Hassloch
Swinger-Gerüchte und Machtkämpfe: Was zum Rücktritt des CDU-Beigeordneten führte
Während andernorts rund um Weihnachten und den Jahreswechsel zumindest politisch Ruhe einkehrt, lag über Haßloch eine nervöse Anspannung. Kurz vor den Feiertagen machte der CDU-Beigeordnete Marcel Wirdemann überraschend seinen Rücktritt öffentlich – „unfreiwillig“, wie er mehrfach betonte. An seiner fachlichen Arbeit, darin sind sich alle Koalitionsparteien einig, habe es nicht gelegen. Seine Amtsführung wurde fraktionsübergreifend gelobt. Und doch musste er gehen. Warum?
Auslöser war eine Gerüchtelage, die sich um das Privatleben des 44-Jährigen verdichtete. Anonyme Briefe tauchten auf, Gespräche wurden weitergetragen, intime Fotos kursierten. Im Raum standen Gerüchte über das Sexualleben der Wirdemanns sowie die Beteiligung seiner Ehefrau an einem geplanten „Lifestyleclub“. Wenige Tage vor Weihnachten zog der stellvertretende Leiter der Wasserschutzpolizei Rheinland-Pfalz die Konsequenzen. Als Ursache nannte er die Methoden „parteiinterner Interessenkonflikte und Machtkämpfe“.
„Kein Rotlichtmilieu“
Im Zentrum vieler Spekulationen stand das Privatleben des Familienvaters. Konkret ging es um die Beteiligung seiner Ehefrau an einem geplanten „Lifestyleclub“ im Umfeld von Haßloch sowie um Gerüchte über das Liebesleben des Ehepaars, bis hin zu Mutmaßungen über angebliche Swinger-Aktivitäten. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ bestätigt Wirdemann, dass seine Frau Teil eines Konsortiums ist, das einen „Lifestyleclub für solvente Paare“ plant. Er selbst sei daran nicht beteiligt. „Ich unterstütze meine Frau emotional, bin aber kein Gesellschafter“, sagt er.
Ursprünglich habe die Gruppe der Gesellschafter wegen eines möglichen Neubaus nach einem Grundstück in Haßloch gesucht. Inzwischen, so zitiert er seine Ehefrau, sei jedoch ausgeschlossen, dass das Vorhaben dort umgesetzt werde. Der Kern der Empörung, so legt es die Gerüchtelage nahe, lag weniger in den unternehmerischen Aktivitäten seiner Frau als in den Vorstellungen darüber, was ein „Lifestyleclub“ sei. „Mir ist bewusst, dass meine Frau keinen Dekoladen eröffnet“, sagt der ehemalige Beigeordnete. Tatsächlich handle es sich um einen Ort, an welchem sich solvente Paare zum Feiern, Tanzen, Trinken und zum Austausch träfen. Wellness- und Spa-Angebote spielten dabei eine zentrale Rolle. Bei vielen Gästen bliebe es dabei. Ebenso gebe es aber auch die Möglichkeit, sich in einem entsprechend gestalteten, diskreten Ambiente zurückzuziehen, wenn man es denn möchte. Entscheidend sei für ihn die klare Abgrenzung: kein Rotlichtmilieu, keine Laufkundschaft, keine sexuellen Dienstleistungen und kein Zutritt für alleinstehende Männer.
Gerüchte über Swingerclub
Dass das Vorhaben seiner Frau in Haßloch nicht geräuschlos umgesetzt würde, sei ihm bewusst gewesen. Deshalb habe er geplant, es parteiintern rechtzeitig zu kommunizieren, sobald eine offizielle Bauvoranfrage gestellt worden wäre. „Ich wäre auch bereit gewesen, sofern es die Partei gewollt hätte, mit einer sachlichen Begründung vom Amt zurückzutreten, beispielsweise wegen einer Überbelastung durch Familie, Beruf und Politik“, sagt Wirdemann.
Die Entscheidung darüber, wann und wie die Pläne öffentlich werden, sei ihm jedoch letztlich aus der Hand genommen worden. Während eines Urlaubs in Japan erreichten ihn Nachrichten, in Haßloch kursierten Gerüchte, er wolle einen Swingerclub eröffnen. Parallel wurden intime Bilder in Umlauf gebracht, die über ein gefälschtes Profil auf einer digitalen Plattform ausfindig gemacht worden seien. Auch der RHEINPFALZ liegen entsprechende Inhalte vor. Sie seien gezielt eingesetzt worden, um sein Frauenbild infrage zu stellen und einen angeblich „geschädigten Moralkompass“ zu unterstellen, so Wirdemann. Wer die Inhalte in Umlauf gebracht hat, ist bislang offen. Mittlerweile sei ihm bekannt, dass die Zugangsdaten des Profils weitergeben und Bilder auch in ausgedruckter Form verteilt wurden.
