Neustadt
Straßennamen: Bald kein Afrikaviertel mehr?
Das Afrikaviertel
Axtwurf- und Hauberanlage, Leibniz-Gymnasium, Humboldtstraße, Am Waldrand – im Afrikaviertel erinnert nicht übermäßig viel an den Kontinent. Früher hieß das Gebiet im Südwesten von Neustadt Neuberg. 2016 hat sich ein Afrikaviertel-Verein gegründet, der sich um Denkmal- und Landschaftspflege kümmern sowie bürgerschaftliches Engagement bündeln will. Gefeiert wird ein Hauberfest, 2023 am 7. August. Von den Straßennamen haben nur vier etwas mit Afrika zu tun. Und genau diese stehen nun zur Debatte, wobei ein Name ein ganz besonderer Fall ist.
Wer hat die Straßen benannt?
Das Baugebiet Neuberg wurde in den 30er-Jahren angelegt. 1938 wurden von dem damals bereits seit fünf Jahren gleichgeschalteten Stadtrat vier Straßen kommentarlos nach Kolonialisten benannt. Damals, so ergaben Forschungen der Würzburger Wissenschaftlerin Verena Ebert, geschah das vielerorts, sei also typisch für die NS-Zeit gewesen. Reichsweit habe sich der „Reichskolonialbund“ dafür eingesetzt. In den Jahren vor 1933 sei das nur vereinzelt geschehen, zumal einige Namensgeber schon im Kaiserreich wegen ihres brutalen Vorgehens in den Kolonien kritisiert wurden.
Drei und ein Sonderfall
Drei der früher als „Kolonialpioniere“ bezeichneten Männer, nach denen im Afrikaviertel Straßen benannt wurden, waren Adolf Lüderitz (1834-1886), Hermann von Wissmann (1853-1905) und Gustav Nachtigal (1834-1885). Der vierte im Bunde war Karl Peters (1856-1918). Über ihn, der wegen seiner Grausamkeit schon im Kaiserreich als „Hänge-Peters“ bezeichnet und 1897 aus dem Dienst entlassen worden war, hatten sich Leibniz-Schüler Anfang der 90er-Jahre schlau gemacht und eine Umbenennung gefordert. Zwei Versuche des Stadtrats, der Straße einen neuen Namen zu geben, scheiterten am Widerstand von Anwohnern. Letztlich gab es eine Umwidmung: 2012 wurde der Name dem Strafrechtsexperten Karl Peters (1904-1998) zugeschlagen, so geschehen auch in Kaiserslautern. Aber: Dieser Karl Peters wiederum hat eine NS-Vergangenheit, was vielerorts erst nachträglich bekannt wurde.
Die Anwohnerversammlung
Anhand eines wissenschaftlichen Straßennamengutachtens hat der Stadtrat entschieden, über jene vier im Afrikaviertel sowie die Karl-Helfferich-Straße zu diskutieren. Das geschieht auch in für jedermann offenen Anwohnerversammlungen. Entscheiden wird aber der Stadtrat. Zu den „Kolonialpionieren“ konnten am Mittwoch im „Leibniz“ Anwohner ihre Meinung äußern, gut 60 waren gekommen, ebenso etliche Stadtratsmitglieder. Zuvor gab es Einführungen vom Mitautor des Gutachtens, Daniel Kroiß, sowie von der Würzburger Philologin Verena Ebert. Sie bedankte sich dafür, als Expertin erstmals von einer Kommune eingeladen worden zu sein.
Die Debatte
Unter den Zuhörern am Mittwoch waren sowohl langjährige Bewohner des Afrikaviertels als auch vor einigen Jahren oder erst vor Kurzem Zugezogene. Ebenso gemischt war die Altersstruktur. Der Tenor der öffentlichen Redebeiträge: Die Zeit ist reif, die Straßen umzubenennen. Bedauert wurde, dass bei der Umwidmung der Karl-Peters-Straße noch einmal ein Mann geehrt worden sei, der das nicht verdient habe.
Alternative Straßennamen
In der Versammlung sprachen Anwohner auch alternative Straßennamen an. Die Ideen reichten von Namen von Personen oder Volksgruppen, die sich gegen den Kolonialismus oder später gegen die Apartheid wehrten, über Vorkämpfer der Demokratie aus Neustadt oder Neustadter NS-Opfer bis hin zu neutralen Bezeichnungen mit Bezug zum Quartier. Egal wie: Die neuen Namen sollen eingänglich und leicht zu schreiben sein.
Was wird aus dem Afrikaviertel?
Kann sich der Name Afrikaviertel halten, wenn kein Bezug mehr zu dem Kontinent besteht? Und wie stark identifiziert man sich überhaupt damit? Auch darüber tauschten sich die Anwohner aus. Verwiesen wurde auf andere Namen wie Neuberg und auf andere Straßen wie Am Waldrand, Humboldt- oder Julius-Wilde-Straße, die ohnehin nichts mit Afrika zu tun hätten. An die Adresse des Afrikavereins wurde von einer Anwohnerin die Bitte gerichtet, die Geschichte der Straßen, ihrer bisherigen Namensgeber und der aktuellen Debatte darzustellen, weil das auch aus pädagogischen Gründen nicht vergessen werden dürfe.
Wie es weitergeht
Bis zur Sommerpause wird der Stadtrat laut Oberbürgermeister Marc Weigel entscheiden, ob umbenannt wird oder nicht, und dann das weitere Vorgehen festlegen. Über die Meinungsäußerungen in den Versammlungen wird das Gremium ebenso informiert wie über die Meinungen, die per E-Mail an die Stadt geschickt werden. Zur Karl-Helfferich-Straße hat der OB sich bereits positioniert und will dem Stadtrat die Umbenennung vorschlagen, wie es die SPD 2019 gefordert hatte. Davon, dass es in der Anliegerversammlung für die vier Afrikaviertel-Straßen ein klares Votum pro Umbenennung gab, wurde er nach eigenen Worten überrascht. Vorschlagen will Weigel dem Stadtrat zudem, dass die Anwohner wieder einbezogen werden, sollten neue Straßennamen gefunden werden müssen. „Wir bleiben im Gespräch“, versprach er.
Die Kosten
Wie den Anliegern der Karl-Helfferich-Straße sichert die Stadt den Betroffenen im Afrikaviertel zu, die mit einer Straßenumbenennung verbundenen Kosten innerhalb gewisser Grenzen zu übernehmen.
