Interview
Kinderarzt Marc Schlez: „Die klassische Arztpraxis ist tot“
Herr Dr. Schlez, um es mal mit Galgenhumor zu sagen: Ein Besuch beim Kinderarzt ist offenbar kein Kinderspiel. Wir sprachen vor einem Jahr über überfüllte Praxen, Stress, sehr lange Wartezeiten, sehr lange Arbeitszeiten für Sie und Ihre Mitarbeiterinnen, drohende Aufnahmestopps für die kleinen Patienten. Hat sich seitdem irgendwas verbessert?
Letztlich nicht. Wir haben im Moment unheimlich viele Infektionskrankheiten, das bedeutet lange Wartezeiten. Die Belastbarkeit ist am Anschlag, eigentlich schon darüber hinaus. Wir können auch nicht mehr und länger arbeiten, sonst kommt irgendwann Erschöpfung. Ich nenne das mal den Totlaufmoment, an dem die Praxis einfach nicht mehr kann und du wegen deiner physischen Belastung deinen Patienten auch nicht mehr gerecht wirst. Zwei Sondereffekte machen uns zusätzlich zu schaffen. Zum einen melden manche Eltern ihre Kinder sehr spät zur Vorsorgeuntersuchung an, schlecht für unsere Planungen. Zum zweiten verlangen manche Kitas, dass ein Kind, das Bindehautentzündung hat, also eine eher harmlose Sache, ein Attest braucht, wenn es wieder zur Kita gehen soll. Dann sitzen die hier eine Stunde, ich schau’ eine Minute drauf und sage: Okay, du kannst wieder in die Kita.
Gibt es in Neustadt zu wenige Kinderarztpraxen?
Das ist sehr zurückhaltend formuliert. Es gibt fünf. Nur fünf. Die niedergelassene Medizin ist über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) geregelt, und irgendwann vor Jahrzehnten wurde festgelegt: fünf Kinderarztsitze in Neustadt. Dass zwischenzeitlich viel mehr junge Familien hierher gezogen sind, weil Neustadt ein attraktiver Wohnort ist und wir an der Weinstraße erfreulicherweise eine vergleichsweise hohe Geburtenrate haben, interessiert die Medizinbürokratie nicht.
Wenn mehr Familien herziehen, steigt doch vermutlich auch die Einwohnerzahl …
… aber damit nicht die Anzahl der Kinderarztsitze. Das ist so. Absolut rigide, völlig aus der Zeit gefallen.
Was ist das Ende vom Lied?
Wenn sich nichts Grundlegendes ändert, wird es in Zukunft schwierig bis unmöglich sein, für Kinder eine qualifizierte ärztliche Versorgung zu bekommen. Und Aufnahmestopps werden die Regel sein.
Wenn es in Neustadt zu wenige Kinderarztsitze gibt – in Ludwigshafen sind welche frei.
Wir erleben gerade einen fundamentalen Strukturwandel, nicht nur bei Kinderärzten, sondern allgemein in der Welt der Arztpraxen. Auch in Neustadt gibt es freie Arztsitze – bei den Allgemeinmedizinern, und das könnten noch mehr werden. Laut einer Statistik der Kassenärztlichen Vereinigung sind in Neustadt und im Kreis Bad Dürkheim 41 Prozent der niedergelassenen Hausärzte über 60. Was wird in ein paar Jahren aus deren Praxen?
Das heißt, Praxen in manchen Gegenden und in manchen Fachgebieten, etwa bei Allgemeinmedizinern, werden von angehenden Ärzten nicht so gern genommen?
So könnte man sagen. Das hat, da muss man ehrlich sein, auch mit der Honorierung zu tun. Das Abrechnungssystem bevorzugt die technisch-apparative Leistung, nicht die persönliche Leistung von Ärzten. Beim Allgemein- oder Kinderarzt kommt ein chronisch kranker Patient vielleicht 15 Mal im Quartal, honoriert bekommt das der Arzt einmal. Was macht da ein junger Kollege, der sich niederlassen will? Bösartig formuliert: Er nimmt sich das Fachgebiet, in dem er den Patienten einmal alle drei Monate sieht und technisch-apparative Leistungen abrechnen kann.
Ist die Anspruchshaltung zukünftiger Ärzte auch ein Teil des Problems?
Sagen wir mal so: Die junge Generation hat eine bestimmte Vorstellung von Work-Life-Balance. Das ist ihr gutes Recht. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf soll gewährleistet sein. Da erscheinen Halbtagsstellen im Angestelltenverhältnis oft attraktiver als eine Praxisübernahme, bei der der Arzt mit Budgets planwirtschaftlich eingeengt wird, aber das volle unternehmerische Risiko trägt. Für ältere Kollegen war und ist die 60-Stunden-Woche die Regel. Ich kenne folgende Zahlen: Pro Jahr gehen 6000 Allgemeinärzte aus dem Beruf und 2000 kommen neu hinzu. Mathematikaufgabe: Was passiert, wenn 6000 mit je 60 Wochenstunden gehen und 2000 mit je 20 Wochenstunden kommen?
