Neustadt Gebärden, Bilder, Tablets: Wie in der Kita Regenbogen Sprache möglich wird

Sprache lernen mit Tieren: Logopädin Birgit Knoll bei der Arbeit in der Kita Regenbogen.
Sprache lernen mit Tieren: Logopädin Birgit Knoll bei der Arbeit in der Kita Regenbogen.

Logopädin Birgit Knoll fördert Sprache mit klaren Abläufen, Gebärden und digitalen Hilfen. Kleine Fortschritte stärken Selbstvertrauen und öffnen Wege zur Kommunikation.

Birgit Knoll ist Logopädin in der integrativen Kindertagesstätte Regenbogen in Lachen-Speyerdorf. Sie hilft Kindern mit Beeinträchtigungen in ihrer Sprachentwicklung. Ihr Arbeitsfeld ist groß, denn von den 37 Kindern mit Entwicklungsstörungen in der Kita können rund zwei Drittel nicht oder nur wenig sprechen. Insgesamt besuchen 69 Kinder in sechs Gruppen die Einrichtung. Drei Gruppen sind integrativ und setzen sich aus zehn bis elf nicht beeinträchtigten Kindern und vier bis fünf Kindern mit Förderbedarf zusammen. In den drei weiteren Gruppen sind jeweils acht Kinder mit Beeinträchtigung, für die Lautstärke und Reizüberflutung schwierig und nicht erträglich sind.

Damit Kinder Sprache erlernen können, müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein. Die Mundmotorik muss die Formulierung von Lauten ermöglichen. Das Sprechen an sich wird durch Imitation erlernt. Doch dies setzt voraus, dass Imitation für das Kind als Option überhaupt infrage kommt. „Dafür ist zunächst die Wahrnehmung von ,Ich’ und ,Du’ erforderlich“, sagt Knoll, die seit 23 Jahren in der Einrichtung als Logopädin tätig ist.

Das Gegenüber wahrnehmen lernen

Es müsse geübt werden, dass ein anderer Mensch interessant genug ist, um die Aufmerksamkeit auf ihn zu richten. Das sei häufig bei autistischen Kindern eine Herausforderung. Erst wenn der andere wahrgenommen werde, könne die Bereitschaft zur Nachahmung geweckt werden. Auch die Erfüllung von Wünschen helfe beim Bestreben, sich zu äußern. Knoll nennt ein Beispiel. „Wenn ich Seifenblasen puste, weiß ich, dass das Kind dies mag. Ich muss vermitteln, dass ich nur dann weitere Seifenblasen entstehen lasse, wenn ich vom Kind dazu aufgefordert werde“, sagt die Fachfrau.

Eine Geste genüge, was zeige, dass der kausale Zusammenhang verstanden wurde. Das sei ein erster Schritt zur Entwicklung von Kommunikation, auch wenn das Kind noch keinen Satz formulieren könne. Gebärden und Bilder werden in der Kita von allen, sowohl Erzieherinnen als auch den Kindern, eingesetzt und verstanden, damit diejenigen mit Sprachstörungen überhaupt kommunizieren können.

„Die unterstützte Kommunikation durch Gebärden ist sehr hilfreich“, sagt Knoll. Rund 200 Gebärden stehen aus der allgemeinen Sammlung zur Verfügung. Manchmal erfinden Kinder auch eigene. Gebärden ersetzen nicht die Sprache, sondern erleichtern die Verständigung und unterstützen so den Spracherwerb, denn sie sind leichter zu erlernen als die Lautsprache. „Wir haben beobachtet, dass mit der Zunahme der expressiven Sprache der Gebrauch von Gebärden abnimmt oder sogar verschwindet.“

