Neustadt
Kuseler Spendensegen für Pfalzbahnmuseum
Es rattert und klappert am ältesten noch in Betrieb stehenden Lokschuppen Europas an diesem Dienstagvormittag. Der Lastenaufzug fährt auf und nieder und bringt Fuhre für Fuhre Kisten zum Pfalzbahnmuseum. Pressesprecher Hark-Oluf Asbahr und der stellvertretende Vorsitzende des Museums Reinhard Winkler nehmen sie aus dem Förderkorb und nehmen sogleich den Inhalt in Augenschein. „Wahnsinn. So etwas habe ich noch nie in der Hand gehabt“, sagt Winkler. „Sagenhaft“, fügt Asbahr hinzu. Der Grund für die Freude sind Zinnmodelle von Lokomotiven. Die sind etwas ganz Besonderes, denn die fein gearbeiteten Metallgefährte sind Einzelstücke. Gebaut in mühsamer Handarbeit vom Lohnweilerer (Kreis Kusel) Karl-Heinz Lorenz. Die Stücke, die einen großen Teil in der neuen Ausstellung des Pfalzbahnmuseums einnehmen sollen, haben eine lange Reise hinter sich.
Aufwendige Einzelstücke aus dem Kreis Kusel
Denn bis zur Übergabe standen sie noch auf der Burg Lichtenberg in Thallichtenberg (Kreis Kusel). Lorenz’ Tochter Karin Forster hatte die Zinnmodelle – die nicht nur Züge, sondern noch weitere Fahrzeuge und historische Dioramen umfassen – nach dem Tod ihres Vaters 2011 dem Museum übergeben. Doch da hätten sie nicht wirklich reingepasst, erklärt Andreas Rauch von der Kreisverwaltung Kusel, der auch für das Museum auf der Burg zuständig ist. Zumal es über 100 Modelle seien, die Lorenz seinerzeit angefertigt hat. „Da muss man den Hut vor ziehen“, sagt Winkler. „Das muss je Modell sicher Wochen gebraucht haben.“
Denn von Recherche, Entwurf, dem Anfertigen von Gussformen, dem eigentlichen Zinngießen bis hin zum Feilen, Löten und Kleben stammte jeder Arbeitsschritt aus Lorenz’ eigener Hand. Unter den Modellen gibt es Galnzstücke, wie beispielsweise ein fast ein Meter langes Modell der „Adler“ – komplett mit Lok, Waggons, Schienen, Passagieren und Dekorationen. Das Exponat stellt die historische erste Zugfahrt in Deutschland 1835 zwischen Nürnberg und Fürth dar. Sogar der Zylinderhut des englischen Lokomotivführers findet sich geschichtsgetreu auf dem Kopf der von Lorenz gegossenen Figur. Stangenware ist das nicht, materiell lasse sich der Wert jedenfalls nicht beziffern, so Rauch.
Glückliche Fügung für Pfalzbahnmuseum
Dass die Metallmodelle jetzt in Neustadt sind, sei mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken, sagt Rauch weiter. „Ende Mai war ich mit Klaus Simon hier zu Besuch – er wird auch der Eisenbahnbaron genannt“, erklärt Rauch und zeigt dabei auf seinem Handy ein Foto eben jenes Mannes mit Zylinderhut und langem, gezwirbeltem Schnauzbart. „Ich hatte schon vorher nach Museen, welche die Sammlung interessieren könnte, gesucht, aber Neustadt war mir irgendwie nicht eingefallen.“ Denn auch die Technikmuseen in Mannheim oder Speyer, oder das Spielzeugmuseum in Erdesbach hatten sich am Ende nicht als geeignet herausgestellt. Rauch sucht also Kontakt zu den Neustadter Verantwortlichen – und die sind gleich hellauf begeistert von dem Angebot. „Wir haben das direkt in der nächsten Vereinssitzung besprochen und beschlossen. Das ist erst vier Wochen her und jetzt sind die Modelle schon da“, sagt Winkler.
Mit Hilfe der vielen neuen Exponate soll dann auch eine neue Ausstellung ihren Anfang nehmen – der Arbeitstitel laute „Kinderträume“, so Winkler. Der Plan: Die Ausstellungsstücke zur Geschichte der Pfalzbahn wandern vom Obergeschoss ein Stockwerk tiefer; An den neu geschaffenen freien Stellen sollen dann Zugmodelle verschiedenster Arten ihren Platz finden. Darunter sollen sogenannte Tinplate-Modelle aus den Zwanzigern und eben die Zinnloks von Lorenz sein, aber auch Klassiker von Märklin und Spielgeräte von Lego und Playmobil. „Eben alles das, was Kinderaugen zum Leuchten bringt.“, fasst Winkler zusammen. Dabei soll auch der Museumsladen einer Kinderspielanlage weichen. Am liebsten, so Winkler, wäre man damit schon zum Kinderspieltag am 3. Oktober fertig. Aber: „Realistischer ist der nächste Februar. Das braucht eine Menge Zeit und Arbeit“, erklärt Winkler.
Einem Wunsch von Modellbauer Lorenz, der sogar in seinem Testament festgehalten wurde, wird damit in jedem Fall nachgekommen. Denn der Lohnweilerer habe sich gewünscht, dass die Modelle als Sammlung zusammen bleiben. Jetzt wird das Werk des ehemaligen Bahnbeamten nicht mehr nur das Privileg weniger Privatpersonen sein, sondern die Augen von Bahnfans aus aller Welt, die sich nach Neustadt begeben, erfreuen. Und zwischen Draisinen und dem Kuckucksbähnel passt ein Werk solcher Leidenschaft womöglich besser als auf die Burg Lichtenberg in der Westpfalz.