Neustadt
Handel schlägt Alarm: „Wollen in der Stadt bleiben“
Sabine Omlor, Inhaberin der Boutique „Laufsteg“ in der Kellereistraße und zweite Vorsitzende der Willkomm-Gemeinschaft, ist die Verärgerung noch leicht im Gesicht abzulesen, als sie das Podium betritt. Am Morgen hatte sie einen Termin beim Steuerberater. „Wie sieht es aus, und bitte alles machen, was geht“, lauteten ihre Anliegen.
Doch die Antwort sei ernüchternd ausgefallen. Für November 2020 gebe es gar keine Entschädigung, da der Einzelhandel öffnen durfte, auch wenn die Kunden dank geschlossener Gastronomie rar waren. Die Dezemberhilfen wiederum seien an die Novembergelder geknüpft. Und Januar 2021? Da könne noch gar nichts beantragt werden. „Das macht mich fassungslos“, muss Omlor zugeben.
Menschen etwas bieten
Viele Einzelhändler, Dienstleister und Gastronomen hätten mittlerweile ihr Erspartes angegriffen, um zu überleben, bestätigt die Geschäftsfrau, was Willkomm-Kollege Andreas Böhringer zuvor gesagt hat. „Wir machen alles, was geht“, sie selbst habe auch schon mutig die Modekollektion für Herbst/Winter 2021 bestellt. „Wir wollen Teil der Stadt bleiben und den Menschen etwas bieten“, stellt Omlor fest. Doch dafür müssten Perspektiven aufgezeigt und vor allem bürokratische Hürden abgebaut werden.
Auf dem Marktplatz hören ihr etliche Menschen zu. Sie stehen in im Corona-Abstand aufs Pflaster gemalten Kreisen, die mit Linien verbunden sind. „Ein Zeichen dafür, dass wir vernetzt sind und auch weiter das tun, was Neustadt ausmacht: zammehalde“, meint Moderator Manfred Oesterle von der Willkomm. Die Gemeinschaft hatte kurzfristig am Wochenende zur zweiten Kundgebung eingeladen, diesmal unter dem Motto „Neustadt macht aufmerksam“. Damit wollte sie Handel, Gewerbe, Dienstleistung und Kultur eine Plattform bieten.
Keine Almosen, sondern Entschädigung
Andreas Böhringer will in seinem Redebeitrag vorneweg mit einem aufräumen: Dass es sich bei den Geldern von Bund und Land für die vom Lockdown betroffenen Unternehmer und Künstler um Hilfsleistungen handelt: „Wir brauchen keine Almosen, sondern Entschädigung.“ Doch kämen diese zu spät, seien nicht zielgerichtet und zu bürokratisch. Das gehe bei vielen an die Substanz, so mancher habe schon aufgegeben.
Es ist nicht der Kampf gegen die Pandemie, gegen den sich Willkomm und Gäste wehren. Ihr klarer Appell vor allem an den Staat und die Kommune: Perspektiven müssten her und die vom Lockdown Betroffenen schon jetzt so unterstützt werden, dass sie überleben können.
Stahler: Öffnung aller abwarten
Eventuell schon ab 16. Februar wieder öffnen zu dürfen, ergibt aus Sicht von Jochen Stahler, Inhaber des Modehauses Jacob, aber wenig Sinn. 110 seiner Mitarbeiter sind in Kurzarbeit. Die neue Kollektion lagern seine Lieferanten zwar kostenlos, „die Rechnung für die Ware liefern sie aber trotzdem“. Onlinehandel sei angesichts der hohen Retourquote keine Alternative.
„Wir sind keine Querdenker, wir tragen die Maßnahmen der Regierung mit“, betont Stahler – wohlwissend, dass eine Pandemie kaum planbar sei. Wichtig sei es, dass alle an einem Strang ziehen, um dann, wenn alle, auch Gastronomen und Kultur, wieder offen hätten, gemeinsam „einen tollen Start hinzulegen“. Auch wenn das unter Umständen bedeute, dass der Einzelhandel noch einen Monat länger warten müsse. „Einladen mit neuer Ware, einem guten Service“, beschreibt Stahler sein Ziel, denn: „Bei Amazon gibt’s keinen Cappuccino.“
Persönlich glaubt er an einen „ganz starken Frühsommer, und dass wir zu einer neuen Normalität kommen werden“. Die Stadt könne helfen: Indem sie endlich ordentliche öffentliche Toiletten bereithält.
„Ohne Hoffnung auf irgendwas“
„Ein einfaches Formular – und die Hilfe fließt“, lautet Bernhard Wellers Wunsch, der „Spitz“ des Duos Spitz und Stumpf. Als Künstler als nicht systemrelevant eingestuft und dann einem Arbeitslosen gleichgestellt worden zu sein, sei wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. Leidgeprüft ist auch das Familienunternehmen Filmtheaterbetriebe Spickert, dem das Cineplex in Neustadt gehört. Als mittleres Unternehmen sei man durch alle Hilferaster gefallen, beschreibt es Geschäftsführer Frank Noreiks. Eine schnelle Öffnung lindere die Not nicht, da der Kinobetrieb vom weltweiten Filmverleih abhängig sei: „Wir sind noch ohne Hoffnung auf irgendwas.“
Politik erkennt Bedarf
Vertreten am Rathaus ist ebenso die Politik. Die SPD-Landtagsabgeordnete Giorgina Kazungu-Haß entschuldigt sich dafür, dass es noch immer Betroffene ohne Abschlag auf die Entschädigung gebe. Das Land habe zwar viel Geld bereitgestellt, „aber lange nicht genug für all das, was die Menschen verlieren“. Die Frage, wann wieder geöffnet werden dürfe, sei berechtigt. Bei der Antwort dürfe man sich aber nicht unter Druck setzen lassen – weder von Corona-Leugnern noch von jenen, denen die Beschränkungen nicht scharf genug seien.
Eine Video-Konferenz bieten der CDU-Bundestagsabgeordnete Johannes Steiniger und der CDU-Landtagsabgeordnete Dirk Herber an. Beide konnten nicht auf den Marktplatz kommen. Steiniger berichtet per E-Mail, dass einiges auf den Weg gebracht worden sei, um die Lage zu verbessern. Eine Botschaft gibt es auch von seiner SPD-Amtskollegin Isabel Mackensen: Es sei richtig, auf die Dramatik hinzuweisen, schreibt sie laut Willkomm.
Weigel: Marshall-Plan auflegen
Oberbürgermeister Marc Weigel versucht, mit allem Mut zu machen, was 2021/22 auf den Weg gebracht oder abgeschlossen wird und die Stadt voranbringen soll. Perspektiven seien wichtig, auch der Städtetag wehre sich dagegen, dass immer nur 14-tägig entschieden werde. Gefordert werde ein Marshall-Plan für die Innenstädte, so Weigel in Anspielung auf das US-Wirtschaftsförderprogramm für den Wiederaufbau in Europa nach 1945. Dazu brauche es einen kritischen Dialog zwischen Staat und Kommunen. Denn „die Kommunen sind jene, die letztlich am härtesten betroffen sein werden“. Insofern sei es gut, dass die Willkomm genau darauf aufmerksam mache.
