Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 170 Jahren: Die Bahn fährt über die Grenze nach Frankreich

Fahrt am Haardtgebirge: Das Bild stammt aus den Anfangszeiten der Eisenbahn .
Fahrt am Haardtgebirge: Das Bild stammt aus den Anfangszeiten der Eisenbahn .

Geschmückte Bahnhöfe und Musik, eine Bahnfahrt mit vielen Honoratioren: Für die neue Bahnlinie gab es eine große Eröffnungsfeier zwischen Weißenburg und Mainz.

Der erste Abschnitt der Pfälzischen Maximiliansbahn war am 18. Juli 1855 zwischen Neustadt und Landau eröffnet worden – die Ziele waren das elsässische Weißenburg und Straßburg, um von dort den Weg nach Paris zu öffnen. Auch die französisch-elsässische Seite arbeitete am Ausbau ihrer Bahnstrecke in Richtung bayerische Grenze und eröffnete ein Tag später den Linienabschnitt zwischen Straßburg und Hagenau.

Der Aufbau hatte sich aufgrund der Revolutionsbewegungen in beiden Ländern ab 1848 permanent verschoben, auch weil etwas länger über die Linienführung auf der pfälzischen Seite zwischen der Strecke der Ludwigsbahn und dem französischen Zielpunkt Weißenburg diskutiert worden war. So war es 1852 zu einer Vertragsunterzeichnung gekommen. Paul von Denis nahm als Baudirektor dann die Zügel fest in die Hand, um die ursprünglich einmal vereinbarte Bauzeit von drei Jahren doch einzuhalten.

Für den Abschnitt von Neustadt nach Landau gelang dies, im Herbst 1855 folgte dann der deutsche Streckenabschnitt bis an die Grenze auf der Lauterbrücke, wie am 4. Oktober 1855 durch eine kurze Pressenotiz für den 1. November 1855 avisiert wurde.

Während des Baus der grenzüberschreitenden Linie, diesmal in ein europäisches Nachbarland und nicht in einen deutschen Nachbarstaat wie zwischen Ludwigshafen und Mainz, beschloss die Generalversammlung der Pfälzischen Ludwigsbahn, die Unternehmen Pfälzische Ludwigsbahn und Pfälzische Maximiliansbahn zu einem Unternehmen zusammenzuführen. Eine Fusion, die sogar in den bayerischen Stammlanden ihren Niederschlag in der Presse fand. Die Bayreuther Zeitung berichtete am 23. Oktober ausführlich über den Vorgang in der Pfalz, war doch Bahnbau in den bayerischen Stammlanden zu diesem Zeitpunkt in der Regel ein staatliches Vorhaben, während in der Pfalz die Dinge privatwirtschaftlich geregelt wurden.

Über Straßburg geht es schneller

Der Zusammenschluss diente auch dem Ziel, bessere Verbindungen nach Frankreich zu erreichen, hatte doch eine Untersuchung der pfälzischen Bahnverwaltungen ergeben, dass nur der Fahrweg via Straßburg den Verkehr nach Frankreich in einer attraktiven Fahrzeit möglich machte. Das Neustadter Tal hatte einfach zu viele enge Kurven und die Linie nach Homburg insgesamt auch zu viele industrielle Gleisanschlüsse, die aus Sicht der Bahnunternehmen die Reisegeschwindigkeit beeinträchtigten. Die Vereinigung der Unternehmer erfolgte mit einer staatlichen Zinsgarantie für die Aktionäre.

Die beschleunigten Bauanstrengungen führten zu einer weitestgehenden Fertigstellung der Linie. Am 24. Oktober 1855 startete dann der offizielle Probezug, bestehend aus zehn Wagen erster Klasse, gestellt von der bayerischen, hessischen, preußischen und französischen Bahn und geschmückt mit den verschiedenen Landesflaggen. Die musikalische Begleitung erfolgte durch österreichische Regimentsmusik. Der Zug war am frühen Morgen, 6 Uhr, im geschmückten Bahnhof von Ludwigshafen gestartet, befand sich doch in der aufstrebenden Stadt das große Bahnbetriebswerk der Pfälzischen Bahn. Auch der Neustadter Bahnhof war mit Flaggen geschmückt, als der Zug den Fahrtrichtungswechsel in Richtung Elsass vornahm. An den großen Stationen wurde der Zug mit Böllerschüssen empfangen.

Fahnen, Musik und Prominenz

Die hohe Politik aus Bayern, Hessen und Frankreich war versammelt, unter den Gästen der bayerische Ministerpräsident von der Pfordten, der Regierungspräsident der Pfalz und der großherzoglich hessische Minister von Dalwigh sowie Vertreter Preußens, da Mainz ja eine Bundesfestung war. Nach einem kurzen Stopp in Landau ging die Fahrt über die Grenzstation Schaidt – hier hatte man eine Nebenstelle des Zollamtes Neuburg (Rhein) errichtet – weiter nach Weißenburg, wo in dem mit bayerisch, hessisch und französischen Fahnen geschmückten Bahnhof die Gäste aus Paris und Straßburg erwartet wurden. Diese trafen nach einer etwa halbstündigen Wartezeit ein und alle Festteilnehmer stiegen in den bayerischen Zug.

Auf dem Bahnsteig war zur Feier des Tages eine französische Militärkompanie angetreten. In Steinfeld erwartete eine Bürgergarde die Gäste, unter ihnen die Präfekten aus dem Elsass und aus Lothringen. Im Bahnhof Edenkoben stärkte man sich bei einem „kostbaren“ Dejeuner.

Während die französischen Gäste – wie berichtet wird – sich dem Forster Wein und der „Liebfauenmilch“ zuwandten, zeigten die deutschen Gäste großes Interesse für Champagner und den Rotwein aus Bordeaux. Nach einem einstündigen Aufenthalt ging es weiter zu dem seit Jahren in der Diskussion befindlichen Endpunkt in Mainz. Der Bau der rheinhessischen Bahnstrecke von der pfälzisch-rheinhessischen Grenze bis nach Mainz, der 1853 realisiert worden war, ermöglichte jetzt endlich die langersehnte Zugverbindung aus dem Elsass bis zur rheinhessischen Stadt.

Champagner und Tanz

Im Mainzer Schloss fand dann der große Festball statt. Der Berichterstatter der Neustadter Zeitung vermerkt, dass das kurfürstliche Schloss zu Mainz, am Freihafen gelegen, der geeignete Ort war um „Bordeaux und Champagner ohne Vertheuerung durch Zölle zu trinken“. Dem Festessen im Marmorsaal folgte im Casino „Zum Gutenberg“ ein festlicher Ball. Das neue eiserne Band zwischen Frankreich und Deutschland diene „dem Frieden und der Gesittung“, man bekriege sich nicht mehr mit dem Eisen, sagte der bayerische Ministerpräsident. Am 25. Oktober ging die Fahrt zurück.

Kaum gestartet, gab es den ersten Bauerweiterungsantrag für den Bahnhof Winden, der offizielle Verkehr bis nach Weißenburg wurde am 12. November 1855 aufgenommen. Wenige Tage später gab es die erste Pressemeldung über eine Betriebsstörung, die allerdings aufgrund des Probebetriebs ohne gravierende Folgen blieb. Der offizielle grenzüberschreitende Betriebsstart war dann am 26. November 1855.

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