Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Haßloch: Reste einer 1944 abgestürzten B 17 werden ausgegraben

Peter Berkel (links) und Adrian Bügel sortieren Kleinteile, die im Sieb hängengeblieben sind.  Foto: mehn
Peter Berkel (links) und Adrian Bügel sortieren Kleinteile, die im Sieb hängengeblieben sind.

Ein verrosteter Fallschirmgriff, ein Typenschild aus dem Cockpit, Reste eines Handschuhs: Stumme Zeugen eines Dramas, das sich vor fast 75 Jahren zwischen Haßloch und Speyerdorf abgespielt haben muss, als eine von der deutschen Flak getroffene B 17 der US-Streitkräfte in den Wald stürzte. Was genau passiert ist, kann möglicherweise bald ein Überlebender berichten: Richard F. Klein, heute 97 Jahre alt.

9. September 1944, ein Samstag. Zwölf Flugzeuge der 91. Bomberstaffel, die zur 323. Schwadron der US-Luftstreitkräfte gehört, greifen Ziele in Ludwigshafen an. Darunter ist ein viermotoriger Bomber des Typs Boeing B 17-G mit der Kennung 43-37594. Neun Soldaten sind an Bord der auf den Namen „Strictly G“ getauften Maschine. Bis auf den Piloten Niels C. Jensen und ein weiteres Besatzungsmitglied fliegt die Crew ihren ersten Einsatz.

Über Ludwigshafen wird die B 17 von Geschossen der deutschen Flugabwehr getroffen. Die „Fliegende Festung“ löst sich aus dem Bomberverband und verliert langsam an Höhe. Die Maschine muss weitere Treffer bekommen haben, denn laut Tagesbericht der 323. Schwadron wurde das Flugzeug „von der Flak so schwer beschädigt, dass es nicht mehr zurückkam“. Augenzeugen sehen die Maschine Haßloch in westlicher Richtung überqueren, dann bricht sie auseinander. Das Heck landet im Feld im Bereich des Füllerwegs, das Hauptteil des Flugzeugs mit dem Cockpit stürzt in den Wald zwischen Haßloch und Speyerdorf. Vier Besatzungsmitglieder können noch mit Fallschirmen abspringen, bevor die B 17 explodiert. Die fünf anderen Mitglieder der Crew kommen ums Leben.

Zunächst unförmige Klumpen aus Metall und Erde

Juli 2019. Seit dem Absturz des amerikanischen Bombers zwischen Haßloch und Speyerdorf sind fast 75 Jahre vergangen. Tief im Wald arbeiten vier Männer mit einem Metalldetektor, einer Tiefensonde, Schaufeln, Kellen und Spateln auf einer zwei mal sechs Meter großen Fläche. Zentimeterweise graben sie sich in den Waldboden, füllen die Erde vorsichtig in Eimer und schütten sie anschließend durch ein großes rechteckiges Sieb. Zahlreiche Kleinteile aus Aluminium, Plexiglas oder Stoff bleiben in den Maschen hängen. Für den Laien sehen die meisten Bruchstücke aus wie unförmige Klumpen aus Metall und Mutterboden. Experten wie Erik Wieman und Peter Berkel dagegen erkennen auf den ersten Blick, welche kleinen Schätze sie da vor sich haben: „Das gehört zu einem Ventilator, der sich bei einer B 17 im Cockpit befunden hat“, erklärt Wieman. „Brooklyn New York“ kann er auf einem Metallteil entziffern, das in einem Funkgerät verbaut war. Das sind weitere Belege dafür, dass die Stelle gefunden ist, an der am 9. September 1944 eine „Fliegende Festung“ vom Himmel gestürzt ist.

