Interview
Kinderarztpraxen am Limit: Ein Pfälzer Arzt schlägt Alarm
Herr Schlez, immer wieder schlagen niedergelassene Ärzte Alarm. Was ist bei Ihnen los?
Wir haben in Neustadt fünf Kinderfacharztpraxen, und alle sind voll bis zum Anschlag – und wenn wir ehrlich sind: deutlich darüber hinaus. Daher können kaum noch neue Patienten angenommen werden. Wir Kinderärzte tun das dennoch, kommen damit aber über unsere Belastungsgrenze. Im Prinzip profitieren wir an der Weinstraße von der Demografie: In Neustadt werden wieder mehr Kinder geboren und wir haben einen Zuzug von jungen Familien mit kleinen Kindern. Wir haben bei uns in allen Praxen also ein immer größeres Patientenaufkommen.
Dann wäre die Lösung doch: mehr Kinderarztpraxen oder die bestehenden Praxen vergrößern sich.
Das geht leider nicht, da die niedergelassene Medizin streng über die Kassenärztliche Vereinigung (KV) organisiert wird. Sie regelt unter anderem die Anzahl der Facharztpraxen bezogen auf die Bevölkerungszahl. In Neustadt kam man so auf die fünf Kinderfacharztpraxen. Allerdings sehen wir gerade in den letzten Jahren und Monaten eine deutliche Zunahme der Kinder- und somit auch Patientenzahl, und diese sind zunehmend öfter und schwerer krank als in den Jahren zuvor. Bislang wurde diese Entwicklung aber in der Anzahl der Praxen nicht abgebildet. Und damit sind neue Ärztestellen in Neustadt bislang nicht möglich.
Was bedeutet dies alles für Ihren Praxisalltag?
Aktuell haben wir eine sehr große Anzahl an kranken Kindern: sei es Influenza, Covid-19 oder das RS-Virus, das Atemwegsinfektionen verursacht. Aufgrund der Corona-Einschränkungen mit Kontaktverboten und Maskenpflicht hatten wir bei den Erkrankungswellen eine zweijährige Pause. Früher hatten wir Krankheitswellen im Herbst und Winter und dann eine Pause über Sommer. Aber nun ist der Krankenstand seit Monaten extrem hoch, und es gibt zunehmend schwerkranke Kinder.
Das klingt heftig.
Ja, auch die Kinderkliniken in Ludwigshafen, Speyer und Landau sind aktuell überbelegt und können kaum Kinder aufnehmen. Daher kümmern wir uns auch um Patienten, die eigentlich stationär behandelt werden müssten. Wir haben oft 14-Stunden-Arbeitstage. Und wenn wir montags für die offene Sprechstunde öffnen, reicht die Warteschlange von unseren Räumen in der zweiten Etage bis hinunter auf die Straße. Am Montag hatten wir 200 Patienten. Wir behandeln alle, das dauert dann aber eben bis spätabends.
Und dieser Andrang ist Teil des Problems?
Genau. Wir Praxen bekommen pro Quartal von der KV feste Budgets. Diese ergeben sich aus dem Durchschnitt aller Kinderarztpraxen. Für einen Patienten bekommen wir einmal eine solche Pauschale – egal wie oft er kommt. In unserer Praxis mit dem Schwerpunkt Kardiologie kommen viele chronisch Kranke aber bis zu 20-mal pro Quartal – ohne dass dies im Honorarsystem abgebildet wird.
Klingt nicht gut.
Aber wir blenden diese wirtschaftlichen Dinge aus und behandeln trotzdem. Dennoch: In Neustadt liegen alle Kinderarztpraxen über dem Budget. Hinzu kommt, dass ab Januar 2023 auch noch die Neupatientenpauschale wegfällt. Wenn man dann also weitere Patienten behandelt, gibt es dafür eine deutlich geringere Vergütung. Zusätzlicher Betreuungsaufwand wird also kaum abgebildet. Dabei wollen wir uns bestmöglichst um unsere Patienten kümmern, gerade auch bei den Vorsorgeuntersuchungen – und bekommen doch bürokratische Hürden in den Weg gestellt. Letztlich steigt somit auch die Wahrscheinlichkeit von Erkrankungen, weil weniger Leute zum Arzt oder zur Vorsorge gehen. Bei Hausärzten ist die Situation ähnlich. Das Risiko der Erkrankungshäufigkeit und des Patientenaufkommens zum Beispiel in Grippezeiten liegt somit bei uns, da sich die Budgets der Praxen nicht ändern.
