Neustadt
„Wasser in die Stadt“: Es darf geplanscht werden
Von Ruhe ist am Montagnachmittag in der Laustergasse keine Spur. Doch die Geräusche sind im Vergleich zur vergangenen Woche – und zu den vergangenen zwölf Monaten – ganz andere: Wo noch am Freitag Baumaschinen ratterten, hüpfen nur drei Tage später Kinder über die Steine, hier und da steckt jemand die Schuhspitze ins kühle Nass. Immer wieder bleiben Passanten stehen, um mit ihren Smartphones Fotos zu machen. Der erste Abschnitt von „Wasser in die Stadt“ kommt offensichtlich an.
Gar nicht lange zuvor hatten Oberbürgermeister Marc Weigel, Baudezernent Bernhard Adams und Frank Sobirey einen schwarzen Knopf gedrückt, um vor geladenen Gästen das Wasser zum Laufen zu bringen. Das Großprojekt wiederum hatte Sobirey als Mitglied bei der Bürgerstiftung Neustadt und beim Lions Club zum Laufen gebracht. Nicht ohne Stolz betonte er, wie außergewöhnlich es sei, dass aus einer privaten Initiative etwas mit langfristiger Bedeutung entstanden sei. Weigel bezeichnete die Zusammenarbeit als partnerschaftliches Miteinander zwischen bürgerlichem Engagement und der Stadtverwaltung.
„Historischer Fehler“ nicht zu korrigieren
Sowohl Bürgerstiftung als auch Lions Club hatten über viele Wege Spenden für „Wasser in die Stadt“ gesammelt. Doch bezahlt hätten am Ende öffentliche Träger, so Sobirey. „Für uns blieb dann das Sahnehäubchen: mit Kunst einen Beitrag zu leisten.“ So habe man das Künstlerehepaar Gernot und Barbara Rumpf gewinnen können, den Wasserlauf mit Kunstwerken zu verschönern. Bis August sollen sie aufgestellt sein.
Die ursprüngliche Idee war, den Speyerbach in der Laustergasse wieder zugänglich zu machen. OB Weigel erklärte, dass es unmöglich sei, den „historischen Fehler“ der Verrohrung zu korrigieren: In der Laustergasse seien dafür zu viele Schaufenster. Zudem müssten Anfahrtswege frei gehalten werden.
Wasser von unter dem Klemmhof
Also wurde der Lauf des Speyerbachs mit Ecken und Kanten nachgebildet, wie Landschaftsarchitekt Bernd Hofmann aus Limburgerhof erklärte. Der eigentlich als letzter Abschnitt geplante Teil sei als erstes realisiert worden, da in der Laustergasse der größte Sanierungsbedarf bestanden habe. Der 90 Meter lange Wasserlauf mit Lichtleiste sei ein Add-on, also eine Draufgabe zur Sanierung von Straße und Untergrund.
Und so kommt das Wasser in den Lauf: Das Grundwasser, von dem laut OB Weigel unter der Klemmhof-Passage reichlich vorhanden ist, wird von dort in vier Einzelläufe befördert und oberhalb des Bodens für Passanten erlebbar gemacht. Danach erst wird es in den Speyerbach abgeleitet. „Das ist praktisch ein Kneippbecken umsonst mit Wasser in Badequalität“, so Hofmann.
Dank an Anwohner
Nach Weigels Worten kam die Einweihung zum richtigen Zeitpunkt: Nachdem die dritte Corona-Welle überstanden sei, zöge es die Menschen wieder in die Innenstadt. Und die sei nun baulich aufgewertet worden. Neben den Kollegen aus der Bauabteilung lobte Weigel allen voran Projektleiterin Kerstin Baum für ihren Einsatz. Und Anwohnern und Gewerbetreibenden dankte er für ihre „große Geduld“.
Die Baustelle hätte eigentlich schon früher fertig gestellt sein sollen. Doch das Warten auf Materiallieferungen, unerwartete Funde im Untergrund, Vandalismus und nicht zuletzt das Wetter zwangen die Landschafts- und Gartenbaufirma Flörchinger aus Guntersblum zu Pausen. Das Unternehmen wurde hochgelobt für seinen Einsatz.
Der nächste Bauabschnitt – der Juliusplatz – soll laut Weigel 2022 beginnen. Der von Sobirey geäußerte Wunsch, das Stück von Juliusplatz zum Speyerbach zu öffnen, stieß bei Weigel „auf fruchtbaren Boden“, wie er sagte: „Dafür brauchen wir noch einen Partner mit Geldbeutel.“
Wie die Redaktion die Baustelle vor der Haustür erlebt hat, lesen Sie hier.
Zur Sache: Fast drei Jahrzehnte seit der ersten Idee
1992: Erste Idee zu Wasserlauf von Architekt Martin Hauck, wird nicht realisiert
Dezember 2014: Bürgerstiftung plant kleine Wasserläufe in der Stadt, um Verlauf des alten Speyerbachs nachzuzeichnen. Erstes Treffen zwischen Projektinitiator Frank Sobirey und den Architekten Martin Hauck und Joachim Becker
November 2015: Architekten präsentieren Stadt die Pläne. Erste Kostenschätzung: 635.000 Euro
Februar 2016: Die Anwohner werden informiert
April/Mai 2016: Entwürfe werden städtischen Gremien vorgelegt, die Stadt startet mit der Planung
Juni 2016: Stadt vergibt Planungsauftrag an Architekturbüro Hofmann-Röttgen, Limburgerhof, Entwurf liegt im November vor
Februar 2017: Projekt wird Bürgern im Rathaus vorgestellt
Juni 2017: Stadt beantragt Fördermittel bei Aufsichtsbehörde ADD. Geschätzte Kosten für ersten Abschnitt: 1,03 Millionen Euro
Dezember 2017: Förderzusage der ADD über 90 Prozent, auch Planungskosten für Abschnitt 2 (Juliusplatz) bewilligt
August 2018: Stadtwerke verlegen am Klemmhof Wasserleitungen und Anschlüsse neu
Oktober 2018: Umplanung nötig wegen unterirdischer Toilettenanlage neben Klemmhof
Dezember 2018: Stadt verschiebt Baubeginn auf 2020
August 2019: Neuer Plan liegt vor
Januar 2020: Ausschreibung für Bauunternehmen, Auftragssumme: rund 1,5 Millionen Euro
April 2020: Auftragsvergabe an Flörchinger Garten- und Landschaftsbau GmbH
Juni 2020: Baubeginn
Juni 2021: Einweihung erster Bauabschnitt, Gesamtkosten: 1,95 Millionen Euro, davon 816.000 Euro Zuschuss
