Neustadt „Ich traue mir das einfach zu“

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OB-Kandidaten im Wahlkampf (2): Ingo Röthlingshöfer ist seit 20 Jahren Bürgermeister von Neustadt. Jetzt will der CDU-Politiker in den Oberbürgermeister-Sessel wechseln. Dass er schon lange politische Verantwortung im Stadtvorstand trägt, ist für ihn Vorteil und Last zugleich.

Beim Werben um Wählerstimmen ist Maria Edinger der ideale Gast. Seit Jahren kämpft die alte Dame für eine Bank an der Bushaltestelle am Kindergarten in Königsbach, „nicht nur für mich, sondern für alle älteren Bürger“. Dass die Stadtverwaltung dies ablehnt, weil der Gehweg zu schmal sei, will sie nicht hinnehmen: „In Haardt gibt’s das auch, und dort ist der Bürgersteig viel schmäler.“ Also hat sie eine Nacht wach gelegen und überlegt, ob sie am Samstag beim Frühstück von CDU-OB-Kandidat Ingo Röthlingshöfer und Alexandra Schaupp, die in Königsbach Ortsvorsteherin werden will, vorbeischaut. Was sie dann auch macht, denn: „Es sind Wahlen, die CDU will gewählt werden, also soll sie auch etwas dafür tun.“ Das Anliegen der 84-Jährigen zeigt indes das Dilemma auf, in dem Röthlingshöfer steckt. Seit 20 Jahren gehört er als Bürgermeister dem Stadtvorstand an. Nicht wenige werfen ihm vor, genug Zeit für jene Politik gehabt zu haben, die er nun in seinem Wahlprogramm propagiert, und dass er dabei „Gestalter und Teamspieler“ sein will. Dass weder die Frage der Bank noch störendes Grün im Straßenraum, Bauprojekte oder Ausländerbehörde in seine Zuständigkeit fallen und das Dezernatssystem strikt geregelt ist, lassen viele dabei nicht gelten. Dass er zudem lange CDU-Kreischef war und damit jene Partei führte, der der viel kritisierte Oberbürgermeister Hans Georg Löffler angehört und die seit Jahrzehnten Regierungsverantwortung im Stadtrat besitzt, kommt ebenso erschwerend hinzu. Wenig zählt hingegen, dass 13 Jahre lang die Freien Wähler Bündnispartner der CDU waren, die nun mit Marc Weigel Röthlingshöfers größten Widersacher im Wahlkampf stellen. Diese Hypothek lastet auf dem CDU-Kandidaten, hinderte ihn aber nicht daran, ins Rennen zu gehen. Denn: Unbestritten ist, dass ebenso viele seine Arbeit als Bürgermeister wechselweise in den Bereichen Schulen und Kultur, durchgängig im Bereich Soziales und bei der Wohnungsbaugesellschaft, anerkennen oder schätzen. Zwei Beispiele dafür sind Klemmhof und Flüchtlinge. Hinzu kommt seine Verwaltungserfahrung. „Ich traue mir guten Gewissens zu, ein mittelständisches Unternehmen wie die Stadtverwaltung mit ihren fast 1000 Beschäftigten zu führen“, sagt Röthlingshöfer im Wahlkampf. Ein klein wenig ärgert es ihn folglich, dass aus seiner Sicht die Qualifikation der drei Bewerber kaum eine Rolle spielt. „Ich könnte keinen Schulunterricht halten“, formuliert er einen Seitenhieb auf den Lehrer Weigel. Maria Edinger, die an diesem Samstag kurz nach 8 Uhr beim Wahl-Frühstück der CDU in Königsbach Kaffee und frische Brötchen gemeinsam mit anderen Frühaufstehern genießt, interessiert all das wenig. Sie sieht in Röthlingshöfer die richtige Adresse und fragt nicht danach, ob dieser im Fall seiner Wahl laut Ansage eine „Gesamtstrategie bei wichtigen Fragen“, eine „große Linienführung“ und eine verbesserte interne Kommunikation bei der Stadtverwaltung umsetzen will. Für die 84-Jährige zählt, dass sich der CDU-Mann jetzt verwaltungsintern über die Causa Bank informiert, zumal für ihn klar ist: „Die Situation an Bushaltestellen wird immer wichtiger, sie muss für Alt und Jung fortentwickelt werden.