Deidesheim
Parkgebühren auf Wanderparkplatz: Hüttenbetreiber fürchtet um seine Existenz
Auf dem Waldparkplatz Mühltal oberhalb von Deidesheim herrscht Unruhe. Während Sonnenstrahlen durch das dichte Blätterdach des Pfälzerwalds brechen, Vögel zwitschern und in der Ferne leise das Plätschern des Weinbachs zu erahnen ist, gibt es unter den Wanderern nur ein Thema: die knallgrünen, neuen Schilder, die Besucher auffordern, über die App „Parkster“ eine Parkgebühr zu entrichten. Beim Versuch, sich durch den digitalen Park-Dschungel zu kämpfen, schließen sich einzelne Gruppen zu Solidargemeinschaften zusammen, teilen die wenigen Smartphones und suchen gemeinsam nach Lösungen für das Rätsel „Handyparken“. Wer nicht ratlos auf einem Bildschirm herumtippt, flucht – oder fährt gleich wieder nach Hause.
„Wir fahren jetzt nach Böhl-Iggelheim ins Naturfreundehaus. Sonst sind wir immer gerne hier, aber das geht gar nicht“, sagt ein Frankenthaler, während er seinem Sohn bedeutet, den Hund wieder im Kofferraum unterzubringen. Der Ausflug zur Deidesheimer Hütte endet für die Familie bereits auf dem Parkplatz.
Erste Hütte im Pfälzerwald mit Parkgebühren
Seit knapp einer Woche hat die Hütte mit den neuen Gebühren ein Alleinstellungsmerkmal, das Pächter Harald Mugler nie wollte – und am liebsten so schnell wie möglich wieder loswerden würde. Es ist die erste Hütte des Pfälzerwald-Vereins, deren Wanderparkplatz bewirtschaftet wird. Grund dafür ist das vom Stadtrat im März beschlossene Parkraumbewirtschaftungskonzept, das neben drei weiteren Standorten in Deidesheim auch am Waldparkplatz Mühltal die Einführung des Handyparkens vorsieht. An Wochenenden und Feiertagen werden pauschal fünf Euro fällig – egal, ob man zwei Minuten oder 24 Stunden parkt. Unter der Woche kostet das Parken drei Euro, wobei die ersten beiden Stunden kostenlos sind. Damit wolle man Joggern und Hundebesitzern entgegenkommen, begründet der Stadtrat den Beschluss.
Für Miriam Burkhardt vom Pfälzerwald-Verein ist das ein Novum. Von Gebühren auf ausgewiesenen Wanderparkplätzen habe man beim Dachverband in Neustadt noch nie gehört. „Wir wissen, dass es gebührenpflichtige Parkplätze in Ortsrandlage gibt“, sagt Burkhardt. Allerdings seien die Gebühren dort wesentlich niedriger. „Fünf Euro sind schon echt viel, nur um in den Wald zu gehen“, ergänzt sie.
„Wettbewerbsverzerrend“ für Pächter
Besonders betroffen von der neuen Regelung ist Harald Mugler, Pächter der Deidesheimer Hütte. „Die Lage hier ist sehr unglücklich. Im Grunde bin ich der Hauptleidtragende“, sagt der 65-Jährige. Denn wer nicht zahlen will, kann auf den Parkplatz der Hütte Pfalzblick oder auf den Teil des Sensental-Wanderparkplatzes ausweichen, der auf der Gemarkung von Niederkirchen liegt – dort kostet das Parken nichts, und die Besucher können dennoch zu Fuß eine Hütte erreichen. Nur eben nicht die von Harald Mugler. „Das ist wettbewerbsverzerrend. Die Pfälzer rechnen in Schorle. Da ist der erste Schorle quasi schon weg, bevor sie bei mir auf der Hütte sind“, sagt der gelernte Diplom-Volkswirt. Es gehe ihm nicht darum, auf Konfrontationskurs zu gehen – vielmehr wolle er gemeinsam mit der Stadt Deidesheim eine Lösung finden.
Für den Hüttenbetreiber kamen die Parkgebühren überraschend. Wie viele seiner Gäste erfuhr er erst durch die RHEINPFALZ von der Neuerung. Einen Infoabend für Bürger beschloss der Stadtrat erst nach dem Start des Handyparkens; ein Termin steht noch aus.
Großer Widerstand bei den Gästen
„Die Gäste fragen mich, rufen an, schreiben E-Mails. Der Aufschrei ist enorm. Das Thema bringt mich wirklich an meine Grenzen“, erklärt der Wahl-Neustadter den Ratsmitgliedern bei einer Bürgerfragestunde während der jüngsten Stadtratssitzung. Während er sein Anliegen vorträgt, überschlägt sich seine Stimme, er kommt ins Stottern. Dem gebürtigen Westfalen ist anzumerken, wie sehr ihn das Thema bewegt. Er brenne für den Ort und die Hütte – Deidesheim trage er nicht nur im Herzen, sondern auch das Logo seiner Hütte zeige das Wappen der Stadt.
Trotz aller Zugewandtheit ist Mugler als Hüttenbetreiber auf Umsatz angewiesen. „Es geht um meine Existenz. Ich habe keine Laufkundschaft. Wenn ich jeden Tag Gäste verliere, ist das ein schleichender Tod“, prophezeit er.