Klingt auch nach einem Problem für Eltern.
Ja, wer hierher gezogen ist und einen Kinderarzt braucht, wird es ab Januar noch mal schwerer haben. Dann läuft die Neupatientenregelung aus, die bisher einen finanziellen Anreiz bot, neue Patienten aufzunehmen. Wir befinden uns da in einem planwirtschaftlichen Bereich, agieren aber mit Blick auf Kosten für Geräte, Personal und Betriebsausgaben privatwirtschaftlich. In Neustadt sprechen wir Kinderärzte unsere Urlaube ab, sodass immer mindestens zwei Praxen geöffnet sind. Aber angesichts der großen Zahlen an Patienten ist der damit zusätzliche Betreuungsaufwand in den einzelnen Kinderarztpraxen kaum noch zu stemmen.
Warum stellen Sie selbst kein weiteres Personal ein?
Ich bräuchte in meiner Praxis noch zwei weitere Ärzte und drei Arzthelferinnen, um alles gut bewältigen zu können. Aber auch dafür bräuchte ich Sitze und Budget.
Sie haben die Situation am Montagmorgen mit der langen Schlange beschrieben. Es kommt somit ja auch zu Wartezeiten. Sicher kein leichtes Thema mit Eltern von kranken Kindern ...
Ja, viele sind frustriert und lassen ihren Ärger bei meinen Mitarbeiterinnen aus. Das ist für uns alle belastend. Daher mein Appell an alle: Die Patienten sehen ja, was in den Praxen los ist. Die Situation ist nicht so, weil wir unsere Kinder nicht betreuen wollen. Sondern es geht momentan kaum noch anders. Daher wünsche ich mir mehr Verständnis für die Zusammenhänge und Hintergründe. Wir tun, was wir können, und alle kranken Patienten, die zu uns kommen, werden auch gesehen. Aber das dauert angesichts der aktuell für alle Kinderarztpraxen schwierigen Lage einfach länger.
Für Ihre Mitarbeiterinnen ist das kein Zuckerschlecken ...
Eine Kollegin meinte kürzlich, sie höre jetzt schon nachts das Telefon klingeln, weil tagsüber in der Praxis so viel los ist. Drei Kolleginnen sind immer am Telefon, trotzdem kommen Patienten und sagen, dass sie nie durchkommen. Das zeigt die ganze Brisanz. Den ganzen Stress können wir im Team, in dem es ja auch Krankheitsfälle gibt, nur durch die hohe Einsatzbereitschaft und das sehr gute Miteinander auffangen. Dennoch müssen die Patienten akzeptieren, dass wir das Gesamtsystem nicht ändern können.
Was muss getan werden?
Im Prinzip bräuchten wir mehr Arztsitze und ein höheres Budget. Aber das ist unwahrscheinlich. Denn wird das für Neustadt geändert, müsste man es überall in Deutschland ändern. Auf Dauer wird es daher ohne Abstriche nicht gehen, denn wir rennen derzeit in der Praxis von morgens bis abends bis deutlich über dem Limit, um allen gerecht zu werden.
Was können Sie Eltern raten, die ja beispielsweise nur ihre Pflicht erfüllen und mit ihren Kindern zur Vorsorgeuntersuchung kommen wollen?
Wir wollen das alles sicherstellen. Meine Bitte wäre, sich dafür frühzeitig zu melden. Wer erst kurz vor Ende der Frist für eine Vorsorgeuntersuchung kommt, bei dem wird es leider schwierig, denn bei Terminen sind wir am Limit.
Sie haben vorhin den Nachholprozess wegen Corona erwähnt. Wie lange werden wir noch mit so vielen kranken Kindern leben müssen?
Wir müssen noch etwa eineinhalb Jahre aufholen, dann wird es wieder zum gewohnten Ablauf mit vielen Erkrankungen im Herbst/Winter sowie einer Krankheitspause über Sommer kommen. Durch die Pandemieeinschränkungen haben wir zudem eine Zunahme bei Erkrankungen wie Übergewicht und Depression oder Entwicklungsstörungen. Auch diese Fälle sorgen nochmals zusätzlich für einen höheren Aufwand in der Praxis.
Zur Person
Marc Schlez ist 57 Jahre alt. In seiner Kinderarztpraxis in der Europastraße beschäftigt er neun Mitarbeiter. Der Neustadter ist Kinderkardiologe und kümmert sich zudem um Erwachsene mit angeborenem Herzfehler. Für den Bereich Kinderkardiologie betreibt er noch eine Facharztpraxis in Ludwigshafen.