Haßloch
Plötzlich im Rollstuhl: Zwei Betroffene kämpfen für mehr Barrierefreiheit
„Es kann jeden treffen, zu jedem Zeitpunkt, von heute auf morgen“, sagt Robert Fath. Wie plötzlich sich das Leben verändern kann, musste der stellvertretende Vorsitzende des Haßlocher Behindertenbeirats selbst schmerzlich erfahren. Seit zwölf Jahren ist er auf einen Rollstuhl angewiesen. Der Tag, an dem ihm die Fähigkeit zu laufen genommen wurde, hat sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt.
„Ich war gerade zuhause am Renovieren und hatte am Vorabend schon Schmerzen in den Beinen“, erinnert sich der 58-Jährige. Sein erster Gedanke: Hoffentlich ist es kein Bandscheibenvorfall. Dass seine Beine nur wenige Stunden später nicht mehr auf seine Befehle reagieren würden, sei da noch unvorstellbar gewesen. „Ich bin morgens aufgestanden und konnte meine Füße nicht mehr bewegen“, sagt der gebürtige Neustadter. Noch am selben Abend war sein gesamter Körper gelähmt. Bis zum Hals. Im Krankenhaus folgt die niederschmetternde Diagnose: eine schwere Entzündung des Rückenmarks. „Ich konnte drei Wochen lang nicht einmal meine Arme bewegen.“
Berührungsängste und Blicke
Inzwischen hat er seine Beweglichkeit bis zum Brustwirbel zurückerlangt. Für die Beine kam jede Hilfe zu spät. Die Entzündung war zu weit fortgeschritten. Die Ärzte konnten nichts mehr für ihn tun. „Aber das ist immer noch besser, als wenn man seine Arme und Hände nicht benutzen kann“, sagt Fath. Er hat gelernt, die Dinge positiv zu sehen.
Und dennoch: „Im ersten Moment habe ich gedacht: Das war’s jetzt.“ Das Körperliche sei das eine. Aber da sei noch so viel mehr. „Man wird klein.“ Plötzlich blickt die Welt auf den 1,80 Meter großen Mann herab. Vorher auf Augenhöhe, jetzt auf Sitzhöhe. Autos übersehen ihn. Menschen blicken weg oder starren. „Da wird einem über Nacht die Selbstsicherheit genommen“, sagt er. Es sei eine schwierige Zeit gewesen, den Alltag wieder selbstbestimmt zu gestalten.
Die Blicke spüre er bis heute. „Manchmal schauen mich die Leute an, als wäre ich von einem anderen Planeten“, sagt Fath und berichtet von Berührungsängsten, die viele im Umgang mit Menschen mit Behinderung hätten.
Plötzlich im Rollstuhl
„Das ist ein Trauma“, ergänzt Jürgen Hess, Vorsitzender des Behindertenbeirats. Der Haßlocher weiß genau, wovon er spricht. Auch er musste erleben, wie sich das Leben innerhalb eines einzigen Tages vollkommen verändern kann – wie der Bordstein plötzlich zum Hindernis wird und Alltägliches unmöglich wird. Seit rund 15 Jahren sitzt der 63-Jährige im Rollstuhl.
Davor war er 31 Jahre lang als Orgelbauer im Außendienst unterwegs – bis zu jenem einen Tag, der sein Leben in ein Davor und ein Danach teilte. „Ich habe plötzlich einen Schmerz gespürt. Dann sind mir einfach die Beine weggeklappt.“ Er erinnert sich noch genau an diesen Moment. „Dann liegt man da und fragt sich: Was passiert hier gerade?“
Eine eindeutige Antwort hat er bis heute nicht erhalten. Etliche Untersuchungen musste er über sich ergehen lassen. Selbst eine Spezialklinik konnte keine eindeutige Diagnose stellen. „Wahrscheinlich war es ein Infarkt“, sagt Hess. Irgendwann hätten selbst die Ärzte aufgegeben. Dass er ab dem Brustwirbel abwärts gelähmt ist, daran ließ sich nichts mehr ändern.
Gründung des Behindertenbeirats
Aus eigener Erfahrung wissen die beiden, wie abrupt ein Leben aus den Fugen geraten kann. „Am Anfang hatte ich das Gefühl, man wird einfach stehen gelassen“, sagt Fath. „Keiner weiß, wie es weitergeht: die ganzen Anträge, das ganze Drumherum. Ohne Hilfe ist man da wirklich aufgeschmissen.“ Was ihnen damals selbst fehlte, möchten sie heute anderen bieten: Orientierung, Erfahrung und das Gefühl, nicht allein zu sein.
