Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Landwirtschaft und Umweltschutz: Ist beides möglich?

Die Region um Neustadt (hier der Blick von Geinsheim auf die Stadt) ist vom Weinbau geprägt – und diese Nutzung fördert die Biod
Die Region um Neustadt (hier der Blick von Geinsheim auf die Stadt) ist vom Weinbau geprägt – und diese Nutzung fördert die Biodiversität, sagt die Dezernentin.

Neustadts Umweltdezernentin Waltraud Blarr (Grüne) kämpft für die Artenvielfalt. Sie erklärt im Gespräch mit Axel Nickel, warum sie die Winzer und Landwirte dabei als Partner und nicht als Gegner sieht – und ihnen sogar einen Preis geben möchte.

Frau Blarr, Sie sind in Neustadt für Naturschutz und Landwirtschaft zuständig. Viele sehen darin einen Widerspruch, Sie auch?
Nein, es ist nur ein scheinbarer Widerspruch. Kulturlandschaften, die ja erst durch Nutzung und Bewirtschaftung entstanden sind, weisen per se eine höhere Artenvielfalt auf. Die Landwirtschaft trägt damit aber auch eine besondere Verantwortung für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Der zunehmende Verlust landwirtschaftlicher Fläche für Siedlungsgebiete und Verkehr und das Preisdumping bei Lebensmitteln hat in den letzten Jahrzehnten den ökonomischen Druck auf die Landwirtschaft stetig verstärkt und zur Intensivierung und Spezialisierung geführt, was mit einem Verlust der Artenvielfalt einher gegangen ist. Es gehört daher zur Ehrlichkeit dazu, dass wir auch bereit sein müssen, mehr Geld für gesunde Lebensmittel auszugeben, um die Einkommenssituation der Landwirte zu verbessern.

Und warum „braucht“ ein Landwirt den Naturschutz?
Auch die Landwirtschaft braucht biologische Vielfalt. Sie ist die Basis für fruchtbare Böden, hat positive Effekte auf den Wasserhaushalt und das Klima. Zudem fördert sie Insekten und andere Nützlinge. Dadurch kann der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln reduziert werden. Das Insektensterben ist ein Risiko für die Landwirtschaft, denn die meisten unserer Kulturpflanzen sind auf Bestäubung angewiesen, die ohne Insekten nicht stattfinden kann.

Und inwiefern profitiert vielleicht sogar der Naturschutz von einer klugen Landwirtschaft?
Kleinräumige Kulturlandschaften, wie beispielsweise unsere Weinbauflächen am Haardtrand, gehören zu den artenreichsten Lebensräumen. Wir müssen daher alles dafür tun, sie zu erhalten. Eine Nutzungsaufgabe würde erst zur Verbuschung, dann zur Bewaldung führen, was mit einem geringeren Artenreichtum verbunden wäre.

In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich ja auch die EU-Planung, Pflanzenschutz stark einzuschränken. Winzer warnen vor den Folgen und einem „Verwahrlosen“ vieler Flächen entlang der Haardt
Genau, gerade in der einer weinbaulich geprägten Kulturlandschaft mit vielen Schutzgebieten ist die Bewirtschaftung Garant für eine höhere Biodiversität. Daher müssen wir sie weiter ermöglichen. Zum Entwurf der EU-Pflanzenschutzverordnung wurden im Rahmen des parlamentarischen Verfahrens mittlerweile Änderungsvorschläge der verantwortlichen EU-Abgeordneten, Sarah Wiener, vorgelegt. Demnach sollen in Schutzgebieten die gleichen Mittel erlaubt werden, die auch im ökologischen Landbau zugelassen sind. Außerdem ist vorgeschlagen, Landschaftsschutzgebiete, bei denen nicht der Naturschutz im Vordergrund steht, sowie „rote“ (nitratbelastete) Gebiete nicht als „sensible Gebiete“ zu klassifizieren.

