Neustadt
Klimawandel: Neustadt erhitzt sich schneller
„Der Klimawandel ist längst in Neustadt angekommen“, sagt Christian Kotremba. Das weiß der stellvertretende Leiter des Amts für Klimaschutz und Klimaanpassung in Darmstadt durch die Analyse von meteorologischen Daten, die unter anderem Wetterstationen nahe des Weinbaucampus Mußbach und in Lachen-Speyerdorf festhalten. Der markanteste Faktor: die Lufttemperatur. Sie wird mancherorts seit 1881 aufgezeichnet, als die moderne Industrie noch in ihren Kinderschuhen steckte. Die Zeitreihen zeigen, dass sich im Bereich der Oberrheinischen Tiefebene, zu der auch Vorder- und Südpfalz gehören, die Temperatur im Mittel um 1,7 Grad Celsius erhöht hat. „Die Lufttemperatur in der Vorderpfalz mit Neustadt erwärmt sich also mehr als die globale und deutschlandweite“, erklärt Kotremba.
1,7 Grad hört sich vielleicht im ersten Moment nach nicht viel an – aber eine solche Erwärmung gab es laut dem Wissenschaftler in so kurzer Zeit bisher nicht. „Das lässt sich klar auf den Menschen zurückführen, der den Klimawandel durch die zunehmende Freisetzung von Treibhausgasen wie CO2 oder Methan vorantreibt.“ Mit der höheren Mitteltemperatur kommen häufigere und extremere Wetterausschläge. Diese lassen sich über sogenannte Kenntage darstellen, an denen bestimmte Temperaturwerte unter- oder überschritten werden. Ein Tag mit über 30 Grad gilt zum Beispiel als Hitzetag. „Früher hatten wir davon vielleicht zehn, heute sind es schon 15 bis 30 Hitzetage pro Jahr.“ Dabei werden immer wieder neue Hitzerekorde über 40 Grad geknackt, und die Hitzewellen halten länger an.
Rekordjahr 2022
2022 sei das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen, erläutert Kotremba. In Neustadt habe die Erwärmung bei mehr als drei Grad gelegen. „Hochdruckgebiete verweilen durch den Klimawandel länger über Mitteleuropa und sorgen für deutlich mehr Sonnenscheinstunden mit intensiver Einstrahlung.“ Weil mehr Wasser verdunstet, entstehen ausgeprägte Trockenperioden, wie man auf dem Dürremonitor des Helmholtz-Instituts sehen kann.
„Im hydrologischen Sommer von Mai bis Oktober fallen im Mittel 15 Prozent weniger Niederschläge als früher“, sagt Kotremba. In Dürresommern, die sich seit 2011 auffällig häufen, seien es sogar 40 bis 50 Prozent. Gleichzeitig nehme der Grundwasserspiegel im Raum Neustadt ab. „Wir sehen zunehmend außergewöhnliche Dürren, die normalerweise nur alle zwei von 100 Jahren auftreten, und kaum noch entlastende Jahre mit viel Regen, sodass sich der Boden-Feuchte-Gehalt nicht mehr ausgleichen kann. Eine sehr beunruhigende Entwicklung.“
Folgen für den Weinbau
Die Folgen sind an vielen Stellen zu beobachten: Durch Hitze und Dürre heizen sich Gebäude und stark versiegelte Innenstadtflächen schneller auf, Bäume werfen ihr Laub ab und sterben, Grünflächen trocknen aus. Und auch im Weinbau bekommen die Trauben schneller Sonnenbrand. „Winzer denken schon darüber nach, welche Weinsorten künftig noch geeignet sind“, sagt Kotremba. Der Klimawandel zeige sich zudem durch eine veränderte Rebphänologie mit frühem Austrieb, Blüh- und Reifebeginn sowie früherer Lese. „Paradox zur Klimaerwärmung kann das Spätfrostrisiko in Zukunft steigen, da aufgrund des frühen Austriebs die Gefahr von Kältelufteinbrüchen im Frühjahr erhöht wird.“
Insbesondere im Sommer nehme zudem die Starkregengefahr zu, weil „die Luft mit jedem Grad um sieben Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen kann.“ Solche Ereignisse kämen auf immer größeren Flächen vor. „Lokal fallen dann in zwei Stunden 100 Liter pro Quadratmeter, und der ausgetrocknete Boden kann das Wasser nicht so schnell aufnehmen.“
Januar 3,7 Grad zu warm
Im Winter werden Frosttage unter 0 Grad in der Vorderpfalz seltener, es regnet generell mehr, und die Schnellfallgrenze rutscht immer höher. „Nord- und Ostwetterlagen mit sibirischer Kälte treten seltener auf, dafür bekommen wir mildere Winter mit häufigen Westwetterlagen, die feuchte Atlantikluft zu uns bringen.“ Deren Lufttemperatur liege rund fünf bis zehn Grad über dem langjährigen Mittel. In Zahlen bedeutet das: Der Januar war in Neustadt um 3,7 Grad zu warm, der Februar nach bisherigen Einschätzungen um rund zwei Grad.
