Neustadt
KI erkennt Fehlwürfe im Neustadter Biomüll
Eine gewisse Spannung ist Holger Blaufuß und Thomas Agne anzumerken. Blaufuß ist Abteilungsleiter Abfallwirtschaft beim Eigenbetrieb Stadtentsorgung Neustadt (ESN), Agne ist dort Abfallberater. Die beiden zeigen ein Müllfahrzeug, das mit Künstlicher Intelligenz (KI) ausgestattet ist, um Störstoffe im Biomüll zu erkennen. Doch funktioniert auch wirklich, was jetzt getestet werden soll? Verweigert das System die Entleerung einer Tonne, in der Kunststoff deponiert wurde? Müllwerker Daniel Frey hakt die Tonne ein, öffnet den Deckel und drückt auf einen Knopf. Die Tonne fährt nach oben, stoppt aber auf halber Strecke. Die KI hat das Plastik erkannt und verhindert, dass es im Müllfahrzeug landet. Blaufuß und Agne sind zufrieden.
Das System funktioniert mit Kameras, die oben am Fahrzeug angebracht sind und Fotos vom Inhalt der Tonne machen. Die KI soll dann ermitteln, wie hoch die Störstoffquote ist, also wie hoch der Anteil des Mülls ist, der dort nicht hinein gehört. Ist er zu hoch, wird das Anheben der Tonne gestoppt und ein rotes Licht geht an. Auch auf einem Display im Führerhaus des Fahrzeugs wird gemeldet, dass ein Störstoff erkannt wurde.
Allerdings nehmen die Kameras nur den Abfall auf, der von oben sichtbar ist. Und schon bisher haben die Müllwerker Biotonnen stehen lassen, wenn sie gesehen haben, dass dort auch Rest- oder Plastikmüll drin war. Was im Inneren des Behälters liegt, lässt sich so allerdings nicht erkennen. Doch es gibt noch weitere Kameras im Inneren des Fahrzeugs, die die Schüttung fotografieren. Auch hier überprüft die KI dann, ob tatsächlich nur Biomüll drin war. Ist das nicht der Fall, sind die Störstoffe zwar im Wagen, aber immerhin lässt sich dann zuordnen, in wessen die Tonne sie waren. Denn die Behälter sind gechipt. Der Nutzer wird dann vom ESN hören.
Kürbis für Plastik gehalten
Verbaut wurde die KI-Technik in einem Fahrzeug der Firma Süd-Müll, die in Neustadt den Bioabfall einsammelt. Noch ist das System in der Testphase. Das bedeutet, die KI wird noch trainiert. Agne erzählt, dass die Künstliche Intelligenz im Herbst reihenweise Tonnen monierte, weil sie Kürbisreste für Plastik hielt. Mittlerweile hat sie dazugelernt. Das tut sie nicht nur in Neustadt, sondern überall, wo das System eingesetzt wird. In der Region sei das noch in Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis der Fall, sagt Blaufuß.
Auch der ESN muss noch Fragen klären, bevor das System scharf gestellt wird. Etwa ab welcher Störstoffquote die Leerung der Tonne verweigert wird. Man werde hier sicher nicht direkt sehr streng starten, versichert Blaufuß. Mit der Zeit würden die Vorgaben „dann verfeinert“. Der ESN setze zunächst auf Aufklärung. Seine Kollegin Lisa Bilz berichtet, dass oft kein böser Wille hinter einer falschen Befüllung stecke. Der Großteil der Fotos, auf denen die KI einen Störstoff erkannt hat, zeige „kompostierbare Beutel“. Diese haben aber trotz ihres Namens nichts im Bioabfall zu suchen, weil sie zu langsam verrotten.
Höchstens drei Prozent Störstoffe
Wer die Tonne nicht geleert bekommt, hat die Wahl: Entweder er sortiert die Störstoffe aus oder lässt den Behälter mit dem Restmüll leeren – gegen Gebühr. Wer mehrfach anderen Müll mit dem Bioabfall mischt, kriegt die Tonne erstmal gesperrt. Agne betont aber auch, dass man immer den Dialog suche. Das Risiko erwischt zu werden, wird übrigens hoch sein. Denn in Neustadt sind nur zwei Fahrzeuge für den Biomüll unterwegs, eines davon hat die KI-Technik.
Dass der ESN beim Biomüll genauer hinschaut, liegt nicht nur daran, dass die Störstoffe die Weiterverwertung erschweren. Auch der Gesetzgeber hat den Druck erhöht. Laut einer seit Mai 2025 geltenden Verordnung darf höchstens ein Prozent Kunststoff darin enthalten sein, die Störstoffe insgesamt dürfen drei Prozent nicht übersteigen.
Aktionstag am Globus
Wann das System scharf gestellt wird, ist noch unklar. Doch die Bürger können sich am Freitag, 12. Juni, selbst ein Bild von dem Müllauto mit Künstlicher Intelligenz machen. Denn der ESN beteiligt sich an einem Aktionstag zum Thema Mülltrennung. Von 10 bis 16 Uhr ist das Team der Abfallberatung vor dem Haupteingang des Globus-Einkaufsmarktes präsent. Dort werden Fragen der Bürger beantwortet, die an einem Fragenrad ihr Wissen testen und kleine Preise gewinnen können. Eine Sortieranlage kann virtuell besichtigt werden, und die Kinder können den „Kompostwurm Misti“ füttern.
Von 10 bis 13 Uhr ist auch die Initiative „Mülltrennung wirkt“ mit einem Showtruck am Globus – und mit dem „Trenn-Bär“, einem Eisbär in Arbeitskleidung eines Müllwerkers, der Kindern spielerisch Mülltrennung beibringen will. Von 14 bis 15.30 Uhr ist dann das Müllfahrzeug zu sehen, das mit der KI zur Erkennung von Störstoffen ausgestattet ist. Dabei wird auch erklärt, wie es funktioniert und warum es notwendig ist.