Neustadt „Ein zweischneidiges Schwert“
In deutschen Kreißsälen wird es eng. Die Geburtenraten steigen, doch einer Mitteilung des Deutschen Hebammenverbandes zufolge haben beinahe die Hälfte aller Geburtskliniken Schwierigkeiten, offene Hebammenstellen zu besetzen. Der Bundesrat hat daher beschlossen, die Arbeitssituation der Hebammen zu verbessern. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will jetzt die Ausbildung als duales Studium auf internationalen Standard heben. Auch Maike Führer aus Maikammer ist Hebamme. Die zweifache Mutter stammt aus Kiel, ist das älteste von fünf Kindern, „da ist die Hebamme bei uns ein- und ausgegangen“. Hebamme „ist schon immer mein Berufswunsch gewesen“, sagt sie. Den hat sie ganz zielstrebig verfolgt und nach dem Abitur ihre Ausbildung in der Geburtshilfe gemacht. „Damals kamen noch 3000 Bewerberinnen auf eine Hebammenschülerinnenstelle“, erinnert sie sich. Nachdem sie 2999 Mitbewerberinnen aus dem Feld geschlagen hatte, lernte sie an der Hebammenschule in Bergisch-Gladbach bei Köln. Die Schulen waren jeweils an Krankenhäuser angebunden; drei Jahre lang, bis 2005, erwarb sie dort bis zum staatlichen Abschlussexamen in Blockunterricht und Praxis Kenntnisse unter anderem im der Gynäkologie, im Kreißsaal und auf der Wochenstation, assistierte auch bei Operationen. Bei freiberuflichen Hebammen und in Geburtshäusern lernte Führer Abläufe kennen, die in Geburtskliniken nicht möglich sind. Auch Geburtsvorbereitung und Nachbereitung gehören zu ihrem Fachbereich. Nun sei die Ausbildung in vielen Fällen „schon ein Studium, kein Handwerksberuf mehr“. Die Schülerinnen würden in Modulen unterrichtet und seien in Speyer beispielsweise an die Hochschule in Ludwigshafen angebunden. Sollte die Ausbildung zur Hebamme, so wie Jens Spahn kürzlich vorgeschlagen hat, generell ein duales Studium werden, sieht Maike Führer das als „ein zweischneidiges Schwert“. Die Ausbildung würde sich mit dem Bachelor an Forderungen auch der EU ausrichten. Es würden sicher in der Theorie mehr wissenschaftliche und betriebswirtschaftliche Kenntnisse vermittelt, so Führer. Auf keinen Fall dürfe die praktische Seite vernachlässigt werden. Der Bachelor könne eine längere Ausbildungszeit nötig machen. „Und die Leute ohne Abitur fallen schon mal raus.“ Dass, wie der Bundesrat es unterstützen will, in den Kliniken eine Schwangere bei der Geburt nur von einer einzigen Hebamme betreut werden solle, sei „wohl nur eine Empfehlung“, sagt Führer. Geburten könnten nun mal länger dauern als ein Acht-Stunden-Arbeitstag. Und: „Woher sollen die das Personal nehmen?“ Schon jetzt, so der Hebammenverband, arbeiten nur noch 20 Prozent der Hebammen in Vollzeit. Auch Maike Führer. Hebamme ist ein Frauenberuf, betont sie. Frauen, auch Hebammen, bekommen die Kinder und bleiben dann eher daheim. „Sie haben eh schon eine Sieben-Tage-Woche.“ Um ihren Beruf und die Familie unter einen Hut zu bringen, arbeitet sie selbst seit der Geburt der beiden Kinder in Teilzeit 16 Stunden pro Woche als Hebamme in der evangelischen Diakonissenanstalt in Speyer. Da lobt sie das eingespielte Team und die Zusammenarbeit. Seit einigen Jahren übernimmt sie als „selbstständige Hebamme im Nebenjob“ Vorsorge und Nachsorge, hat eine Zusatzausbildung in Akupunktur gemacht und bietet Rückbildungskurse an. Für die Familie ein paar Jahre auszusteigen, sei für sie undenkbar gewesen. „Die Medizin macht so rasche Fortschritte, dass man das nicht reinholen kann.“ Auch die Standards in den Kliniken änderten sich immer wieder. Hausgeburten als selbstständige Hebamme zu übernehmen, lohne sich aufgrund der hohen Versicherung für sie nicht. Die Kolleginnen, die in Vollzeit in Kliniken arbeiten, beneide sie als Mutter nicht. „Da sind Dienste über 14 Tage auch normal“. Und wenn ein Dienst zu Ende sei, müsse die Arbeit dokumentiert werden, was häufig erst nach der regulären Dienstzeit passieren könne. Führer, die sich über mangelnde Aufträge nicht beklagen kann, hat den für sich und ihre Familie richtigen Weg gefunden, auch indem sie gesehen hat, was man selbst leisten kann: „Der Beruf geht nicht nur an die körperliche, sondern auch an die seelische Kraft.“ Doch sie liebt ihn mit all seiner Vielseitigkeit und findet es immer wieder „wunderbar, jemanden beim Start ins Leben zu begleiten“.