Kürzlich haben Sie ja in einem Ausschuss über ein niederländisches Modell gesprochen. Was können wir mit unserer hügeligen Landschaft mit Wald und Weinbau denn von den Niederlanden lernen?
(Lacht) Das hat mit der Topographie wenig zu tun. Es geht um die Herangehensweise bei der Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Flächen. In den Niederlanden können Landwirte seit 2016 Agrarumweltmaßnahmen (AUKM) nur noch über so genannte Collective umsetzen. In diesen arbeiten Naturschutz und Landwirtschaft Hand in Hand. Die AUKMs konzentrieren sich seitdem auf die nationalen Biodiversitätsziele. Es werden ausgewählte Zielarten bestimmt, welche in landwirtschaftlich beeinflussten Lebensräumen gefördert werden sollen. Die Collectiven übernehmen Beantragungsaufgaben und die EU-konforme Dokumentation. Die Zufriedenheit der beteiligten Landwirte hat dadurch ebenso zugenommen wie die Artenvielfalt. In Rheinland-Pfalz gibt es bereits entsprechende Pilotprojekte im Donnerbergkreis und im Kreis Ahrweiler. Eberhard Hartelt, der Präsident des Bauern- und Winzerverbandes, hat das Pilotprojekt im Donnersbergkreis maßgeblich mitinitiiert.

Also geht es übergeordnet immer darum, Arten zu schützen und sehr sorgsam mit Natur und Umwelt umzugehen?
Ja, genau darum geht es. Aber umweltschonend zu produzieren, hat seinen Preis. Das sollten wir als Verbraucherinnen und Verbraucher auch honorieren, denn der Schutz der Biodiversität kommt uns allen zugute.

Den Umweltpreis 2023 widmen Sie auch ja auch dem Thema Naturschutz/Landwirtschaft: Warum sprechen Sie bewusst Profis an?
Wir haben in Neustadt noch eine recht intakte Umwelt und eine hohe Artenvielfalt. Mit dem diesjährigen Umweltpreis möchten wir einen Anreiz dafür bieten, dass das auch so bleibt, und Landwirte, die mit der Natur produzieren, auszeichnen. Gleichzeitig wollen wir auch die Landwirtschaft in den Fokus rücken, die als Wirtschaftsform immer ein Schattendasein fristet. Wir reden viel über Gewerbe und Industrie und vergessen dabei häufig diejenigen, die für „unser täglich Brot“ sorgen.

Sind Biobetriebe dann nicht automatisch im Vorteil?
Nein, denn es gibt eine Vielzahl von Betrieben, die den Verwaltungs- und finanziellen Aufwand scheuen, der mit einer Biozertifizierung verbunden ist und trotzdem umweltschonend produzieren. Diese werden bei unserem Wettbewerb daher die gleichen Chancen haben wie Biobetriebe.

Aus der Praxis – wie ist Ihr Umgang mit Winzern und Landwirten?
Ich hatte schon immer eine große Affinität zur Landwirtschaft, weil ich als Kind meine Ferien oft bei Verwandten auf einem Bauernhof im Elsass verbracht und dort bei allen anfallenden Arbeiten mitgeholfen habe. Eine Zeit lang wollte ich selbst mal Landwirtschaft studieren, bin aber schließlich bei der Landespflege hängen geblieben. Politisch kämpfe ich gegen den andauernden Flächenverbrauch, der der Landwirtschaft ihre Existenzgrundlage nimmt. Außerdem müssen die Lebensmittelpreise für die Landwirte auskömmlich sein, sonst werden wir irgendwann niemanden mehr haben, der für uns auf dem Acker schuftet.

Was wäre Ihre Wunsch an die Preisverleihung Ende des Jahres?
Ich hoffe, dass wir mit vielen guten Beispielen zeigen können, dass Landwirtschaft im Einklang mit Naturschutz funktioniert und nur in gemeinsamer Verantwortung der Verlust der Artenvielfalt aufgehalten werden kann. Und natürlich freuen wir uns auch, wenn die Preisverleihung dazu beiträgt, dass die Neustadter Bürger das honorieren und die regionalen Vermarkter mit ihrem Einkauf unterstützen.

Info

Bewerbungen sind bis 15. August möglich. Das Formular ist unter www.neustadt.eu/umweltpreis zu finden. Weitere Informationen gibt es bei Petra Konrad von der Umweltabteilung: 06321 8551-172 oder per E-Mail an: petra.konrad@neustadt.eu.

Waltraud Blarr
Waltraud Blarr
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