Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel St. Martin: Europäische Kammerchor Köln in der Pfarrkirche

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Der Europäische Kammerchor Köln unter Leitung von Michael Reif begeisterte das Publikum in der vollbesetzten St. Martiner Pfarrkirche. Im Gepäck hatten die Musiker ein außergewöhnliches Programm.

Mit hervorragend geschulten Stimmen aus Deutschland, Belgien, Niederlande, Luxemburg und der Schweiz hat sich der „Europäische Kammerchor Köln“ in seiner jungen 15-jährigen Geschichte im internationalen Diskurs erfolgreich positioniert. Am Sonntag machte das herausragende Ensemble unter Leitung von Michael Reif – nicht zuletzt persönlichen Kontakten geschuldet – als Gast der Jungen Kantorei St. Martin in der dortigen Pfarrkirche Station.

Der Auftritt der 28 Vokalisten legte es eindrucksvoll nahe: Auch wenn die kirchenmusikalische Repertoire-Liste die einschlägigen Oratorien von Klassik und Romantik durchaus führt – das Ensemble mit dem fantastischen Gestaltungspotenzial ist am virtuosen Spektrum der sogenannten „Alten Musik“ geschult, ebenso wie an der breiten Ausdrucksskala zeitgenössischer Tondichtungen.

Charisma und klare Stimmen

Notentechnische und rhythmische Standfestigkeit? Geschenkt. Darüber hinaus aber genoss das Publikum das herrlich stimmige, in sich so trübungsfrei gerundete Klangbild, das – beiläufig, ungekünstelt – auch ein Höchstmaß an Disziplin bei Einsätzen wie Schlussfloskeln einschloss. Kollektiver Atem, schlackenfrei.

Wer Michael Reifs in jedem Moment sehenswert spannende Aktion am Pult, seine vitale, bildhaft suggestive Agogik verfolgte, kam dem Klanggeheimnis ein Stück weit auf die Spur. Abgesehen vom wirklich vorzüglichen Stimmmaterial, das ihm zur Verfügung hat, zeugt sein Dirigat ebenso vom Moment inspirierenden Charisma wie einem hochbelastbaren Fundament an akribischem Gestaltungstraining vorweg.

Frühbarock bis Moderne

Auch das Programm war exquisit, lud ein auf musikliterarische Entdeckungsreisen. „Crucifixus“ von Andrea Lotti und „Stabat mater“ von Juan Gutiérrez de Padilla öffneten Fenster in die opulente Mehrstimmigkeit des Frühbarock. Mit Charles Hubert Hastings Parry und Charles Villers Stanford ward die Spätromantik klangmächtig bedient. Kim André Arnesen und Wolfgang Buchenberg etwa, auch das eindringliche „Miserere“ von Jósef Swider, schließlich entführten eindrucksvoll in die Tonsprache des 21. Jahrhunderts.

Eine Art Hymne auf den Zweifel, „Credo/ I believe“ hat der tschechische Komponist Matej Kastelic 2016 geschaffen. Ein Credo der anderen Art, das mit einem höchst provokanten Fragezeichen endet. Und zuvor mit kontemplativen wie furiosen, spottend zischenden, flüsternden und hysterisch aufbegehrenden rhetorischen Klangebenen – in der Tradition eines antiken Szenechors – das lateinische „Credo“ des Basssolisten konterkariert. Ein starker Kommentar zur Gottes-Frage. Verstörend und unglaublich intensiv interpretiert.

Auch Gospel im Repertoire

Danach, programmdynamisch durchaus geschickt, lieferte der stilistische Schwenk ins etwas unbeschwerter goutierbare Gospel-Metier eine Art musikalischer Gegenoffensive. Dabei waren die peppigen, harmonisch teils bis an Schmerzgrenzen dichten und dissonanten Arrangements aus den Federn von Wolfram Buchenberger, Carl Haywood und Marques Garrett sowie das wunderbar getragene, im Dialog mit einer fein austarierenden, glockenhellen Chorsolistin servierte „Only in Sleep“ des lettischen Komponisten Ëriks Ešenvalds für die Ausführenden keineswegs leichte Kost.

Und diesbezüglich setzten das Ensemble bei der Zugabe sogar noch eins drauf: mit dem köstlich servierten finnischen Zungenbrecher „Pseudo-Yoik“ von Jaakko Mäntyjärvi.

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