Das heißt: Es fehlen letztlich Ärzte?
Natürlich, wir brauchen viel mehr Medizinerinnen und Mediziner. Aber da stehen ein paar Aspekte entgegen. Zum einen dieser irrsinnige Numerus clausus. Das wurde zwar ein bisschen modifiziert, aber im Kern ist es immer noch so, dass viele junge Leute zum Medizinstudium im Ausland gezwungen werden, weil sie kein Einser-Abitur haben – was im Übrigen für die spätere Befähigung, ein guter Arzt zu sein, Null Aussagekraft hat. Ob das dann was wird mit dem Auslandsstudium, und ob die dann auch zurückkommen, um in Deutschland als Arzt zu arbeiten, ist noch die Frage.
Was steht einer Zunahme der Mediziner-Zahl noch im Weg?
Mehr Studentinnen und Studenten der Medizin in Deutschland – das setzt natürlich entsprechende Kapazitäten an den deutschen Universitäten voraus. Aber unabhängig davon: Etwa 50 Prozent eines Jahrgangs, der sein Medizinstudium beendet, arbeiten anschließend nicht als Arzt in Praxen oder Kliniken. Von einem Medizinstudenten, der mit seinem Studium den Staat und damit den Steuerzahler nach unterschiedlichen Statistiken jeweils zwischen 200.000 und 600.000 Euro gekostet hat, kann man offenbar nicht erwarten, dass er dann auch in dem Bereich arbeitet, der für die Gesellschaft so wichtig ist. Das finde ich unfassbar.
Hilft die sogenannte Landarztquote? Da werden Medizinstudienplätze an Bewerber vergeben, die nicht die nötige Abiturnote haben, sich aber verpflichten, nach Studium und Facharztausbildung zehn Jahre lang in einer unterversorgten Region tätig zu sein.
Ich sehe das eher skeptisch. Nach zwölf Jahren Studium mit Facharztausbildung, soll jemand verpflichtet sein, unabhängig von seiner aktuellen Lebenssituation an einem bestimmten Ort zu arbeiten? Ich bezweifle, ob das alleine schon juristisch haltbar ist.
Alles in allem betrachtet: Kaum Licht am Ende des Tunnels bei der Frage, wie die deutsche Arztpraxen-Landschaft der Zukunft aussieht?
Extrem schwierig. Zwar tauchen immer mal wieder Ansätze auf, aber da muss man vorsichtig sein. Zum Beispiel gibt es Konzerne, die hie und da eine Hausarztpraxis kaufen und den ehemaligen Inhaber oder die Inhaberin im Angestelltenverhältnis übernehmen. Das geht aber oft schief. Eine sehr hohe Gewinnorientierung, wie sie bisweilen bei Konzernen vorkommen soll, ist keine gute Voraussetzung zum Betreiben einer Arztpraxis. Ein guter Arzt ist sehr patientenorientiert.
Er muss schon aber auch wirtschaftlich denken.
Natürlich. Er trägt das unternehmerische Risiko, muss seine Angestellten vernünftig bezahlen und den Beitrag zum Unterhalt seiner eigenen Familien leisten. Da ist es natürlich erfreulich, wenn, wie jetzt geschehen, der Bundesgesundheitsminister ein Gesetz zur Verbesserung unserer Budgetsituation durchbringt. Allerdings hat die Kassenärztliche Vereinigung ausgerechnet, dass dies einen durchschnittlichen Gewinnzuwachs von sechs Prozent bewirkt. Sechs Prozent – bei diesen Inflationsraten und diesen Teuerungen in den vergangenen beiden Jahren. Das ist symptomatisch für unser Vergütungssystem.
Ihre Prognose für die kommenden Jahre?
Auf dem flachen Land wird es extrem schwierig bleiben. Grundsätzlich werden nur Praxen überleben, die sich dem Strukturwandel stellen, die hoch flexibel und aktiv agieren. Also: Praxisverbünde mit mehreren Ärzten an mehreren Standorten mit gutem Betriebsklima und flachen Hierarchien, die ihrem angestellten ärztlichen Personal auch Teilzeitstellen anbieten und die Zusage, sich auf die Medizin konzentrieren zu können und mit Bürokratie nichts zu tun zu haben. Dies bedeutet allerdings zusätzliche, nicht-ärztliche Mitarbeiterinnen und damit einen größeren Lohnkostenanteil – was betriebswirtschaftlich durch eine entsprechende Honorierung dargestellt werden muss. All dies heißt keinesfalls, dass die althergebrachte Praxisstruktur nicht leistungsfähig und attraktiv für Patienten und Ärzte war und ist, natürlich mit punktuellen Qualitätsunterschieden. Aber in die Zukunft gerichtet, erscheint mir eines unumstößlich: Die klassische Einzelpraxis mit Arzt hinter dem Schreibtisch und vorne zwei Angestellten, ist tot.