Grüne Technologie
Lithium aus der Pfalz: Forscher zweifeln
Hier im südpfälzischen Insheim, zwei Kirchen, drei Bäckereien, viele Weinberge, soll also die Zukunft beginnen, und der Auftritt passt schon mal dazu: Horst Kreuter fährt mit einem weißen Tesla Model S auf das Gelände des Geothermiekraftwerks am Ortsrand. Sein Auto ist nicht einfach nur ein Auto, es ist eine Botschaft: In dieser unscheinbaren Anlage direkt neben der A65 soll schon bald im großen Stil Lithium gefördert werden, der Stoff aus dem E-Autos sind – und Horst Kreuters Träume.
Kreuter, weißes Hemd, fester Händedruck, will mit seinem Unternehmen Vulcan an mehreren Standorten im Oberrheingraben, neben Insheim beispielsweise auch in Haßloch, so viel des weißen Goldes gewinnen, dass der jährliche Lithium-Bedarf der E-Auto-Produktion in Deutschland damit gedeckt werden könnte. Und das auch noch mit einem eigenen Verfahren. Effizient soll es sein. Sehr effizient. Zudem CO2-neutral. Und dann auch noch ressourcenschonend. Viel Geld verdienen und gleichzeitig die Umwelt retten – der Lithium-Traum ist groß. Riesig. Die Frage ist nur: Wird daraus auch Wirklichkeit?
Der 65-Jährige bittet in einen Bürocontainer neben dem Kraftwerk, das umgeben ist von roten und blauen Rohren, einem Wasserbecken und in der Sonne silbrig blitzenden Turbinen. An einem langen Tisch beginnt der Geologe aus Karlsruhe damit, von seiner Vision zu erzählen, und die hört sich beeindruckend an: Vulcan will bereits ab 2024 als erstes Unternehmen in Deutschland zwischen Mainz und Basel 40.000 Tonnen Lithium gewinnen, was laut Kreuter ausreichen würde, um jährlich eine Million E-Auto-Batterien herzustellen. Das Lithium-Vorkommen im Rheingraben sei einzigartig. Ein Schatz in der Tiefe also.
Heißes Wasser hoch, kalt wieder runter
Daran möchte Kreuter auf eine pfiffige Art und Weise kommen – mithilfe der Geothermie, die in Insheim bereits seit Jahren genutzt wird.
Und die funktioniert so: Das Kraftwerk pumpt zurzeit aus 3500 Metern Tiefe rund 160 Grad Celsius heißes Thermalwasser an die Oberfläche. Ein Wärmetauscher kühlt das Wasser um etwa 100 Grad ab, mit der gewonnenen Energie wird eine Turbine angetrieben, die wiederum Strom erzeugt und damit rund Tausende Haushalte in der Umgebung versorgt. Grüne Energie. Keine Treibhausgase. Physikalisch betrachtet ein recht einfaches Prinzip: Wasser nach oben, Wärme rausnehmen, Wasser wieder nach unten, wo es sich erneut aufwärmt. Klappe zu? Nicht ganz.
Denn bevor es wieder abwärts geht, soll das Vulcan-Verfahren dem Thermalwasser auch das kostbare Lithium entziehen. Kreuter beschreibt das so: Das Wasser wird durch einen Filter mit unzähligen Waben geleitet. Die sind so geformt, dass die Lithium-Teilchen darin hängen bleiben, auf diese Weise trennt man sie ab. Übrig bleibt eine Lösung. Die soll dann in Zukunft per Lastwagen zu einer Raffinerie in Frankfurt-Hoechst gebracht und zu einem industriefertigen Pulver verarbeitet werden.
Das Wörtchen „soll“
Bei all diesen Szenarien liegt die Betonung aber auf dem Wörtchen „soll“. Denn bisher ist dieses Verfahren nur in Kreuters Traumfabrik erprobt worden, einem Labor, das sich im Insheimer Kraftwerk befindet.
Das heißt, und so beschreibt es auch das für die Genehmigung der Lithium-Förderung zuständige Landesamt für Geologie und Bergbau in Mainz auf Anfrage: „Das vorgesehene Verfahren wurde und wird in anderen Ländern prinzipiell eingesetzt. Konkret unter den Bedingungen des Oberrheingrabens wurde dieses Verfahren noch nicht in einem industriellen Maßstab eingesetzt.“ Kreuter sieht da kein Problem. Die Technik sei ausgereift, die Versuche und Berechnungen zeigten, dass es mit dem Vulcan-Verfahren möglich sei, dem Thermalwasser über 90 Prozent seines Lithiums zu entziehen – Werte, die mit herkömmlichen Methoden nicht zu erreichen seien.
Wissenschaftler melden allerdings Zweifel an den Thesen des Vulcan-Gründers an. Dazu zählen die beiden Professoren Frank Schilling und Jochen Kolb vom Karlsruher Institut für Technologie, die seit Jahren zur Geothermie beziehungsweise zur Lithium-Förderung forschen. Vulcan geht davon aus, dass der Lithium-Spiegel im Thermalwasser durch die Förderung nach frühestens 30 Jahren abfallen könnte, sodass es unrentabel würde, das Metall weiterhin zu gewinnen. Kolb hingegen meint, das könnte auch schon früher der Fall sein. Es komme auf die Geometrie der Bohrungen an.
