchtlingsthematik. Sie geht mit „ihren“ Flüchtlingen zur Ausländerbehörde und zum Arzt, sie führt Telefonate und sucht nach Arbeitsmöglichkeiten. Einfacher sei es seit Beginn vergangenen Jahres nicht geworden. „Es sind jetzt eben sehr viele Flüchtlinge hier“, sagt Scholl. Doch mit ihrer kleinen Eritreer-Gruppe war sie schon ziemlich erfolgreich. Zwei sind in die Altenpflege eingestiegen, einer hat einen Ein-Euro-Job beim Roten Kreuz. Und Kidane hat gute Chancen, Friseur zu werden. Die Serie Das Thema Flüchtlinge in Neustadt umfasst viele Aspekte. Wie stellen sich Kitas und Schulen auf? Was bedeutet Flüchtlings-TV? Wie läuft es bei den Deutschkursen, wie auf dem Arbeitsmarkt? Was sind die Auswirkungen auf die Stadtverwaltung? Diese und andere Fragen werden in losen Serienfolgen aufgegriffen.