Neustadt Wasser zum Hering

„Lassen Sie mich noch zu einem dritten Punkt kommen, dann steht auch nicht mehr so viel zwischen Ihnen und dem Hering.“ Als Julia Klöckner das sagt, hat die Vorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz bereits einen weiten Weg hinter sich. Von der facettenreichen Infrastrukturpolitik war sie zur nicht weniger umfangreichen Bildung gekommen, jetzt geht es noch zur Flüchtlingspolitik. Und das alles auf der Bühne des Neustadter Saalbaus. Genau dort hat 42-jährige Rheinhessin vor zwei Jahrzehnten ihren – nach eigenen Worten – zweitgrößten Erfolg gefeiert: die Wahl zur Deutschen Weinkönigin. Getoppt wurde das – bislang – nur von der Wahl zur CDU-Landeschefin. Während SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer beim politischen Aschermittwoch der Genossen im Land fast zeitgleich in Frankenthal spricht, hat sich die Union also aus gutem Grund für Neustadt entschieden. Viele sind gekommen, knapp 500, heißt es. Die gute Stube ist voll, beim Einlass hat es sogar kleine Schlangen gegeben. Die Region ist bestens vertreten. Bundes- und Landtagsabgeordnete, Landräte, Bürgermeister, Fraktionsvorsitzende, Parteifunktionäre. Neustadts CDU-Oberbürgermeister Hans Georg Löffler läuft etwas später auf, aber keineswegs gebeugt – obwohl er gerade den Stadtschlüssel vom Karnevalverein zurückbekommen hat. Zuvor bereits hatte Bürgermeister und CDU-Kreisvorsitzender Ingo Röthlingshöfer Parteifreunde und Gäste begrüßt und dabei festgestellt: „Die Stimmung im Saal ist gut, und das ist gut so.“ Mit der Vermutung, dass das nicht nur, aber auch an der Musik der Kolpingskapelle Hambach liegt, dürfte er recht gehabt haben. Ob die Neustadter Jamaika-Koalition von CDU, FDP und Grünen auch für Mainz beispielhaft sein kann, wird sich indes erst im Frühjahr 2016 bei der Landtagswahl zeigen. Röthlingshöfer indirekter Appell: „Sie haben die Wahl ...“ Angesichts der Politik von Rot-Grün gebe es keine Alternative zur CDU im Land – darauf schwört Klöckner dann eine gute halbe Stunde lang ein. „Nicht krachledern“, wie es in Bayern Tradition ist, sondern „verhalten“. Als Angebot mit Augenmaß will sie verstanden wissen, was sie an diesem Aschermittwoch an politischer Kritik und politischen Alternativen anbietet. Aussagen wie „Lehrer werden bei uns wie Leiharbeiter behandelt“ oder „Wir sind solidarisch, aber nicht blöd“, sorgen aber durchaus für Auflockerung. Daneben ist jetzt klar: Die Fastenzeit bedeutet auch für Julia Klöckner Verzicht. Auf Gummibärchen und Alkohol. Bis zur Osternacht. Dann wird eine Flasche Wein geöffnet, und „dann gewinnt die Auferstehung des Herrn eine ganz besondere Bedeutung“. Im Saalbau gibt’s also für Klöckner Wasser zum Hering. 300 Portionen sind insgesamt vorbestellt, außerdem 100-mal Pellkartoffeln pur. Entweder haben es viele in der CDU nicht so mit Fisch oder die Partei zählt so manchen Vegetarier/Veganer. Denn das mit dem Fasten und aufs Wesentliche beschränken, das muss ja nicht schon am ersten Tag perfektioniert werden ...