Wieman und Berkel erkunden die Geschichte der Pfalz mit Genehmigung und in enger Zusammenarbeit mit der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE), der zuständigen Denkmalbehörde in Speyer. Ein Schwerpunkt ist dabei die Suche nach Flugzeugwracks aus dem Zweiten Weltkrieg. Die IG Heimatforschung will Schicksale von im Krieg gefallenen Soldaten klären und Angehörigen dabei helfen, Lücken in Familienchroniken zu schließen. So haben Wieman und Berkel zum Beispiel 2017 Teile eines britischen Halifax-Bombers ausgegraben, der im April 1943 beim Erbsengraben zwischen Haßloch und Lachen-Speyerdorf abgestürzt war. Im vergangenen Jahr wurde dort ein Gedenkstein aufgestellt.

Zeitzeuge gibt entscheidenden Hinweis

Dass im Zweiten Weltkrieg auch zwei B 17-Bomber in der näheren Umgebung abgestürzt sind, war bereits bekannt. Eine Maschine kam im Bereich des Speyerdorfer Flugplatzes herunter, dabei überlebten neun von zehn Besatzungsmitgliedern. Und ein anderes Flugzeug dieses Typs war an einer lange Jahre unbekannten Stelle im Wald zwischen Haßloch und Speyerdorf abgestürzt. Im „Missing Air Crew Report“ des US-Verteidigungsministeriums, der sämtliche Abstürze amerikanischer Flugzeuge im Zweiten Weltkrieg dokumentiert, ist nur von einem Absturz „zwischen Mannheim und Karlsruhe“ die Rede.

Einen ersten Hinweis auf die Absturzstelle hatte der 2017 verstorbene Manfred Watta gegeben. Anfang 2018 suchen Wieman und Berkel großflächig das Areal ab, in dem sie Reste der B 17 vermuten. Sie stoßen zunächst auf eine kleine Trümmerstelle, rekonstruieren die Flugrichtung der B 17 bis zum Einschlag des Hauptteils. Die Forscher sind sicher, dass sie auf der richtigen Spur sind. Aber der entscheidende Hinweis kommt nach einem Zeitzeugen-Aufruf in der RHEINPFALZ. Der damals 85-jährige Mußbacher Karl Wiedemann meldet sich: Er glaubt zu wissen, wo ungefähr die B 17 liegt. Denn nach dem Krieg hat er als Waldarbeiter immer mal wieder Teile gefunden, die zu einem Flugzeug gehören könnten.

Wieman und Berkel werden sofort hellhörig. Zusammen mit Wiedemann fahren sie tief in den Wald hinein. Tatsächlich erkennt der Zeitzeuge nach einigem Suchen die Stelle, an der die „Fliegende Festung“ heruntergekommen sein muss. Einige Tage später kehren die Forscher mit ihren – privat finanzierten – Geräten zurück. Metalldetektor, VLF-Gerät, Magnetometer und Pin-Pointer kommen dabei unter anderem zum Einsatz. Und sie werden fündig: Ein Stück Plexiglas, trüb durch Einwirkung von Feuer. Patronenhülsen und Munition, die in einem Feuer explodiert ist und weggeschleudert wurde. Und schließlich immer mehr Signale der Metalldetektoren, die auf Aluminium hinweisen – das Metall, aus dem Flugzeuge gebaut sind. Die Absturzstelle ist gefunden.

Funde lassen an Schicksale der Flieger denken

In den vergangenen zwölf Monaten haben die Aktiven der IG Heimatforschung an mehreren anderen Orten in der Pfalz nach Flugzeugwracks gesucht. Jetzt haben auf dem schwer erreichbaren Areal im Wald zwischen Haßloch und Speyerdorf mit den Ausgrabungsarbeiten begonnen. Wo sich der Absturzort befindet, wollen Wieman und Berkel nicht öffentlich preisgeben. Aus gutem Grund, denn sie wollen verhindern, dass „Hobby-Archäologen“ angelockt werden.

