Neustadt
Motorsport: Nico Müller will DTM-Titel erneut nach Neustadt holen
Herr Müller, Sie haben Ihren DTM-Einstand 2014 im Team Rosberg gegeben. Nun kehren Sie zur Saison 2021 wieder zurück. Wie fühlt sich das an?
Sehr gut. Allerdings sind allzu viele bekannte Gesichter nicht mehr da. Trotzdem ist es aufregend für mich, wieder ein neues Kapitel anzufangen mit einem Team, das definitiv weiß, wie es geht und dies auch in den letzten Jahren bewiesen hat. Ich habe vollstes Vertrauen, dass wir das hinbekommen.
Reichen drei Testtage, um in die Saison zu starten?
Selbstverständlich wären mehr besser gewesen. Aber wir konnten von Anfang an Vollgas geben. Deswegen bin ich zufrieden, wie wir die Vorbereitung auf die Saison anrollen lassen konnten. Klar gibt es immer noch viel zu tun. Es gibt für alle viel Neues.
Zum Beispiel die Rennwagen auf GT3-Basis ...
Wirklich viel GT3-Erfahrung haben die Jungs bei Rosberg jetzt auch nicht. Insofern gibt es schon das eine oder andere zu lernen. Ich kenne das Auto zwar aus anderen Rennen ein bisschen, aber in der Konstellation mit den Michelin-Reifen und der anderen BoP (Balance of Performance, die Redaktion) ist es doch noch einmal etwas anderes. Jetzt gilt es, sich möglichst schnell auf die neuen Gegebenheiten einzuschießen.
Sie haben vom dreimaligen DTM-Meister René Rast dessen Renningenieur Florian Rinkes übernommen. Beruhigt dies, einen so erfahrenen und erfolgreichen Mann am Kommandostand zu haben?
Florian ist ein sehr schlaues Kerlchen, geht die Aufgabe akribisch an. Ich bin mir sicher, dass er auch das neue Spielzeug schnell verstehen wird. Und ich bin überzeugt, dass wir den einen oder anderen Schritt noch machen können, damit wir noch etwas aus dem Audi R8 rauskitzeln werden.
Wie ist der Unterschied für Sie als Fahrer zwischen den seitherigen Class-one-Rennwagen und dem GT3-Sportwagen?
Du hast jetzt im GT3-Auto Fahrhilfen wie ABS und Traktionskontrolle, die du vorher im Class-one-Auto nicht hattest. Die musst du verstehen, damit du ihre Vorteile zu nutzen lernst. Und dann mit denen spielen kannst. Du darfst dich aber auch nicht ganz darauf verlassen, sondern musst einen guten Kompromiss finden. Ein GT-Auto ist generell weicher. Es hat kein Karbon-Monocoque, ist kein steifes Auto mit viel Abtrieb.
Mit welchen Konsequenzen?
Das GT-Auto bewegt sich mehr, du musst mehr arbeiten. Du fährst nicht ganz so sauber wie im alten DTM-Auto. Darauf gilt es sich jetzt einzuschießen. Ein Augenmerk bei den Tests lag auf dem Bremsen. Du musst lernen, mit dem ABS umzugehen.
Die Fahrhilfen erleichtern das Fahren. Oder liegt darin ein besonderer Kniff?
Haargenau kann ich das noch nicht sagen. Grundsätzlich kannst du seltener große Fehler machen. Du wirst eine Kurve nicht mehr komplett verpassen, weil ein Rad stehenbleibt, sondern du hast höchstens zu viel ABS-Aktivität. Andererseits musst du schon lernen, inwieweit du dich aufs System verlassen kannst. Es gibt immer noch etwas zu lernen. Aber ich glaube, dass wir die Basis verstanden haben. Jetzt müssen wir daran gehen und Feintuning machen.
Nutzen Sie grundsätzlich ABS oder versuchen Sie kurz vor dem Regelbetrieb zu bleiben?
Das kommt sehr auf die Bedingungen, auf die Streckencharakteristik und das Setup an. Da musst du ein wenig flexibel bleiben. Möglicherweise ist es besser, immer noch zu 100 Prozent die Kontrolle zu behalten anstatt dass du dich voll im ABS-Modus befindest.
In den vergangenen Jahren waren immer mehrere Fahrer eines Herstellers auf der Piste, die sich möglichst nicht berühren sollten. Jetzt sind Sie für ein Team unterwegs. Was bedeutet das auf der Rennstrecke?
Grundsätzlich fährt jeder für sich. Du hast jetzt nicht mehr unbedingt das Interesse, für deinen Hersteller das Beste zu tun, sondern du willst für dich das Maximum rausholen. Das war schon in der vergangenen Saison verstärkt so, aber jetzt wird dies noch ausgeprägter sein. Es wird definitiv vom Anfang bis zum Ende gekämpft werden. Du kämpfst für dich und dein Team, das den Einsatz stemmt.
Trotzdem sind Sie nach wie vor Audi-Werksfahrer wie auch Mike Rockenfeller, der für Ihr seitheriges Team Abt-Sportsline fährt. Wie verhalten Sie sich in einem Zweikampf ihm gegenüber?
Ich vertrete das Interesse meines Teams, das ist das Team Rosberg. Die wollen definitiv vor allen anderen stehen. Egal, ob das ein anderes Audi-Team oder eines von Mercedes oder BMW ist. Deswegen sehe ich keinen Grund, warum ich mich gegenüber einem Audi-Fahrer anders verhalten sollte als gegenüber einem von Mercedes oder BMW.
Das bedeutet, dass künftig in der DTM noch mehr mit den Ellenbogen gekämpft wird?
Bereits im vergangenen Jahr war es in diese Richtung gegangen. Dies wird sicher noch einmal ein bisschen mehr werden. Aber ich glaube nicht, dass sich extrem viel ändern wird. Es war schon immer so, dass jeder für sich das Maximum herausholen wollte. Du wolltest schon immer gewinnen, und dafür gibst du auch alles.
Das Fahrerfeld ist neu sortiert. Zu den alteingesessenen DTM-Piloten wie Ihnen, Mike Rockenfeller, Marco Wittmann oder Gary Paffett sind GT3-Spezialisten wie Kelvin van der Linde oder Maximilian Götz dazugekommen. Wen fürchten Sie mehr?
Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Aber ich denke schon, dass nach der Neustrukturierung der DTM sicherlich Jungs wie Kelvin oder Maxi eine Favoritenrolle einnehmen, denn sie kennen das Fahrzeug besser als die sogenannten DTM-Routiniers. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass sie meine Hauptkonkurrenten sein werden.
Ihr Teamkollege Dev Gore ist jung und hat wenig Erfahrung. Inwieweit können Sie ihm helfen?
Es gibt viele Kleinigkeiten, bei denen man ihm ein wenig auf die Sprünge helfen kann. Er ist frisch in Deutschland, kennt die Strecken, auf denen wir unterwegs sind, noch gar nicht. Was die Streckenkenntnisse, die Abstimmungsarbeit oder den Fahrstil betrifft, kann man ihm sicher das eine der andere mitgeben. Aber ich sage klipp und klar: Ich bin nicht sein Fahrercoach. Ich habe meine eigenen Ziele. Wenn es aber die Möglichkeit gibt, beiläufig zu helfen und das ganze Team davon profitieren zu lassen, werde ich das machen, keine Frage.
Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Für mich und das Team kann es nur ein Ziel geben: den Titel nach Neustadt holen. Dafür haben wir dieses Projekt gemeinsam in Angriff genommen. Und für dieses Ziel arbeiten wir, dafür werden wir alles geben.
Interview: Klaus-Eckhard Jost