Neustadt / Haßloch
Gedenken an die Opfer des B 17-Absturzes im Ordenswald
Das Ereignis liegt fast acht Jahrzehnte zurück. Aber dem 90-jährigen Karl Wiedemann steht es noch so klar vor Augen, als sei es gestern gewesen: „Wir Jungs haben gehört, dass ein Bomber in den Wald gestürzt ist. Mit den Rädern sind wir gleich nach der Schule losgefahren. Plötzlich hat’s verbrannt gerochen. Dann haben wir das Flugzeug entdeckt. Die Kanzel hat zur Hälfte im Boden gesteckt, der Motor hat noch geglüht, überall hat MG-Munition herumgelegen.“ Die lebendige Schilderung des Mußbachers, der als Junge das Wrack der abgestürzten B 17 mit eigenen Augen gesehen hat, verfolgen besonders die Angehörigen der damaligen Crew mit Interesse. Aus den USA angereiste Verwandte von vier Besatzungsmitgliedern sind am Samstag zur Gedenkfeier im Wald zwischen Lachen-Speyerdorf und Haßloch gekommen, daneben hochrangige Vertreter der Ramstein Air Base und der Bundeswehr sowie der Stadt Neustadt.
Brücken zu ehemaligen Kriegsgegnern schlagen
An der Absturzstelle der B 17 mit dem Beinamen „Strictly GI“ hat die 2016 gegründete IG Heimatforschung Rheinland-Pfalz die siebte Gedenkstätte geschaffen, mit der an im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommene Besatzungsmitglieder von alliierten und deutschen Flugzeugen erinnert wird. Wenige Kilometer entfernt ist 2018 an der Stelle, an der ein britischer Halifax-Bomber abgestürzt ist, ein Gedenkstein errichtet worden. Die beiden Absturzstellen sind jetzt über einen „Historischen Rundweg“ miteinander verbunden.
„Wir wollen die Geschichte vor dem Vergessen bewahren und Brücken zu ehemaligen Kriegsgegnern schlagen“, erklärt Martin Heinz von der IG Heimatforschung. Die Aktivitäten bestünden aus vier Phasen: Auffinden der Absturzstelle, detaillierte Untersuchung, Kontaktaufnahme zu Nachfahren der Besatzung, Errichtung einer Gedenkstätte. Zehn ehrenamtliche Helfer unterstützen laut Heinz die stets mit der Denkmalbehörde abgestimmten und genehmigten Arbeiten der IG. Weitere Gedenkstätten seien bei aktuellen Projekten in Iggelheim, Mechtersheim, Hardenburg und Mutterstadt geplant.
Ulrich: Frieden ist nicht selbstverständlich
„Für uns sind Frieden und Demokratie heute eine Selbstverständlichkeit“, sagt Bürgermeister Stefan Ulrich. Und doch sei es erst zwei Generationen her, dass dieser unvorstellbare Krieg mitten in Europa getobt habe. „Diese Dramatik, diese Todesangst, die diese jungen Soldaten erleben mussten, können wir uns nicht ansatzweise vorstellen.“ Es sei sehr wichtig, der fünf Opfer des Absturzes zu gedenken, „junge Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten“. Der Gedenkstein solle daran erinnern, „dass der Frieden alles andere als selbstverständlich ist und wir ohne den tapferen Einsatz dieser jungen Menschen nicht vom NS-Regime befreit worden wären“. Ulrich dankt stellvertretend für die IG Heimatforschung Erik Wieman dafür, Geschichte erlebbar zu machen und vor dem Vergessen zu bewahren.
Zwetsch: Beitrag zum Sieg über Nazi-Deutschland
Oberstleutnant Stefan Zwetsch, Vertreter des dienstältesten deutschen Offiziers im Nato-Hauptquartier Allied Air Command (Aircom), sagt, an der Gedenkstätte könne man für einen Moment der Stille innehalten und an die jungen Männer erinnern, „die keine Chance hatten, mit ihren Lieben alt zu werden“. Die IG Heimatforschung habe den Angehörigen der Opfer einen Platz geschenkt, an dem sie trauern können. Damals habe sich Deutschland mit vielen der heutigen NATO-Staaten im Krieg befunden. Millionen von Todesfällen habe eine Nation verursacht, die in nationalistischer Überschätzung einen Feuersturm über die ganze Welt entfesselt habe. Die fünf Opfer des Absturzes der B 17 hätten ihren Teil zum Sieg über Nazi-Deutschland beigetragen. „Lasst und als Freunde und Verbündete in der NATO mutig zusammenstehen, wie es die Männer der ,Strictly GI’ getan haben, und unseren Teil dazu beitragen, Russland von jeder Aggression oder jedem Angriff auf die NATO abzuschrecken“, appelliert Zwetsch.
Echard: Vermächtnis bleibt unvergessen
Colonel Bret Echard, Kommandeur der 86. Operations Group der Ramstein Air Base, würdigt den Einsatz der „Strictly GI“-Crew, die den Dienst vor die eigene Person gestellt und erkannt habe, „dass das, wofür sie kämpften, größer war als jeder einzelne von ihnen“. Freiheit und Unabhängigkeit in Europa hätten wieder aufblühen können, weil unzählige Menschen ähnliche Opfer gebracht hätten. „Die Wunden des Konflikts, der sie das Leben gekostet hat, werden nun von friedlichen Bäumen bedeckt“, sagt Echard. Doch ihr Vermächtnis bleibe unvergessen.
