Neustadt
Gauhauptstadt Neustadt – ein ziemlich zähes Provisorium
Wien, Hamburg, Köln, Essen, Frankfurt, Stuttgart, Breslau, Königsberg – was diese Städte gemeinsam haben? Sie sind groß – und sie fungierten während des Dritten Reichs als „Gauhauptstädte“, als regionale Herrschaftszentren der NSDAP, „die in ihrer symbolischen und politischen Bedeutung lediglich noch durch die sogenannten ,Führerstädte’ übertroffen“ wurden, also etwa von Berlin als Reichshauptstadt, München als „Hauptstadt der Bewegung“ oder Nürnberg als Ort der Reichsparteitage, wie Markus Raasch in der Einleitung zum gerade erschienenen Sammelband „Volksgemeinschaft in der Gauhauptstadt“ erläutert, der die Rolle Neustadts in der NS-Zeit aufarbeitet. 33 solcher „Hauptstädte“ wurden 1925, also lange vor der sogenannten Machtergreifung, deutschlandweit etabliert. 1941, nachdem man große Gebiete Mitteleuropas, allen voran Österreich, „heim ins Reich“ geholt hatte, kamen noch zehn weitere dazu.
Speyer zu katholisch, Ludwigshafen zu links
Unter all diesen Städten nimmt sich Neustadt, das 1927 offiziell zur Hauptstadt des NSDAP-Parteigaus Rheinpfalz ausgerufen wurde, allerdings in mehrfacher Hinsicht merkwürdig aus: Es war mit seinen damals rund 22.000 Einwohnern nicht nur die kleinste Stadt, der diese „Ehre“ zuteil wurde (sogar das niederösterreichische Krems als Sitz des Gaus Niederdonau brachte noch etwa 1000 Menschen mehr „auf die Waage“), sondern unter den Kleineren auch die einzige, die nicht als Ersatz für „Manpower“ zumindest eine historisch gewachsene politische Bedeutung nachweisen konnte. „Die Rolle als Gauhauptstadt war Neustadt nicht in die Wiege gelegt“, schreiben Franz Maier und Martin Hanisch denn auch in ihrem Beitrag zum Profil der Neustadter NSDAP, in dem sie auch auf die „Hauptstadt-Frage“ eingehen.
Tatsächlich prädestinierte Neustadt als damals gerade einmal siebt-größte Kommune der Pfalz im Grunde nichts für diese Funktion – Gauleitungen wurden traditionell in den Städten errichtet, „in denen auch die Zentren der staatlichen Verwaltung, die Landes- bzw. Bezirksregierungen, ihren Sitz hatten“, so Maier/Hanisch. Das wäre im Falle der Pfalz Speyer gewesen – doch erschien die Domstadt den Nazis wohl zu katholisch und zu bayerisch geprägt, genauso wie die Industriemetropole Ludwigshafen, schon damals die größte Stadt im Regierungsbezirk, ihnen zu „links“ war. Warum aber dann ausgerechnet Neustadt? Als die Entscheidung 1927 fiel, bestand in der Stadt gerade einmal seit zwei Jahren eine eigene NSDAP-Ortsgruppe – anders als in Ludwigshafen, Frankenthal, Zweibrücken, Pirmasens und Landau, wo die „Braunen“ schon seit 1922/23 präsent waren. Auch die Wahlergebnisse an der Mittelhaardt fielen für die Nazis bis 1927 eher schlecht aus.
Volksschullehrer Bürckel wollte wohl nicht pendeln
Der wichtigste Grund, dass schließlich doch Neustadt den „Zuschlag“ erhielt, ist, so Maier/Hanisch, in der Person des Gauleiters Josef Bürckel begründet. Der war im Brotberuf Lehrer und 1927 gerade von Rodalben an die Volksschule Mußbach gewechselt. Im Neustadter Raum konnte er bereits auf eine gewisse nationalsozialistische Infrastruktur zurückgreifen – zum Beispiel erschien das Hetzblatt „Eisenhammer“ im Verlag der „Talpost“ in Lambrecht. Auch Bürckels Stellvertreter Ernst Ludwig Leyser lebte in der Nähe. Vor allem aber passte das protestantisch-bürgerliche Neustadt, wie Markus Raasch zusammenfasst, einfach perfekt zu dem, was der Gauleiter für die Inszenierung jenes „,ehrlichen’ pfälzischen Volkssozialismus“ brauchte, der ihm vorschwebte. Die Barbarossa-Stadt Kaiserslautern hätte sich dafür auch geeignet, doch wollte der Volksschullehrer vermutlich nicht pendeln.
So wurde Neustadt 1927 Wohn- und Dienstort des Gauleiters – und blieb es über alle Veränderungen hinweg de facto bis 1945. „Es waren innerparteiliche Entwicklungen ..., die dazu führten, dass Neustadt Sitz der Gauleitung wurde. Ein stringenter Plan war damit nicht verfolgt worden“, bringen Franz Maier und Martin Hanisch ihre Erkenntnisse auf den Punkt. Die erste Gaugeschäftsstelle lag übrigens in der Goethestraße 8, die erst im Zuge der Eingemeindungen zur Alban-Haas-Straße wurde.