Hinzu kamen anonyme Schreiben, die an Fraktionsvorsitzende in Haßloch, die Gleichstellungsbeauftragte der CDU Haßloch und an Medienvertreter verschickt worden seien, welche den Sachverhalt nochmal in ein anderes Licht gerückt hätten. In den Schreiben sei sogar von Erpressungsvorwürfen die Rede gewesen. Daraufhin habe er dienstlich „die Flucht nach vorne“ angetreten. Als stellvertretender Leiter der Wasserschutzpolizei Rheinland-Pfalz habe dies bedeutet, neben dem Polizeipräsidenten auch das Innenministerium zu informieren. Beide Instanzen hätten den Sachverhalt sachlich bewertet und keine Probleme gesehen. „Da ist eine große emotionale Last von mir abgefallen. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar für die differenzierte Betrachtung.“
Wirdemann bleibt CDU-Mitglied
Auch mit Blick auf sein Amt als Beigeordneter habe es mehrere Gespräche mit Bürgermeister Tobias Meyer und dem CDU-Vorstand gegeben, schildert Wirdemann. Zunächst sei ihm nahegelegt worden, freiwillig zurückzutreten. In einem späteren Vier-Augen-Gespräch habe der Rathauschef schließlich erklärt, er könne sich eine weitere Zusammenarbeit nicht mehr vorstellen. Zuvor, so Wirdemann, habe seine Ehefrau dem Bürgermeister auf einer öffentlichen Veranstaltung den Handschlag verweigert. „Da war mir klar, dass das Ärger geben würde. Ich wollte trotzdem weitermachen“, sagt er. Erst als sich die Gerüchte derart zuspitzten, dass er einen erheblichen Schaden für seine Reputation und seine Familie befürchtete, habe er wenige Tage später den Rücktritt erklärt. „Über das finale Gerücht, das den Ausschlag gegeben hat, möchte ich nicht sprechen, es ist zu rufschädigend“, sagt Wirdemann.
Gerüchte seien seines Erachtens bewusst gestreut worden, um ihn zu diskreditieren. Der CDU insgesamt mache er keinen Vorwurf, das Parteibuch wolle er nicht niederlegen. „Es waren einige wenige, die hinter den Kulissen agiert haben“, betont er. Zugleich habe es viele in der Partei gegeben, die ihm den Rücken gestärkt hätten und weiterhin stärken. Künftig wolle er sich „aus der zweiten Reihe im Sinne der Sache“ einbringen – loyal und gemeinsam mit Mitstreitern, „denen es um Inhalte und nicht um Personen oder Posten geht“. Auch für andere Aufgaben innerhalb der Partei stehe er weiterhin zur Verfügung.
Rückhalt durch CDU-Ortsverband
Rückhalt erhält Wirdemann vom Vorsitzenden des Haßlocher CDU-Ortsverbands Marcel Zahn. Dieser machte von Beginn an deutlich, dass er sich eine andere Lösung gewünscht hätte. Für Mitte Januar sei ein Gespräch anberaumt gewesen, in dem sich Vorstand, Bürgermeister und Wirdemann über das weitere Vorgehen hätten verständigen wollen. Den geplanten „Lifestyleclub“ sieht Zahn zum aktuellen Zeitpunkt nicht als Problem: „Bisher gibt es nur Pläne. Da wäre ich zurückhaltend, bis überhaupt etwas Konkretes passiert ist“, sagt er.
Mit Blick auf die kursierenden Fotos, die Wirdemanns Privatleben betreffen, findet Zahn deutliche Worte. Es stehe niemandem zu, das private Leben von Marcel Wirdemann zum Gegenstand politischer Bewertungen zu machen. Die Eignung Wirdemanns als Beigeordneter wegen Gerüchten über sein Privatleben infrage zu stellen, hält Zahn für überspitzt. Fachliche Eignungen seien klar von persönlichen Angelegenheiten zu trennen. Eine Spaltung innerhalb der CDU weist er zurück. „Wir sind uns einig, dass es eine zufriedenstellendere Lösung gegeben hätte“, sagt Zahn stellvertretend für den Ortsverband.
Die CDU-Fraktion distanziert sich vom Entscheidungsprozess. Fraktionsvorsitzender Daniel Mischon betont, die Fraktion sei weder in das Vier-Augen-Gespräch noch in eine Rücktrittsentscheidung eingebunden gewesen. Man urteile nicht über private Lebensumstände und bedaure den Rücktritt. Dieser sei die persönliche Entscheidung Wirdemanns gewesen.
Bürgermeister Tobias Meyer wollte sich auf Nachfrage nicht zu den Hintergründen äußern.