Hüttenbetreiber zeigt Verständnis
Einen Tag nach der Stadtratssitzung wirkt Mugler gefasster. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Wie er im Gespräch mit der RHEINPFALZ mehrfach betont: Es gehe ihm keineswegs um Konfrontation. Im Gegenteil – er habe Verständnis für das Dilemma der Stadt. „Es schlagen zwei Seelen in meiner Brust. Ich verstehe die Nöte und muss auch sagen, dass ich dem Stadtrat großen Respekt und Dankbarkeit für seine Arbeit entgegenbringe. Aber ich würde mir mehr Fingerspitzengefühl und Rücksicht auf meine Gäste wünschen“, erklärt er.
Das gelte besonders für Besucher fortgeschrittenen Alters. Mittwochs und freitags bestimmen Rentnergruppen das Bild im Pfälzerwald. „An diesen Tagen bin ich auf die Rentner angewiesen. Sie machen 85 Prozent der Gäste aus und sind zwischen 70 und 85 Jahre alt“, erklärt Mugler. Viele Rentner hätten kein Handy, lehnten es ab oder hätten Schwierigkeiten mit der Bedienung. Der Ausflug zur Deidesheimer Hütte sei ein fester Bestandteil ihres sozialen Lebens. „Das ist ein geselliges Miteinander. Die Gastronomie hat ja auch einen sozialen Auftrag. Diese Komponente sollte man nicht aus den Augen verlieren.“
Unmut bei den Rentnern
Weniger verständnisvoll als der Wirt äußern sich seine Gäste. Der Mutterstadter Joachim Rößler findet deutliche Worte: „Die wollen uns hier nicht mehr haben. Das ist menschenverachtend. Wer von uns Senioren hat ein Smartphone und kann es auch bedienen? Wenn die Stadt schon Gebühren kassieren will, muss sie es auch ermöglichen, dass man bezahlen kann. Oder sollen wir Rentner künftig zu Hause bleiben, Fett und Rost ansetzen und den Krankenkassen zur Last fallen?“ Die Gebühren seien ein Witz, eine Frechheit, ergänzt er und lässt das Besteck auf den Tisch sinken, mit dem er gerade den Saumagen auf seinem Teller bearbeitet hat.
Am Tisch sitzt auch die 95-jährige Edith Schuh, die seit 30 Jahren regelmäßig die Hütte besucht. „Die ist noch fit wie ein Turnschuh“, attestieren ihr die Sitznachbarn. Doch bei der Bedienung einer App helfe das wenig. Beide sind mit dem Skiclub Ludwigshafen hier und Stammgäste. Parkgebühren gezahlt hat die Gruppe nicht – und wird es vermutlich auch nicht. „Dann fahren wir demnächst halt in die Südpfalz oder ins Elmsteiner Tal. Da kostet das Parken nichts“, sagt Elke Rößler.
Wenig Reaktion im Stadtrat
Die Menschen dürften nicht den Eindruck bekommen, sie seien nicht erwünscht, mahnt Mugler und warnt vor einem Image-Schaden für Deidesheim. Bis eine endgültige Lösung gefunden werde, schlägt er dem Stadtrat vor, die Schilder noch einmal mit Säcken abzuhängen. Seitens des Gremiums gab es wenig Reaktionen auf seinen emotionalen Vortrag. Stadtbürgermeister Dieter Dörr (CDU) versicherte, dass man seine Bedenken ernst nehme. Ratsmitglied Joachim Reis (CDU) kommentierte: „Wenn jemand am Parkplatz knausert, teilt er sich auch einen Schorle zu dritt oder viert. Wenn es mir nichts ausmacht, drei oder fünf Euro zu bezahlen, dann trinke ich auch einen eigenen Schorle – und Sie werden es in der Kasse merken, dass die Umsätze wahrscheinlich sogar steigen.“
Dass die Gebührenhöhe mit Blick auf Muglers Situation noch einmal angepasst werden, schloss CDU-Beigeordneter Bernd Anslinger am Mittwoch auf Nachfrage der RHEINPFALZ aus: „Das wäre ungerecht, wenn wir da eine Ausnahme machen“, sagt Anslinger und verweist darauf, dass es auch Stimmen gebe, die den Schritt positiv bewerten. Die Verkehrskommission wolle sich zeitnah erneut mit dem Thema beschäftigen.
Betreiber fürchtet um Verlust von Gästen
Harald Mugler bleibt optimistisch. Seit er die Hütte vor fünf Jahren übernommen hat, habe er schon viel durchgestanden. „Wir müssen die Ruhe bewahren und tatsächlich mal schauen, wie das angenommen wird“, sagt er sich selbst und seinen Gästen. Von der Stadt wünscht er sich eine Schonfrist, in der die Menschen Zeit hätten, sich mit dem neuen System anzufreunden und sich mit der App vertraut zu machen „ohne, dass bereits die ersten Knöllchen verteilt werden.“
Seine größte Sorge sei, dass Gäste nicht wiederkommen. „Schauen Sie wieder rein und vergessen Sie den Mann im Wald nicht“, ruft er einer Gruppe Wanderer hinterher, die sich auf den Weg zum Parkplatz macht.

