Neustadt Gedenken und mahnen
„Ungeschehen kann man Unrecht und Gewalt nicht machen. Doch man kann dafür sorgen, dass es so etwas wie die nationalsozialistische Diktatur in Deutschland nie wieder geben wird.“ Das sagte Waltraud Blarr, Schuldezernentin und gestern Vertreterin des erkrankten Oberbürgermeisters Hans Georg Löffler, bei der Gedenkveranstaltung zum 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, in der Stiftskirche.
Felix Buss, Jahrgang 1945, hat seinen Großvater nie kennengelernt. Dass er in der Stiftskirche namentlich erwähnt wurde, hat den Bellheimer tief berührt. „Wie die Schüler die einzelnen Schicksale vorgetragen haben – das war sehr gut“, sagte er. Philipp Josef Buss war Tierarzt, er stammte aus einer kleinen Gemeinden bei Kusel. In Konflikt mit dem NS-Regime geriet er, weil er der separatistischen Bewegung in der Pfalz nahe gestanden hatte. Nachbarn meldeten der Gestapo, er habe sich kritisch zum Kriegsverlauf im Osten geäußert. Das genügte, um den 53-Jährigen ins berüchtigte Gestapo-Gefängnis in Neustadt zu bringen. In einem Vermerk der Gestapo von Dezember 1941 ist zu lesen: „Der Schutzhäftling Philipp Josef Buss aus Glan-Münchweiler hat durch Erhängen im hiesigen Gefängnis Selbstmord verübt.“ Eine Schülerin liest diesen Satz vor, es ist einer von zahlreichen Beiträgen, die an einzelne Schicksale erinnern. Darunter auch Schicksale Homosexueller, wie von Wilhelm Krüger aus Kaiserslautern, der von Neustadt aus ins KZ Sachsenhausen gebracht wurde und dort starb, oder polnischer Zwangsarbeiter, wie von Wladislaw Krenglicki, der von Neustadt ins KZ Natzweiler verlegt wurde. Am 5. Oktober 1942 meldete das KZ per Fernschreiber an die Gestapo in Neustadt: „Wladislaw Krenglicki wurde um 14.30 Uhr ordnungs- und weisungsgemäß erhängt.“ „Auschwitz wäre nicht gewesen, wenn es nicht auch die Gestapo und auch die Stelle in Neustadt gegeben hätte“, sagte Blarr. Zuvor hatten Schüler das Gefängnis beschrieben: „Man hörte die Schreie der Häftlinge bis nach draußen. Die Wände waren blutverspritzt, es wurde systematisch gefoltert.“ Die Ereignisse von damals seien auch eine Mahnung, sagte Blarr. Gerade weil der Flüchtlingszustrom zu einem Aufschwung rechten Gedankenguts geführt habe, den es zu stoppen gelte. Blarr erwähnte aber auch die Silvesternacht von Köln und betonte, dass solche Vorfälle das Zusammenleben in Deutschland gefährdeten: „Eine Demokratie muss wehrhaft sein, aber wir müssen besonnen reagieren.“ Eberhard Dittus, ehemaliger Gemeindediakon und Leiter der Gedenkstätte für NS-Opfer im Quartier Hornbach, dankte den Schülern dafür, dass sie den Opfern „ein Gesicht gegeben haben“. Beteiligt waren Schüler der Realschule Plus, der Berufsbildenden Schule und der drei Neustadter Gymnasien. Im Anschluss wurde in der Stiftskirche eine Ausstellung über den Zeichner Erich Ohser eröffnet, der durch seine „Vater & Sohn“-Geschichten bekannt wurde (wir berichteten gestern). Ohser nahm sich 1944 unter dem Druck des Nazi-Regimes das Leben. (kkr)