Dekan Michael Paul weiht die Gedenkstätte ein – nicht nur zu Ehren der umgekommenen US-Soldaten, sondern auch als sichtbares Zeichen der Völkerverständigung. „Der Frieden scheint untergetaucht, seiner Stimme beraubt“, sagt er im Blick auf aktuelle Nachrichten vom „Unfrieden“ aus aller Welt. „Drei Worte bringen unsere Sehnsucht, die wir hier und heute miteinander teilen, auf den Punkt: Dona nobis pacem – Herr, gib uns deinen Frieden“, sagt der Dekan. Es brauche steinerne Mahnmale des Friedens, aber auch lebendige Zeugen des Friedens.
Persönliche Erinnerungen an Crew-Mitglieder
Mehrere Angehörige der Crew-Mitglieder Donal Laird, Niels Jensen, Joseph H. Kasperko und Herman J. Valentine sind aus den USA angereist. Ob Sohn, Nichte oder Großneffe: Ihre persönlichen Erinnerungen, Schilderungen von kleinen und großen Begebenheiten und Zitate aus erhalten gebliebenen Briefen lassen die Besatzungsmitglieder für einen kurzen Moment wieder lebendig erscheinen. Armando Valentine, dessen Großonkel Herman J. Valentine an Bord der B 17 war, ist Student an der Universität in Ohio mit dem Hauptfach Filmproduktion, Die Geschichte der „Strictly GI“ müsse erzählt und gesehen werden, sagt er und kündigt an, die Crew in einem Film zu porträtieren.
Einen letzten Fliegergruß an die Besatzung schickt eine C 130 Hercules vom 37. Lufttransport-Geschwader der Ramstein Air Base: Im langsamen Tiefflug überquert die Maschine die Gedenkstätte. An Bord im Laderaum: in Erinnerung an die neunköpfige Crew neun US-Fahnen, die nun im Dreieck professionell gefaltet und zusammen mit einer Urkunde den Nachfahren geschickt werden.
Was sich am 9. September 1944 ereignete
9. September 1944. 387 Flugzeuge der US-Luftwaffe bombardieren an diesem Tag Ziele in Mannheim und Ludwigshafen. Auch zwölf Flugzeuge der 91. Bomberstaffel, die zur 323. Schwadron gehören, sind am frühen Morgen vom Stützpunkt Bassingbourn in England gestartet, darunter eine viermotorige B 17-G mit der Kennung 43-37594.
Neun Soldaten sind an Bord der auf den Namen „Strictly GI“ getauften Maschine: Pilot Niels C. Jensen, Co-Pilot Dale W. Burkhead, Navigator Robert K. Hankey, Bombenschütze Richard F. Klein, Turmschütze Herman J. Valentine, Funker Joseph H. Kasperko, Kugelturmschütze Donal H. Laird, Rumpfschütze Stanley E. Morris und Heckschütze Sgt. Rollin E. Wright.
Gegen 11 Uhr wird die B 17 über Ludwigshafen von Geschossen der deutschen Flugabwehr getroffen. Das Glas des Cockpits zersplittert, einer der Motoren fängt Feuer. Die „Fliegende Festung“ löst sich aus dem Bomberverband, verliert langsam an Höhe, bekommt weitere Treffer. Augenzeugen sehen die Maschine Haßloch in westlicher Richtung überqueren, dann bricht sie auseinander. Das Heck landet beim Füllerweg, das Hauptteil mit dem Cockpit stürzt in den Wald zwischen Haßloch und Speyerdorf. Vier Besatzungsmitglieder können aus über 7000 Metern mit Fallschirmen abspringen, bevor die B 17 explodiert. Die fünf anderen Crew-Mitglieder kommen ums Leben. Die vier Überlebenden, die mit dem Fallschirm abgesprungen sind, werden gefangen genommen. Sie sehen sich in der Gefangenschaft nicht wieder.
Die IG Heimatforschung will Schicksale von im Krieg gefallenen Soldaten klären und Angehörigen dabei helfen, Lücken in Familienchroniken zu schließen. Einige Absturzstellen deutscher wie auch alliierter Flugzeuge haben die Aktiven in der Pfalz bereits lokalisiert beziehungsweise mit Genehmigung der Denkmalbehörde Ausgrabungsarbeiten vorgenommen. So wurden 2017 Teile eines britischen Halifax-Bombers ausgegraben, der im April 1943 zwischen Haßloch und Lachen-Speyerdorf abgestürzt war. 2018 wurde dort in Anwesenheit von Angehörigen der ums Leben gekommenen Flieger ein Gedenkstein aufgestellt. In diesem Zusammenhang erinnerte sich ein Zeitzeuge, dass an einer anderen Stelle im Wald ein US-Flugzeug abgestürzt war. Die IG konnte dank eines weiteren Zeitzeugen, der konkrete Hinweise geben konnte, die Absturzstelle lokalisieren. Erik Wieman und weitere Mitarbeiter der IG fanden Teile des Flugzeugwracks und der Ausrüstung im Waldboden: stumme Zeugen des Dramas, das sich vor fast 79 Jahren über dem Wald zwischen Neustadt und Haßloch abgespielt hat.
Ein besonderes Erinnerungsstück ist eine goldene Uhr ohne Ziffernblatt mit der Gravur „Donal Laird 1940“, die dem ums Leben gekommenen Kugelturmschützen aus der B 17 gehört hatte. Vor vielen Jahren hatte ein Mann aus Haßloch diese Uhr, die wohl in dem Waldstück gefunden worden war, von einem Freund bekommen. Er nahm an, dass sie einem US-Soldaten gehört hatte und verwahrte sie jahrelang – aber ihre Herkunft blieb ihm ein Rätsel. Bis er in der Zeitung von der Suche nach Zeitzeugen las, die von Flugzeugabstürzen im Krieg berichten können. Damit kam Licht ins Dunkel. Und die Uhr konnte schließlich 2018 zur Familie von Donal Laird zurückkehren.