Bis 2023 war er der offizielle Behindertenbeauftragte der Gemeinde. Doch das Ehrenamt stieß an seine Grenzen. „Wenn man wirklich etwas bewegen will, ist das allein zu viel“, sagt Hess. Mit der Unterstützung der Gemeinde gründeten sie daher im vergangenen Jahr den Behindertenbeirat – ein gewähltes Gremium mit fünf festen Mitgliedern und drei Stellvertretern. „Früher war er der Beauftragte, ich habe im Hintergrund mitgearbeitet. Jetzt haben wir die Rollen getauscht“, sagt Hess. „Eine Symbiose“, nennt es Fath lächelnd.
Anlaufstelle für Betroffene
Um ganz konkrete und individuelle Unterstützung zu leisten, stehen einmal pro Monat Franz Krätschmer, ehemaliger Behindertenbeauftragter und der frühere Beigeordnete und Sozialdezernent Jürgen Hurrle in einer offenen Sprechstunde mit Rat und Tat zur Seite. Hurrle hat in Haßloch bereits früh wichtige Impulse gesetzt: „Er hat als Sozialdezernent viel auf den Weg gebracht, unter anderem den Behindertenstammtisch“, erinnert sich Hess. „In dem Bereich war er wirklich ein Vorreiter.“
Aus dem Stammtisch ist inzwischen das „Forum Handicap“ geworden, ein offenes Begegnungsformat für Menschen mit und ohne Behinderung. Der neue Name signalisiert: Inklusion beginnt beim Gespräch.
Zusammenarbeit mit der Gemeinde
Der neue Beirat bringt nicht nur mehr personelle Kapazitäten, sondern auch politisches Gewicht. Er hat Antragsrecht und unterstützt die Gemeinde aktiv bei der Umsetzung eines barrierefreien und inklusiven öffentlichen Lebens. „Die Zusammenarbeit mit der Gemeinde ist klasse“, sagt Hess. Von Anfang an seien sie unterstützt und bei zentralen Projekten eingebunden worden.
So wurde etwa die Gemeindehomepage mit Eye-Able ausgestattet, einer Software, die Kontraste schärft, Texte vorliest, Schriftgrößen anpasst und so Barrieren für Menschen mit Sehbehinderung abbaut. Bei neuen Bauvorhaben werde der Beirat frühzeitig beteiligt – so etwa bei der Planung der Kitas, des Badeparks oder der Turnhalle der Schillerschule. Am Parkfriedhof sei nach einem Ortstermin – inklusive Rollstuhlparcours für die Bauverwaltung – binnen weniger Wochen ein zusätzlicher Behindertenparkplatz entstanden. „Das ging ruckzuck“, sagt Hess.
Kaum barrierefreie Arztpraxen
Und dennoch: Es gibt noch viel zu tun für den Beirat. „Ärzte sind wirklich ein sehr großes Problem“, berichtet Hess. Zwei barrierefreie Hausarztpraxen hätten geschlossen – ohne Ersatz. Die wenigen Verbliebenen seien für viele kaum erreichbar. Auch barrierefreie Toiletten fehlten, besonders in Praxen, Apotheken und der Gastronomie.
Dass die Tourist-Info barrierefrei umgestaltet wurde, sei klasse, sagt Hess, und ergänzt: „Allerdings gibt es keine einzige Unterkunft, die für Rollstuhlfahrer barrierefrei ist.“ Ähnlich ernüchternd sei der Blick auf die Gastronomie, barrierefreie Restaurants blieben nach wie vor die Ausnahme. Auch die An- und Abreise mit dem Zug gestalte sich schwierig: Zwar sei Gleis 1 gut erreichbar, die Rampe zu Gleis 2 jedoch mit einer Steigung von mehr als zehn Prozent für normale Rollstuhlfahrer kaum zu bewältigen, sagt Hess. „Egal, wie trainiert deine Arme sind, Oberschenkel werden sie nie“, sagt er lachend. Am Thema barrierefreier Bahnhof seien sie bereits einige Jahre vergeblich dran.
Daran, dass sie sich ihre Ziele hoch stecken, ändert das nichts: „Das Größte wäre natürlich, wenn Haßloch irgendwann zur Vorzeigegemeinde in puncto Barrierefreiheit wird“, sagt Fath und schiebt im gleichen Atemzug nach: „Bis dahin liegt noch viel Arbeit vor uns.“
Info
Die Sprechstunden des Behindertenbeirats finden jeden dritten Mittwoch im Monat von 14.30 Uhr bis 16.30 Uhr im Rathaus, Raum 110, statt.