15 Zentimeter tief dürfen die Heimatforscher in den Waldboden graben. Für alle Funde, die seit 75 Jahren tiefer in der Erde schlummern, ist die Bodenarchäologie der GDKE zuständig, die über das weitere Vorgehen entscheiden wird. Aber auch schon in der obersten Schicht fördern Adrian Bügel und Heiko Zech, die heute mitarbeiten, zahlreiche Relikte des amerikanischen Bombers zu Tage. Viele Kleinteile wie Schrauben, Haken oder Chaff – das sind Kunstfasern, die im Zweiten Weltkrieg zur Radartäuschung entwickelt wurden – zeigen Brandspuren und sind mit Erde richtiggehend „verbacken“. Der Beobachter staunt: Nach einer ersten groben Reinigung können die Experten praktisch alle Funde zuordnen. Ein unscheinbares Stück Metall identifiziert Wieman als Teil eines Patronengurts, flache Plättchen gehörten einmal zu einer Splitterschutzweste, ein unscheinbares Rädchen muss im Funkgerät der B 17 verbaut worden sein. Bruchstücke aus dickem Plexiglas sind Fragmente der markanten Geschütztürme. Und die Forscher machen auch Funde, die an das Schicksal der Besatzung denken lassen: Sie stoßen auf den Griff eines Fallschirms, die Schnalle eines Sicherheitsgurts, Reste eines Handschuhs und sogar auf ein Schuhfragment. Die zahlreichen Funde, die sich dem Cockpit der B 17 zuordnen lassen, belegen: Genau hier ist der Hauptteil des Flugzeugs auf dem Waldboden aufgeschlagen.

Ein Lebenszeichen aus Detroit

Was aus den überlebenden Besatzungsmitgliedern geworden ist, versucht die IG Heimatforschung zu klären. Vier Flieger sprangen kurz vor dem Absturz mit Fallschirmen ab und wurden gefangen genommen. Die fünf toten Soldaten sollen zunächst in Mußbach begraben, nach dem Krieg exhumiert und umgebettet worden sein. Mit den Angehörigen des Kugelturmschützen Donal H. Laird, der beim Absturz ums Leben gekommen ist, besteht bereits Kontakt.

Wie in Deutschland sucht die IG Heimatforschung auch in den USA über Aufrufe in den Medien nach Nachfahren. Da ein Besatzungsmitglied, der Second Lieutenant Richard F. Klein, aus Detroit (Michigan) stammt, hat Erik Wieman eine örtliche Zeitung kontaktiert, die darüber berichtet hat. Das wiederum griff der Fernsehsender Fox 2 Detroit in einem Beitrag auf. Eine Ahnenforscherin sah die Sendung und begann zu recherchieren.

Und vor wenigen Tagen hat Wieman die Nachricht bekommen: Richard F. Klein lebt. Er ist 97 Jahre alt. Nach dem Absprung aus dem Flugzeug hat er die drei anderen überlebenden Kameraden nie wieder gesehen. Er wurde nach dem Absprung gefangen genommen, war als Kriegsgefangener im Stammlager (Stalag) Luft 1 in Barth im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Nach dem Krieg hat er versucht, die noch drei lebenden drei anderen Besatzungsmitglieder und die Familien der fünf toten Kameraden zu kontaktieren. Ohne Erfolg. Wieman: „Heute, 75 Jahre später, werden wir das nachholen.“

Interessanter Fund: Bauteil eines Funkgeräts der B 17. Foto: mehn
Interessanter Fund: Bauteil eines Funkgeräts der B 17.
75 Jahre im Waldboden verborgen: Griff eines Fallschirms.  Foto: mehn
75 Jahre im Waldboden verborgen: Griff eines Fallschirms.
Relikt aus dem Cockpit: Typenschild eines Ventilators. Foto: mehn
Relikt aus dem Cockpit: Typenschild eines Ventilators.
Die Besatzung der „Strictly GI“, hier vor einer anderen als der abgestürzten B 17, kniend Zweiter von rechts ist Richard F. Klei
Die Besatzung der »Strictly GI«, hier vor einer anderen als der abgestürzten B 17, kniend Zweiter von rechts ist Richard F. Klein, damals 22 Jahre alt.
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