„Der Klimaschutz wurde über lange Zeit verschlafen“, sagt Kotremba. „Der CO2-Gehalt steigt im Moment unverändert an.“ Vom Ziel des Pariser Abkommens, die Erwärmung der Globaltemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen, sieht der Klimaexperte die Menschheit noch „meilenweit entfernt“. Jetzt lägen wir schon bei 1,2 Grad. Es bleibe also nur noch sehr wenig Zeit, um Gegenmaßnahmen voranzubringen, bevor das Klima ein Temperaturniveau erreiche, auf das der Mensch nur noch sehr wenig Einfluss nehmen könne.
Nah an Kipppunkt
Würden diese Kipppunkte überschritten, würden Rückkopplungseffekte aktiviert, die die Atmosphäre noch weiter aufheizten. „Wir haben es selbst in der Hand“, betont Kotremba, der hofft, dass sich die Erderwärmung auf mittlerem Niveau bei etwa zwei Grad einpendeln kann. Im ungünstigsten Szenario ohne Klimaschutz würde die Menschheit Kotremba zufolge im Jahr 2100 die Menge an Treibhausgasen in der Atmosphäre vervierfachen, die Vorderpfalz könnte sich im Mittel um drei bis 4,5 Grad erwärmen. „Das würde zu katastrophalen Verhältnissen führen, mit Hitzewellen von Mitte Mai bis Mitte September und Temperaturen bis zu 45 Grad, die wir in jedem Fall vermeiden sollten. Es ist eine Minute vor 12. Je länger wir warten, desto schwieriger wird es, auch mit der Klimaanpassung.“
Privatpersonen und Kommunen können selbst viel für den Klimaschutz tun. Was genau, erfahren Sie in den nächsten Teilen der Serie.
Zur Person
Bevor Diplom-Geograph Christian Kotremba (40) in Darmstadt stellvertretender Leiter des Amts für Klimaschutz und Klimaanpassung wurde, arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Rheinland-Pfalz Kompetenzzentrum für Klimawandelfolgen in Trippstadt und am Kompetenzzentrum Klimawandel der Landesanstalt für Umwelt in Karlsruhe.
Termin
Wissenschaftliche Grundlagen zu den Ursachen des Klimawandels und Anregungen zum gemeinsamen Handeln gibt der sechsteilige Kurs „Klimafit: Klimawandel vor der Haustür! Was kann ich tun?“ an der Neustadter Volkshochschule. Ab Donnerstag, 16. März, 18 bis 21 Uhr, erläutern der Neustadter Klimamanager Marcel Schwill und der Darmstadter Klimaanpassungsmanager Christian Kotremba in der Hindenburgstraße 14, Raum 103, wie Klimaschutz und -anpassung auf kommunaler Ebene gelingen kann. Zwei Termine des Kurses, der bundesweit an 149 Volkshochschulen stattfindet und durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert wird, werden online abgehalten. Kosten: 71 Euro. Anmeldung unter www.vhs.neustadt.eu.