Wünsche und Bedürfnisse äußern

Mit der Fähigkeit, Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, verbessere sich das Sozialverhalten, was für die Teilhabe an der Gesellschaft unerlässlich sei. Dabei helfe auch der Einsatz von Bildern. Im Portfolio der Logopädin finden sich viele Bilder, die Gegenstände zeigen, aber auch Gefühle oder Handlungen darstellen. So kann beispielsweise der Ablauf einer Therapiestunde dem Kind verdeutlicht werden. „Ich habe Bilder von Sprechübungen und vom Spielen. Was gespielt werden soll, darf sich das Kind anhand von Bildern aussuchen. Die passende Bildkarte wird herausgesucht und auf den aktuellen Therapieplan gelegt. Um zum Spielen zu kommen, muss erst gearbeitet werden, und ich suche die Karten der Übungen heraus“, erklärt die Logopädin.

Damit wird dem Kind klar, wie sich die nächsten 45 Minuten zusammensetzen; ein verlässlicher Ablauf, der auch die Wünsche des Kindes einbezieht. Das sei besonders wichtig für Kinder mit Sprachproblemen, sagt Nicole Sowa, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der Lebenshilfe. „Klare Vereinbarungen helfen besonders denjenigen, die nicht in der Lage sind, um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zu diskutieren“, weiß sie.

Mit Tierspiel, Tablet und großen Buchstaben

Knoll erzählt von einer Mutter, die Bilder von Lebensmitteln einsetzt, womit ihr Kind seine Essenswünsche äußert. „Das war bis dahin immer ein Kampf um die Mahlzeiten“, sagt sie. Neu ist der Einsatz von Tablets, die mit speziellen Programmen das Einüben von Begriffen fördern und wiederum bei der Kommunikation mit anderen hilfreich sind.

Knoll zeigt ein Programm mit Tiermotiven. Das Kind berührt zunächst eine Taste, woraufhin die Formulierung „Ich möchte …“ ertönt. Dann wählt das Kind ein Tiermotiv auf der Oberfläche, das per Lautsprecher benannt wird. Knoll reicht dem Kind die entsprechende Tierfigur, die das Kind in das zugehörige Fach mit gleichem Motiv einordnen soll. Die mehrmalige Nennung des Tieres prägt sich mit der Zeit ein. „Es sind häufig nur winzige Fortschritte, die wir erzielen. Aber es sind Etappen auf einem manchmal langen Weg“, erklärt die Expertin.

Manchmal kommen großformatige Buchstaben zum Einsatz, die sich die Kinder mit Ausspracheschwierigkeiten merken und bei Bedarf erinnern können. Die Kinder mit Förderbedarf kommen in der Regel einmal pro Woche zu Birgit Knoll. Vor der Einschulung sei der Bedarf und damit die Frequenz in einigen Fällen höher. Doch manchmal braucht ein Kind eine Logopädie-Pause, weil andere Förderungen wie Ergo- oder Physiotherapie dringender seien. „Wir entscheiden immer zugunsten des Kindes“, sagt Knoll und weist auf die enge Zusammenarbeit mit den Erzieherinnen der Einrichtung hin.

In den Osterferien stehen in der Kita Regenbogen bauliche Veränderungen an, denn aufgrund der Neuregelung des rheinland-pfälzischen Kindertagesstättengesetzes aus dem Jahr 2021 muss eine eigenständige logopädische Praxis mit Kassenzulassung eingerichtet werden. Die Lebenshilfe Neustadt hat sich entschlossen, diese in die Kita zu integrieren, jedoch mit separatem Eingang für externe Patienten. Laut Vorsitzendem Heinz Busch gibt es konkrete Überlegungen, eine weitere logopädische Kraft einzustellen, die sowohl die Arbeit von Knoll unterstützen soll und langfristig auch übernehmen kann. „Das spezielle Wissen über die Arbeit mit beeinträchtigten Kindern lernt man in dem notwendigen Umfang nicht in der allgemein üblichen Ausbildung, sondern durch langjährige Erfahrung mit den Kindern“, sagt die 61-jährige Knoll, die ihr Wissen gerne weitergeben will.

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