“ Das hört die Seniorin gern. Während sich Röthlingshöfer ins Gästebuch der Pfälzischen Weinprinzessin aus Königsbach, Nicole Fredrich, einträgt, wollen andere Frühstücksgäste wissen, wie er seine Chancen einschätzt. „Wir arbeiten kräftig daran“, sagt Röthlingshöfer und zählt die weiteren Termine an diesem Tag auf. Der CDU-Kandidat setzt beim Wahlkampf in den Weindörfern vor allem auf seine Parteifreunde, in der Kernstadt wirbt er verstärkt an der Haustür, ist am Info-Stand in der Fußgängerzone vertreten und hatte beim „Feierabend-Treff mit Ingo“ zu Stadtteil-Gesprächen eingeladen. „Kommen Sie ruhig rüber, trinken Sie ein Bier mit uns“, ruft er zum Beispiel im August Passanten zu, die an der Grünen Insel auf der Hambacher Höhe vorbeilaufen. Wieder sind ein Fässchen Bier, Wasser und Würstchen mit von der Partie, ebenso wie viele Parteifreunde. Auf „zehn bis 15 Prozent“ schätzt Röthlingshöfer den Anteil jener Besucher, die parteilich ungebunden sind und sich informieren wollen. Dass der Rest CDU-Mitglieder sind, stört ihn nicht, im Gegenteil: „Das ist auch wichtig, um den Zusammenhalt zu pflegen.“ Zu den Bürgern mit Fragebedarf zählt bei diesem Feierabend-Treff eine Frau, die den Zustand der Spielplätze kritisiert. Hier kann Röthlingshöfer auch ohne Zuständigkeit weiterhelfen: Er verweist auf das vom Stadtrat einmütig beschlossene Spielplatzkonzept, das mit einer halben Million Euro für Abhilfe sorgen soll. Dafür macht er an diesem Beispiel ein anderes Problem fest: „Wie kann die Verwaltung dem wachsenden Informationsbedürfnis der Bürger gerecht werden und trotzdem ihr Arbeitspensum bewältigen?“ Auch dafür müsse eine Lösung gefunden werden. Bei allen Gesprächen hat Röthlingshöfer stets im Blick, ob jemand Neues dazukommt, um den er sich kümmern sollte. Daher beendet er resolut eine längere Debatte mit einem Gegner von Windrädern auf Neustadter Gemarkung. Zuvor hatte er klare Kante gezeigt: Als Freund des Atomausstiegs könne er sich durchaus mit Windrädern nahe Mußbach anfreunden. Das aus ästhetischen Gründen abzulehnen, könne er nicht akzeptieren. Dann ein Anliegen, das ihn direkt betrifft: sich dafür einzusetzen, dass auch im Kindergarten der Pauluskirchengemeinde Eltern sich Ganztagsplätze tageweise teilen können. Darum will er sich kümmern, verspricht der Sozialdezernent. In der CDU-Geschäftsstelle treffen sich am vergangenen Montag Parteimitglieder zum Haustürwahlkampf – spätestens jetzt ist die richtig heiße Wahlkampfphase angebrochen, auch wenn es gerade regnet. Otto Fürst hat die Aktion vorbereitet. Besucht werden Bezirke mit einem hohen Anteil an CDU-Wählern. Diese sollen mobilisiert werden, „dann können wir die OB-Wahl gewinnen“, ist Fürst überzeugt. Ingo Röthlingshöfer übernimmt Straßenzüge auf der Hambacher Höhe, begleitet von Jürgen Grün. Wer die Tür öffnet, bekommt ein freundliches „Guten Tag, ich bin Ingo Röthlingshöfer, kandidiere für die OB-Wahl und möchte Ihnen mein Zwölf-Punkte-Programm für die ersten zwei Jahre überreichen“ entgegengerufen. Dass er nicht viel weitere Worte macht, gefällt den meisten. „Eine schöne Geste, dass Sie persönlich vorbeikommen“, sagt einer. „Und genau darauf kommt es an“, meint Röthlingshöfer eine Stunde und viele Kontakte später. „Spannend“ ist eines von Röthlingshöfers Lieblingswörtern – auch wenn ihm eine weniger spannende OB-Wahl sicher lieber wäre. Dafür kann er morgen in Neustadt die Kanzlerin begrüßen, eine willkommene Wahlkampf-Helferin. Noch dazu an seinem 55. Geburtstag.

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