Das Wasser strömt zu langsam aus der Tiefe
Schilling und Kolb sagen außerdem, dass die prognostizierte Ausbeute des Vulcan-Verfahrens in einem industriellen Maßstab vermutlich wesentlich geringer ausfallen wird, als von dem Unternehmen prophezeit.
Ein Hinweis darauf ist den Experten zufolge die Fließgeschwindigkeit des Wassers. Derzeit strömt das Thermalwasser durch die Insheimer Anlage mit 70 Metern pro Sekunde. Kreuter legt aber seine Berechnungen zugrunde, wonach es künftig mit bis zu 120 Metern pro Sekunde fließt. Die Karlsruher Forscher halten das für eine ziemlich gewagte These. Und nicht nur sie. Branchenkenner bezeichnen die Werte gar als geradezu utopisch.
Dass Lithium weißes Gold genannt wird, hat seine Gründe. Das Europaparlament hat das Aus des Verbrennungsmotors für 2035 beschlossen. Explodierende Benzinpreise und wohl auch ein gewachsenes Umweltbewusstsein zumindest in den zentraleuropäischen Staaten lassen die Nachfrage nach Elektroautos deutlich steigen. Um für sie Batterien herzustellen, braucht es das leichte Metall, das bisher vor allem in Australien und Südamerika gefördert wird. Der Abbau von Lithium in diesen Ländern ist allerdings oftmals verbunden mit Naturverwüstungen und dem massiven Verbrauch von Trinkwasser.
Autobau mit Biosiegel
All das zusammengedacht, erklärt wohl das Interesse vieler Investoren an Vulcan, obwohl die Firma bisher nur ein paar Gramm Lithium in ihrem Labor gewonnen hat und Experten große Zweifel an dem Vorhaben äußern. Die Geldgeber sehen offenbar die Chance, zuverlässig und zu stabilen Preisen an Lithium zu kommen. Und das auch noch in einer hübschen Umweltschutz-Verpackung. Autobau mit Biosiegel – das lässt das Herz jedes Imageberaters höher schlagen.
Vulcan hat bereits Verträge abgeschlossen mit einigen Großen der Szene. Volkswagen gehört dazu, der Elektronik-Hersteller LG – und Stellantis. Der Mutterkonzern unter anderem von Opel, Fiat und Renault hat sich mit 50 Millionen Euro bei Vulcan eingekauft und möchte in Kaiserslautern eine Batteriefabrik bauen. Über zehn Jahre vertraglich garantiert soll Vulcan für die Produktion Lithium liefern – für das Unternehmen aus Karlsruhe eine Lizenz zum Gelddrucken.
Horst Kreuters Vision speist sich aus all diesen Quellen. Er will mit seinem Unternehmen, dessen Aktie seit dem Gang an die Börse explodiert ist, natürlich viel Geld verdienen. Der Mann aus Nordbaden möchte mit der Lithium-Förderung und der Geothermie aber auch gleich doppelt nachhaltig wirtschaften, viele Arbeitsplätze schaffen, regionale Wertschöpfungsketten knüpfen. So erzählt er es an diesem Nachmittag in dem Bürocontainer in Insheim.
HotRock kam nie zustande
Sein Geschäftstalent und seinen Riecher für Technologietrends hat Kreuter schon des Öfteren bewiesen. Als die Geothermie für viele Energie-Experten noch eine Träumer-Technik war, setzte er auf diese Form der Stromgewinnung. Kreuter gründete die Firma HotRock. Das Unternehmen wollte unter anderem in der Nähe der südpfälzischen Gemeinde Rülzheim an die Tiefenwärme kommen, um 20.000 Haushalte mit grünem Strom versorgen zu können. Noch 2004 warb Kreuter dafür im Gemeinderat, der begeistert zu sein schien.
Das Geothermie-Projekt kam jedoch nie zustande. Warum? „Herr Dr. Kreuter war 1999 Mitgründer und Mitgesellschafter von HotRock. 2003 hat er seine Anteile an einen Investor verkauft und ist 2005 auch als Geschäftsführer ausgestiegen. Das Geothermie-Projekt in Rülzheim fand nach dieser Zeit statt. Eine Kommentierung oder Bewertung des Projekts können wir daher nicht vornehmen. Wir bitten um Verständnis.“ So antwortet Vulcan auf Nachfrage.
Einen Brancheninsider überrascht das nicht. Er sagt, Kreuter sei ein Meister darin, Träume zu verkaufen und damit Investoren an Land zu ziehen.
Eine Milliarde Euro wert
Träume hin, Träume her. Faktisch ist Vulcan derzeit in der Energiebranche in aller Munde. Das Unternehmen hat inzwischen einen Wert von über einer Milliarde Euro. Ob es am Ende das halten kann, was es verspricht, wird sich zeigen. Aber so ist es nun mal bei einer Schatzsuche. Den Schatz zu finden, ist die eine Sache, ihn sicher nach Hause bringen die andere.