Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Tiefen-Geothermie: Vertrauensleute aus Bürgerschaft möglich

Geinsheimer, Vertreter der Stadtpolitik, aber auch Zuhörer aus der Region: Die Festhalle ist voll.
Geinsheimer, Vertreter der Stadtpolitik, aber auch Zuhörer aus der Region: Die Festhalle ist voll.

Tiefen-Geothermie sorgt auch in Geinsheim für Aufregung. Ein erster Bürger-Dialog wurde deshalb in der Festhalle anberaumt. Für viele Bürger dürfte der Abend trotzdem unbefriedigend gewesen sein.

Volle Festhalle

Geinsheim ist, neben Haßloch, ein möglicher Standort für Tiefen-Geothermie in der Region. Dafür hat die 2019 in Karlsruhe gegründete Vulcan Energie Ressourcen GmbH die Lizenzrechte. Darüber, was geplant ist und wie der Ablauf wäre, wurde am Montag in Geinsheim informiert. Eingeladen hatte die Stadt, diskutiert werden konnte mit Vertretern von Vulcan, dem Landesamt für Geologie und Bergbau, dem Karlsruher Institut für Technologie, den Stadtwerken Neustadt, der Energieagentur Rheinland-Pfalz und der Stadt. Rund 200 Interessierte nutzten die Möglichkeit. Eine zweite Info-Veranstaltung soll folgen.

Der Vulcan-Zeitplan

Als erstes hat Vulcan eine Probebohrung bei Geinsheim vor, die 2023 starten und abgeschlossen werden soll. Geprüft werden soll, ob der Oberrheingraben dort tatsächlich so viel mit Lithium angereichertes Thermalwasser enthält, dass sich die klimaneutrale Förderung lohnen würde. Neben dem Leichtmetall Lithium, einem wichtigen Rohstoff für die E-Mobilität, würde dabei Wärme anfallen, die für die Stromerzeugung oder als Gas-Ersatz genutzt werden kann. Laut Vulcan-Geschäftsführer Horst Kreuter müssten zur Förderung bislang in den USA, Kanada und Südamerika erprobte Verfahren den hiesigen Verhältnissen angepasst werden. Erprobt wird das derzeit im Geothermie-Kraftwerk bei Insheim.

Mehrstufiges Verfahren

Wer schaut Vulcan auf die Finger, war – salopp gesagt – eine Frage von besorgten Besuchern der Info-Veranstaltung. Das Problem: Wie die Sache am Ende ausgeht, kann derzeit noch nicht gesagt werden. Eine mögliche Tiefen-Geothermie bei Geinsheim steht noch ganz am Anfang. Rechtlich zuständig ist das Landesamt für Geologie und Bergbau, das Zulassungsverfahren mehrstufig. Das heißt, es gibt keinen Plan von Anfang bis Ende, sondern je nach Entwicklungsstand wird weiter genehmigt – oder auch nicht. Derzeit geht es um die Probebohrung. Sollte Vulcan dann weitermachen wollen, muss es einen Hauptbetriebsplan vorlegen sowie Sonderbetriebspläne für konkrete Dinge, Beispiel Bohrplatz. Dann entscheidet das Landesamt darüber, ob das gestattet wird.

Die Rolle der Stadt

In diesem Zulassungsverfahren würde dann unter anderem die Stadt Neustadt gehört. Sie kann sagen, was sie von der Sache hält, das Landesamt muss die städtischen Argumente dann abwägen. Ein reines Veto-Recht hat die Stadt nicht. Mitbestimmen kann sie nur dann, wenn es später einmal um baurechtliche Dinge wie ein Geothermie-Kraftwerk gehen sollte.

OB: Ernsthaft prüfen

Weil die Stadt nicht Herrin des Tiefen-Geothermie-Verfahrens ist, sieht Oberbürgermeister Marc Weigel Stadt und Bürger in einem Boot: Die Fragen der Bürger seien zum überwiegenden Teil auch die Fragen der Stadt. Weigel wirbt aber dafür, dem Projekt offen gegenüber zu stehen, zumal es noch ganz am Anfang sei. Ziel der Stadt sei, dass alles ernsthaft geprüft wird. Dabei geht der OB davon aus, dass sich das Land an den „Pakt“ mit den Bürgerinitiativen hält, um den Prozess sachgerecht ablaufen zu lassen.

Übereinkunft von 2014

Mit dem „Pakt“ gemeint ist das Ergebnis eines Mediationsverfahrens, das nach seismischen Ereignissen am Geothermie-Kraftwerk in Landau im Jahr 2010 vom Land initiiert worden war. Daran beteiligt war unter anderem Eugen Hoffmann aus Gommersheim als Mitglied der damals gegründeten Bürgerinitiative (BI) Geinsheim. Auch Hoffmann war am Montag in der Festhalle vertreten und beschrieb, was 2014 von Bürgerinitiativen, Land und Unternehmen sozusagen als Instrumente der Konfliktlösung festgelegt wurde. Dieser „Pakt“ wurde damals geschlossen, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen, also die Geothermie bereits umgesetzt war. So etwas sollte künftig vermieden werden. Lange war es dann still um diese erneuerbare Energie. Mit einer möglichen Lithium-Gewinnung, dem Klimawandel und der Energiekrise nahm das Thema wieder Fahrt auf.

