Neustadt
Konkretes gegen die Klimakrise: Das können Bürger tun
„Wir sind einer der Hauptverursacher des Klimawandels“, sagt Christian Kotremba, stellvertretender Leiter des Amts für Klimaschutz und Klimaanpassung in Darmstadt. Der CO2-Fußabdruck lag 2021 deutschlandweit bei rund zehn Tonnen je Einwohner, – ärmere Länder setzten dagegen deutlich weniger, meist sogar unter einer Tonne pro Kopf frei. Der Ausstoß von Treibhausgasen sollte in Deutschland zum Erreichen der Klimaschutzziele aber auf maximal drei Tonnen pro Kopf reduziert werden, mahnt der Klimaexperte. Doch wie? „Häufig ist Bürgern gar nicht bewusst, welche Möglichkeiten es mittlerweile gibt, um zum Beispiel das eigene Haus energieeffizient und klimaresilient zu gestalten.“
So geht Klimaschutz
Natürlich sei es wichtig, Technologien zu entwickeln, die weniger Emissionen ausstoßen, und die Energieeffizienz insgesamt zu steigern. „Wir brauchen aber auch ein verändertes Konsumverhalten“, macht Kotremba klar. Wer das Klima schonen wolle, könne im Bereich der Ernährung verstärkt auf saisonale und regionale Produkte umsteigen, auf Kuhmilch-Alternativen setzen und den Konsum tierischer Produkte, vor allem von Fleisch, zumindest reduzieren.
Außerdem könne man bei Kaufentscheidungen Produkte mit langen Lieferketten meiden oder sogar ganz darauf verzichten, wenn man beispielsweise Leitungswasser zu Hause selbst aufsprudelt. Auch der Verkehrssektor müsse sich für die Verkehrswende radikal verändern, weg vom Individualverkehr hin zu klimaverträglicherer Mobilität, wie Carsharing-Konzepte, (E-)Auto und Fahrrad sowie ÖPNV. „Es geht um ein höheres Bewusstsein im täglichen Handeln“, fasst Kotremba zusammen und nennt weitere Vorteile: „Eine bewusstere Ernährung und mehr Bewegung haben zusätzlich positive Effekte auf die Gesundheit.“
Update fürs Haus
Hauseigentümer können Kotremba zufolge noch an anderen Stellen ansetzen: Bei älteren Gebäuden könne es sinnvoll sein, eine Wärmedämmung einzubauen und so das Haus energetisch zu sanieren. Auch der Einbau einer Wärmepumpe, die die Umweltwärme auf das Heizsystem überträgt, könne sinnvoll sein. Über eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach könnten Bürger günstig grünen Strom selbst produzieren. „Das entlastet langfristig auch den Geldbeutel.“
Die kleinere Variante, die sich auch für Mieter in Absprache mit dem Vermieter eignet, sind sogenannte Balkonkraftwerke, die laut dem Klimamanager derzeit einen Boom erleben. Die kleinen Photovoltaik-Module kosten pro Stück zwischen 400 und 800 Euro und können einfach an den Balkon gehängt werden. „Vielerorts werden kommunale Förderprogramme aufgelegt, die die Anschaffung unterstützen.“
So geht Klimaanpassung
Gut kombinieren lassen sich Photovoltaik und Dachbegrünung. „Zusammen ist die Energieleistung der PV-Anlage aufgrund der kühleren Dachumgebung größer, und die Begrünung auf dem Dach wird teils beschattet, sodass sie weniger schnell unter Trockenstress gerät“, erläutert Kotremba. Neben dem Hauptdach könnten aber auch Carport, Garage, Mülleinhausung oder Fassade begrünt werden. „Begrünte Dächer tragen zur Kühlung bei und halten Regenwasser bis zu 90 Prozent zurück.“
Die Begrünung gibt es in zwei Varianten: Bei acht bis 20 Zentimeter Substratauflage spricht man von extensiver Begrünung, die häufiger mit trockenstressresistenten Moosen, Kräutern und Sedumpflanzen bepflanzt wird. „Ich empfehle aber mindestens 15 Zentimeter Substratauflage, da sonst die Gefahr besteht, dass die Pflanzen in den Hitzesommern vertrocknen“, rät Kotremba. Bei der intensiven Begrünung werden meist 0,80 bis 1,50 Meter Substrat verwendet, sodass Sträucher, Stauden und kleinere Bäume gepflanzt werden können und „ohne großen Pflegeaufwand ein eigenes kleines Biotop“ entsteht.
