Neustadt
Gabriele Weingartner stellt ihren neuen Roman in der Neustadter Stadtbücherei vor
Eigentlich war Léon gegen Ende des ersten Teils seiner schon Jahrhunderte währenden Existenz als Unsterblicher ja in die Schweiz gereist, um endlich – der ewigen Jugend überdrüssig – hochprofessionell zu sterben. Kriegte dann aber, etwas salopp formuliert, doch die Kurve nicht. Und beschloss, sich neuerlich auf das Abenteuer Leben einzulassen. Davor hatte die ungemein produktive Roman-Autorin und hochgeschätzte RHEINPFALZ-Literaturkritikerin Gabriele Weingartner ihren Helden, geboren 1780, kleinwüchsig, mit ewiger Jugend und angenehmem Äußeren ausgestattet, „in zeitloser Unruhe“ auf die Reise durch die Weltgeschichte geschickt. Und da, wo er am Ende des ersten Bands landete, im beschaulichen Städtchen Chur, wird nun auch die Wende hin zum „Abschied von der Unendlichkeit“ eingeleitet.
Léon erlernt erneut eine Fähigkeit zwischen edlem Handwerk und Genialität
Weingartner spinnt den Faden fort, holt ihren Léon ins Hier und Jetzt, lässt ihn – in der Spur seiner über die Jahrhunderte währenden Existenz – erneut eine „Fertigkeit“ erlernen, die Maßschneiderei, die wie alle seine sich über zahllose Dekaden verteilenden Professionen eine Mixtur aus edlem Handwerk und Genialität darstellt – und ebenso exklusiv wie aus der Zeit gefallen erscheint.
Und auch das fantastisch facettenreiche Personal von einst bevölkert teilweise wieder das Bühnen-Panoptikum, sei es real, in Träumen oder Erinnerungen des Helden. Vielleicht hier erst, mit der Ankunft des Protagonisten in der Aktualität des realen Jetzt entschlüsselt sich in blendender Klarheit, dass Léons vormaliges Wabern durch die Epochen mit ihren Kriegen und Irrtümern, seinen persönlichen Verstrickungen, seinem Scheitern, seinem erneuten Aufbruch und seinem unbelehrbaren Perpetuum hin auf die nächste Katastrophe als Metapher für die Menschheitsgeschichte schlechthin taugt.
Die Eloquenz der Erzählung fasziniert
Es ist die Ambivalenz von Realität und Fiktion, die Weingartners Plot spannend durchzieht und auch am Ende nicht wirklich auflösend beantwortet haben will. Dass auf dem Weg dahin vor allem die Eloquenz der Erzählung fasziniert, das oft sehr detailverliebte, aber voller Witz und Süffisanz servierte Baden im szenischen Ambiente geradezu filmische Kopfbilder erzeugt, macht die Lektüre, ungeachtet ihrer fundamentalen Botschaft, schlicht unterhaltend.
Als große tragende Gestalten bestimmen neben Léon selbst zwei höchst unterschiedliche Charaktere das Narrativ, sind eng verwoben mit dem Lauf der Handlungsstränge: Léons Lehrmeister im Atelier Adam, Tomasz Wrobel, und der heute fast in Vergessenheit geratene Autor Wolfgang Hildesheimer, der Mitte der 1970er Jahre durch seine psychoanalytische Mozart-Biographie höchst umstritten, aber in aller Munde war. Und in dessen Werk sich auch das Motiv der „realen Fiktion“ findet.
Sprachliebhaber kommen hier auf ihre Kosten
Die Autorin las in der Neustadter Stadtbücherei indes drei Passagen, die sehr eindrücklich das atmosphärische Potential, die situative und höchst suggestive Aura szenischer Verdichtung beschreiben. Léons Tuchfühlung mit dem seiner künftigen Wirkungsstätte, der Manufaktur, angeschlossenen exklusiven Laden ist ein echtes literarisches Kabinettstück. Und für Sprachliebhaber, die ein brillant geformtes mehrteiliges Konstrukt und pointierte Begrifflichkeit der oft als „barrierefrei“ bejubelten öden Schlichtsprache unserer Tage vorziehen, ein wahres Dorado.
Ansonsten neigt sich Léons zeitlose Zeit dem Ende zu. Ihn plagen die Chimären der Vergangenheit, er (alp-)träumt von all den bösen Niederlagen, die Schatten der Depression schüttelt er jedoch ein ums andere Mal ab. Nimmt auch jene kostbare Uhr seines Vaters, einst im Hotel Schneeleopard deponiert, wieder im Empfang. Und beginnt zu wachsen, zu altern – ein schmerzhafter Prozess. Mehr sei nicht verraten.
Lesezeichen
Gabriele Weingartner: Léon St. Clairs Abschied von der Unendlichkeit. Limbus Verlag, gebunden, 368 Seiten, 22 Euro.