Stichwort Vertrauensleute

In dem „Pakt“ festgeschrieben ist beispielsweise, dass die Förderung überwacht wird. Erschütterungen werden ständig aufgezeichnet, nach einem Ampelsystem wird der Betrieb im Kraftwerk gedrosselt bis hin zur Abschaltung. Falls es trotz Vorsorge zu einem Schaden an einem Haus kommt, muss das Unternehmen beweisen, dass es nicht daran schuld ist. Früher lag die Beweislast beim Hauseigentümer. Aber auch von einer möglichen Bürgerbeteiligung ist die Rede. Es geht um Vertrauensleute aus dem Ort, die im konkreten Fall der Ortsbeirat Geinsheim einsetzen könnte und die in das Verfahren eingebunden wären. Oder, wie es Eugen Hoffmann von der BI formuliert: Die Menschen vor Ort sollten zum Beispiel mitentscheiden können, welche Entfernung zur Wohnbebauung für sie erträglich wäre. Wie in Sachen „Pakt“ weiter vorgegangen wird, müssen Bürger, Stadt und Vulcan vereinbaren. All das kann dann in ein Zulassungsverfahren beim Landesamt für Geologie und Bergbau einfließen.

Werke: Klimaneutral bis 2045

Auch die Stadtwerke sind eng mit den Vulcan-Plänen für Geinsheim befasst. Denn: Auch Neustadt soll nach Vorgaben des Bundes bis zum Jahr 2045 zu hundert Prozent klimaneutral sein. Laut Geschäftsführer Holger Mück wäre das im notwendigen Umfang derzeit nur mit Tiefen-Geothermie zu erreichen. Würden die Stadtwerke die bei der Lithium-Förderung abfallende Wärme übernehmen, könnte diese für Neustadt ausreichen. Indes müsste dafür zunächst viel Geld in eine zentrale Leitung investiert werden und in einem zweiten Schritt in das städtische Netz. Das lohne sich nur, wenn die Wärme langfristig und günstig zu haben sei. Auch die Stadtwerke stehen dem Projekt offen gegenüber, weil sie derzeit keine andere Alternative sehen. Aktuell laufen daher Vorprüfungen, ob die Verteilung von durch Tiefen-Geothermie gewonnener Wärme technisch und wirtschaftlich umsetzbar ist.

Verschiedene Sorgen

Sorgen haben direkte Nachbarn einer möglichen Tiefen-Geothermie bei Geinsheim. So befürchtet eine Anwohnerin Stress für ihre Familie aufgrund von Lärm. Da auch Aussiedlerhöfe dazu gehören, kritisiert die Landwirtschaft, dass der Lithium-Wärme-Förderung weitaus mehr Rechte eingeräumt würden als den Landwirten. Darüber hinaus wird in Geinsheim Kritik an dem Verfahren geäußert, das noch nicht erprobt sei und hohe Risiken für die Menschen bedeuten könne. Das Landesamt verweist auf das gestufte Zulassungsverfahren – und dass es sich bei dem, was Vulcan plane, „nicht um ein Schulexperiment“ handele. Angesprochen wird zudem die Frage, wie lange das Lithium-Wärme-Projekt überhaupt wirtschaftlich betrieben werden könne. Denn nach Angaben des Geologen vom Karlsruher Institut für Technologie „ist Lithium endlich, Thermalwasser und damit Wärme nicht“.

Der Vorteil für Geinsheim?

Was könnte für Geinsheim herausspringen, wenn es zur Tiefen-Geothermie am nördlichen Ortsrand käme? Auch das hat die Zuhörer am Montag beschäftigt. Stadtwerke-Geschäftsführer Mück hatte schon vorher davon gesprochen, dass auch das Weindorf an die Wärme angebunden werden könnte. Leitungen und Wärme wären dann kostenlos, wurde folgerichtig nachgefragt. Mück: „Geinsheim würde profitieren, man kann nach Lösungen suchen und auch sicherlich welche finden. Das versteht sich von selbst.“ Natürlich immer nach Zustimmung des Aufsichtsrats.

Horst Kreuter, Geschäftsführer der Vulcan Energie Ressourcen GmbH
Horst Kreuter, Geschäftsführer der Vulcan Energie Ressourcen GmbH
Holger Mück, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke
Holger Mück, technischer Geschäftsführer der Stadtwerke
Moritz Farak, Landesamt für Geologie und Bergbau
Moritz Farak, Landesamt für Geologie und Bergbau
Ernst Kiefer, Geologe vom Karlsruher Institut für Technologie
Ernst Kiefer, Geologe vom Karlsruher Institut für Technologie
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