Zwar müsse gerade bei größeren Projekten die Statik beachtet werden. Extensive Begrünung können Bürger laut dem Klimamanager in der Regel sogar selbst umsetzen, alles Nötige dafür gibt es im Baumarkt und Gartencenter. Die Kosten schwanken je nach verwendeten Materialien, los gehe es bei extensiver Begrünung bei 25 bis 50 Euro pro Quadratmeter, die intensive Variante ist entsprechend teurer. Mehr Infos listet der Bundesverband Gebäudegrün unter www.gebaeudegruen.info.
„Rasen größter Klimaverlierer“
Gerade im Siedlungsbereich heizen sich Beton- und Schotterflächen im Sommer besonders stark auf. In Schottergärten, die mit vermeintlich wenig Pflegeaufwand locken, steige die Temperatur im Sommer häufig auf mehr als 60 Grad, warnt Kotremba. Ökologisch sinnvoller und deutlich kühler seien da Naturgärten, in denen Bäume, Sträucher und Staudenbeete stehen, die gut mit Hitze zurechtkommen und Schatten spenden. Auch einen Naturteich oder Wasserlauf anzulegen, sei eine gute Sache, da sie kühlend auf ihr Wohnumfeld wirken.
„Rasen, der sehr viel Wasser benötigt, ist der größte Klimaverlierer“, sagt Kotremba. Gartenbesitzer sollten daher umdenken und ihren Rasen entweder zurückbauen, ihn extensivieren – also nicht mähen, düngen oder wässern – oder durch Bäume beschatten, um die Verdunstung zu begrenzen. Aus dem gleichen Grund ist es entscheidend fürs Kleinklima, dass Flächen rund ums Haus wie etwa die Hofeinfahrt entsiegelt werden. Durch versickerungsfähige Bodenbeläge wie Rasengittersteine kann das Wasser über die Fugen versickern und verdunsten. „Wenn weniger Regenwasser in der Kanalisation landet, können Bürger Abwassergebühren einsparen“, hebt Kotremba einen Spartipp hervor.
Daneben gibt es einige Möglichkeiten, Regenwasser zurückzuhalten, etwa durch den Einbau einer Zisterne oder indem man die Fallrohre der Regenrinne an eine Regentonne anschließt. „Man kann das Wasser auch über einen Regensammler direkt in den Garten leiten, um unterirdisch Wasserdepots aufzubauen. Wenn ich das im Winter mache, gehe ich im Sommer mit einer höheren Bodenfeuchte in die Trockenphasen.“ Wer keinen Garten zum Bewässern hat, kann ein eigenes Brauchwassersystem einrichten. Dabei wird weniger stark belastetes Wasser, etwa aus dem Handwaschbecken, wieder in den Kreislauf geführt und kann dann zum Beispiel für die Toilettenspülung wiederverwendet werden.
Anpassung nicht alles
Kotremba betont, dass es trotz der zahlreichen Möglichkeiten falsch sei, ausschließlich in die Anpassung zu investieren. „Wenn wir Klimaschutz jetzt nicht extrem forcieren, wird die Anpassung immer schwieriger werden. Die Kommunen sind gefragt, die Bürger für mehr Klimaschutz zu begeistern, denn nur gemeinsam kann er erfolgreich sein. Aber auch die Anpassung ist wichtig, denn diese Bemühungen zeigen direkt positive Effekte vor der Haustür.“ Nur wenn die Menschen gut informiert seien, könnten sie zum Handeln motiviert werden.
Warum sich Neustadt schneller erhitzt als Städte in anderen Regionen lesen Sie hier. Was die Kommune tun kann, um Klimaschutz und -anpassung in Neustadt voranzutreiben, erfahren Sie im nächsten Teil der Serie.