Hassloch
Lehrstück auf der HAG-Bühne
Das Schauspielerehepaar Daniela Luise und Peter Miklusz war mit seiner Produktion „Ich war Hitlers Köchin und ich nur sein Zahnarzt“ nach Haßloch gekommen. Die Veranstaltung richtete sich an die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9, 10 und 11 – in der 9. und 10. Klasse wird der Nationalsozialismus in der Regel als Pflichtthema behandelt.
Mit ihrer übersichtlichen Dauer von 45 Minuten, atmete die Darbietung buchstäblich Luft von den großen Bühnen. Peter Miklusz hat unter anderem im Berliner Ensemble, Daniela Luise Miklusz am Berner Schauspiel gewirkt. Seit der Eröffnung ihres eigenen Kulturcafés „Mon Général“ in Neustadt (das inzwischen aber wieder geschlossen ist, da das Paar ganz nach Berlin gezogen ist, aber mit Kulturprojekten in der Pfalz präsent bleibt) treten sie auch in der Vorderpfalz immer wieder mit eigenen Vorstellungen an die Öffentlichkeit.
„Ich war Hitlers Köchin und ich nur sein Zahnarzt“ ist ein Lehrstück im Format eines fiktiven Gesprächs. Im Mittelpunkt steht nicht das Faszinosum „Führer“, sondern die Entnazifizierung des „kleinen Mannes“.
Geschult am epischen Theater, schaffen minimalistische Requisite und sporadische Begleitmusik – Parademärsche und Walzer – ein Klima der Ironie, etwa wie in dem Volkslied „O du lieber Augustin“. Da sitzen die beiden. Nürnberg ist „im Eimer“, die Schuldfrage geklärt – oder nicht? Während Dentist Dr. Blaschke den Kopf verbal aus der Schlinge zieht, kommt die „simpler gestrickte“ Brünhilde in ihrem anheimelnden Dialekt bis zum Schluss nicht umhin, von ihrem Arbeitgeber als „dem Scheff“ zu reden.
Keine Schockeffekte nötig
Das Szenario braucht weder bissige Pointen, noch Schockeffekte. Seinen Magnetismus entfaltet es durch seine hervorragenden Darsteller, die ihre Rollen nicht nur mit Fleisch und Blut, sondern auch in nahtlosem, absorbierendem Timing verkörpern. Dabei präsentieren sie keinen Kreuzzug „für das Gute, gegen das Böse“, sondern eine konsequente Depolarisierung, die, im Sinne des Brechtschen: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehen betroffen…“ mit mehr Fragen als Antworten schließt. Die Figuren hat das Duo aus authentischen Biografien zusammengestellt, als Köchin und Zahnarzt hintersinnig im großen Getriebe verankert. Dazu gehören etwa Hitlers Vorkosterin Constanze Manziarly und Hugo Blaschke (ab 1943 „Oberster Zahnarzt beim Reichsarzt SS“).
Die Dialoge verwickeln sich durch die Fakten selbst, von Hitlers Vegetarismus bis zu Anekdoten vom „Anschluss“. Der gute Geist von Edgar Reitz schwebt gleichsam über der nuancierten, der Realität abgelauschten Sprache. Während Daniela Miklusz das Mysterium ihrer Persona bis zum bitteren Tod aufrecht erhält, lässt Peter Miklusz in die Abgründe des Gesichtslosen, des Mitläufers blicken: Denn Blaschkes Berliner Akzent (der damals der Mode entsprach) scheint genauso maskenhaft wie sein langer Mantel und sein Haarschnitt im „Fritz-Stil“. Während der Opportunist überlebt, sich als „Identität“ eine neue Haut überstreift, fällt es der Landfrau allein zu, per Zyankali das Zeitliche zu segnen.
Projekt hält, was es verspricht
Den Verantwortlichen muss klar sein, dass sie die Stimmung in der Republik im Zeitalter von Gaza, Black Rock und systematischer Aufrüstung mittels einfacher Fallbeispiele nicht erklären können. So dient die Vergangenheit gerade durch die im Vorfeld geführten, präzisen Recherchen als effektive Projektionsfläche, um Dialog anzuregen. Als willkommener Beitrag zur Zivilgesellschaft hält das Projekt rundum, was es verspricht. Wie vergleichbare Studien in „Gehorsam“ (etwa die Experimente von Milgram und Zimbardo) eignet sich der Stoff zur gezielten Eingliederung in den hier gewählten, pädagogischen Rahmen. Gemeinsam mit Manfred Nickel (unter anderem Geschäftsführer der „Friedensinitiative e. V. Neustadt an der Weinstraße“) stellte sich das Ehepaar Miklusz nach dem Applaus den Fragen der Schulklassen. Wahrscheinlich hätten sie sich noch mehr Austausch gewünscht, als de facto zustande kam – immerhin, der Anfang ist geglückt. Ihren Beitrag leistete auch die von Gisela Stamer seit 2009 betreute „Demokrage-AG“, durch die sich (so die Geschichtslehrerin) Schülerinnen und Schüler „aus eigenem Impuls füreinander einsetzen“.
Finanziell unterstützt wird die Initiative durch den Freundeskreis des HAG sowie (als Teilfinanzierung) durch das Bildungsministerium Rheinland-Pfalz.
TERMINE
Die Wanderausstellung „Einige waren Nachbarn“ kann noch bis 27. April 2026 in der Aula des Hannah-Arendt-Gymnasiums Haßloch während der Öffnungszeiten der Schule besucht werden. Der Eintritt ist frei.