Was bedeutete es für Neustadt aber nun konkret, Gauhauptstadt zu sein? Zunächst einmal einen enormen politischen Bedeutungszuwachs. Zwar blieb Speyer auch nach 1933 weiter Sitz der Kreisregierung. Die von Bürckel angestrebte Loslösung von Bayern gelang nicht – oder zumindest nicht vollständig. Doch verlagerte sich das Machtgefüge mehr und mehr zur Partei – und damit nach Neustadt. „Von hier aus koordinierte die NSDAP ihren Weg zur Macht in der Region, von hier aus managte Josef Bürckel den ,Abstimmungskampf’ in der Saarfrage, hier war spätestens 1937 mit der Einrichtung einer Staatspolizeistelle der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) das Epizentrum des regionalen Verfolgungs- und Repressionsapparats“, resümiert Raasch. Daher muss Neustadt auch für immer mit dem Makel leben, dass von hier aus die „Bürckel-Wagner-Aktion“ und damit die regionale Koordination der Shoah ihren Ausgang nahm.
Großkotzige Bauten blieben Neustadt erspart
Ganz praktisch bedeutete der Status Gauhauptstadt eine für eine Stadt dieser Größe ungewöhnliche Dichte an Partei-Veranstaltungen und eine hohe Konzentration von Parteistellen. Allerdings führte dies zu keiner großen Steigerung der Einwohnerzahl, die 1939 immer noch bei nur 23.941 lag. „Hochtrabende Bauvorhaben wie in anderen Gauhauptstädten existierten nicht“, schreibt Raasch – mit Ausnahme eines Weindorfs, das auf Wunsch Bürckels als eine Art „Führerpfalz“ auf dem Vogelsang errichtet werden sollte. Das gesellschaftliche Leben in Neustadt habe sich zwischen 1933 und 1945 auch nicht grundsätzlich von dem anderer deutscher Städte unterschieden – allerdings sei der Nationalsozialismus hier, wie verschiedene Parameter zeigten, stark verankert, die Propaganda sehr rege und die Segregationspolitik gegenüber Juden und anderen Opfergruppen besonders rigoros gewesen.
Eine weitere Besonderheit der Gauhauptstadt Neustadt bestand darin, dass sich ihr administrativer Zuständigkeitsbereich im Laufe der Jahre sogar noch deutlich erweiterte. Dies hat mit der Ausweitung des Gaus nach Westen zu tun, mit dem sich in dem Sammelband der Mainzer Historiker Matthias Gemählich befasst. Zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme war Bürckels Gau noch deckungsgleich mit der bayerischen Pfalz. Nach der Saarabstimmung 1935 kam das nun wieder an das Deutsche Reich angeschlossene Saargebiet dazu, und das Ganze firmierte nun als Gau „Saarpfalz“. Trotzdem blieb, wie Gemählich aufzeigt, die Gauleitung mit sämtlichen Dienststellen und Parteigliederungen in Neustadt ansässig.
Zwar drohte der Stadt der Verlust ihres Status, als der Bürckel-Intimus Richard Imbt 1938 als Oberbürgermeister von Neustadt nach Kaiserslautern wechselte, doch verhinderte letztlich der Kriegsausbruch 1939 den Umzug in die Westpfalz. Und nach der Niederlage Frankreichs und der De-facto-Annexion des Départements Moselle setzte sich die Expansion sogar noch fort. Das neue Konstrukt erhielt nun den Namen „Westmark“ mit Saarbrücken als Hauptstadt, allerdings verließen bei weitem nicht alle Parteiinstanzen die Weinstraße. Dienstvilla des Gauleiters, der sein Gebiet glatt verdoppelt und nun 2,6 Millionen Menschen unter sich hatte, statt wie früher eine Million, blieb weiter die Villa Böhm.
5000 französische Faschisten in der Stadt
So kam es auch, dass sich Neustadt im Spätsommer 1944 „kurzzeitig zu einem der maßgeblichen Schauplätze der nationalsozialistischen Frankreich-Politik“ entwickelte, wie Gemählich schreibt, als Bürckel damit begann, den französischen NS-Kollaborateur Jacques Doriot zu protegieren und angeblich 5000 französische Faschisten an der Haardt einquartiert wurden. Auch dass der spätere französische Ministerpräsident und Europa-Politiker Robert Schuman (beileibe kein Faschist!) 1941/42 ausgerechnet im Kurhaus Kohler im Hausarrest festsaß, erklärt sich unmittelbar aus Neustadts Funktion als regionalem Machtzentrum der NS-Diktatur.
Nun gut, könnte man sagen, und was hat das alles mit unserer Gegenwart zu tun? Mehr als man glaubt, lässt sich nach Lektüre der genannten Aufsätze in dem Sammelband festhalten. Denn auch dass Neustadt nach 1945 als „Behördenstadt“ so gut im Geschäft blieb – zunächst als Sitz der pfälzischen Bezirksregierung und später der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd – ist letztlich eine Folge des 1927 von Bürckel situationsbedingt geschaffenen Provisoriums der Gauhauptstadt Neustadt.