Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Elternprotest bei Kundgebung: „Kinderschutz ist unverhandelbar“

Aus Berlin angereist: Carsten Stahl von der Initiative „Stoppt Mobbing“.
Aus Berlin angereist: Carsten Stahl von der Initiative »Stoppt Mobbing«.

Knapp zwei Wochen nach dem Fall Edenkoben demonstrieren in Neustadt Eltern und Großeltern für mehr Schutz vor sexuellem Missbrauch. Am Böbig berichtet dabei auch ein früheres Opfer. Seine Botschaft: Man kommt da wieder raus.

Ein bisschen enttäuscht ist Mareike Döring dann doch: Etwa 1000 Teilnehmer hatte sie sich erwartet, rund 250 sind es nach Einschätzung der Polizei tatsächlich. Doch diese hören gut zu, haben viele Plakate mitgebracht und geizen nicht mit Applaus, als sich am Sonntagnachmittag auf dem Parkplatz am Bahnhaltepunkt Böbig alles um mehr Schutz von Kindern vor sexuellem Missbrauch dreht.

Döring hat drei Kinder im Alter von drei bis 17 Jahren. In Neustadt aufgewachsen, lebt die 37-Jährige seit neun Jahren in Edenkoben. Die dortige Entführung eines Schulkinds hat sie sozusagen hautnah miterlebt. „Wir haben noch vor der Freilassung des mutmaßlichen Täters gewarnt, haben ihn beobachtet, haben uns dafür zusammengetan, haben die Polizei informiert, wurden aber gefühlt nicht ernstgenommen“, sagt sie zum Auftakt der von ihr organisierten Kundgebung.

„Stetige Überwachung“

Was sie und auch andere Eltern besonders umtreibt: „Täterschutz zählt mehr als Opferschutz.“ Das macht Döring an der elektronischen Fußfessel fest, die in Rheinland-Pfalz derzeit nicht unter Zwang angelegt werden darf. Ihre Forderungen: ein härteres Durchgreifen gegenüber den Tätern, ihre stetige Überwachung durch alle Behörden und die Digitalisierung der Justiz, damit eine Anklage samt Untersuchungshaftbefehl nicht mehr auf dem Postweg Tage braucht, um bei der richtigen Adresse zu landen.

Das ist auch im Sinn eines Neustadter Elternpaars, das an der Kundgebung teilnimmt. „Wir stehen hier für unsere Kinder, damit sie besser geschützt werden“, sagen sie im RHEINPFALZ-Gespräch. Zusammen mit anderen Eltern müsse die Politik wachgerüttelt werden. Zwar gebe es keine letzte Sicherheit, doch könnten die Schutzmechanismen deutlich verbessert werden: „Wiederholungstäter muss man im Griff haben.“ Ansonsten hätten Kinder kaum eine Chance, Selbstständigkeit zu lernen.

Gesetze besser anwenden

Über eine halbe Stunde steht Carsten Stahl am Mikrofon. Der ehemalige Schauspieler aus Berlin ist mit seiner 2014 zum Schutz von Kindern gegründeten Initiative „Stoppt Mobbing“ bundesweit bekannt geworden, ist aber auch nicht unumstritten. In Neustadt fordert er die Menschen dazu auf, „aufzustehen und die Stimme zu erheben“, denn Kinderschutz sei unverhandelbar. Seine Ansage an die Politik: „Es darf nicht nur darüber geredet werden, wenn etwas passiert ist.“ Es gebe harte Gesetze, diese würden aber oft nicht angewandt. Dass im Fall Edenkoben nicht das Allerschlimmste passiert sei, sei der Polizei zu verdanken, die den Mann kurz vor der französischen Grenze gestoppt habe.

Stahl spricht von 48 Kindern, die täglich in Deutschland sexuell missbraucht würden. Dazu hatte nach eigenen Angaben als Kind auch Nino gehört. Heute ist er Mitglied von „Bikers Against Child Abuse“, einer Motorradfahrer-Organisation, die sich für den Kampf gegen Kindesmissbrauch einsetzt. „Man kommt da wieder raus“, sagt Nino – „wenn man Menschen hat, die zuhören, und man so früh wie möglich Hilfe bekommt.“ Dabei spielten die Eltern eine wichtige Rolle. Sie müssten ihre Kinder so stark machen, dass diese sich schützen könnten und keine Angst davor hätten, sich an sie zu wenden. Und dann, so Nino, müsse alles dafür getan werden, „dass sie ihr Leben wieder leben können“.

Weiterer Einsatz

Mareike Döring will sich weiter für mehr Kinderschutz einsetzen. Sie baut dabei auch auf zwei Vertreter aus Bundes- und Landespolitik, die auf der Kundgebung vertreten sind. „Wir nehmen das mit“, versprechen Johannes Steiniger (CDU) und Claus Schick (SPD). Der eine nach Berlin, der andere nach Mainz.

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