Neustadt Ein einzigartiges Brauchtum
Das historische Hansel-Fingerhut-Spiel, das seit über 200 Jahren im Winzerdorf Forst Tradition hat, wird am kommenden Sonntag gefeiert. Diesmal aber ist es aufgewertet: Immerhin ist es Ende 2016 offiziell in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der deutschen Unesco-Kommission aufgenommen worden.
Die Unesco ist die Bildungsorganisation der Vereinten Nationen. Diese besondere Form des Brauchtums, des „Stabaus“, immer zum Lätare-Sonntag, drei Wochen vor Ostern, hat sich über Jahrhunderte gehalten. Das Unesco-Expertenkomitee würdigte das Hansel-Fingerhut-Spiel als „generationsübergreifende und dynamische kulturelle Praxis, die eine hohe identitätsstiftende Wirkung hat. Es sei bemerkenswert, wie die Forster Bürger eingebunden sind“. Das Spiel auf offener Straße besteht aus der Darstellung des Streites zwischen Sommer und Winter sowie dem Treiben der illustren Figur des Hansel-Fingerhut im Flickenkleid, begleitet von dem Henrich-Fähnrich, dem Scherer und der Nudelgret. Der Winter (unter einem Strohkegel) und der Sommer (unter einem Efeukegel) führen mit Holzsäbeln einen symbolischen Kampf auf, den der Fähnrich als Landsknecht, mit Federhut und Säbel kostümiert, zu Gunsten des Sommers schlichtet. Der Taugenichts Hansel tritt in zerlumpter Kleidung auf, mit seinem rußverschmierten Gesicht verteilt er an die Weiblichkeit schwarze Küsse. Zur Strafe für sein Treiben wird er vom Scherer rasiert und zur Ader gelassen. Er fällt in Ohnmacht, wird wieder zum Leben erweckt und von der Marketenderin Nudelgret mit einer Brezel gestärkt. Diese Aufführung findet mehrmals entlang der Dorfstraße statt, bevor zum Abschluss der Winter vor der Felix-Christoph-Traberger-Halle symbolisch verbrannt wird. Dies gilt als äußeres Zeichen der Vertreibung des Winters. Das Spektakel wird begleitet von lautstarker Guggemusik. Alle Spieler stammen aus dem Ort. sind Männer und mindestens 18 Jahre alt. Forscher vermuten die Ursprünge in alten Fasnachtsspielen aus der oberdeutsch-schwäbisch-alemannischen Fastnacht, überliefert durch Einwanderer aus Italien und der Schweiz in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg in die damals fast menschenleere Pfalz. Die Spielfigur Nudelgret soll Schweizer Ursprungs sein, abgeleitet von „Niedelgret“, dem Milchmädchen in weißer Haube und Schürze. Die Texte zu diesem Spiel, aus mehr als 20 Versen bestehend, wurden in früheren Zeiten ausschließlich mündlich weitergegeben. Erst der Schullehrer Otto Stang hat sie 1845 gerettet und nach Erzählungen eines Forster Winzers aufgezeichnet: „Ich bin der lumpig Hansel-Fingerhut, der nix gewinnt und viel verdut ..... ihr Jungfraue kommt alle herbei, der Hansel ist nagelnei .... ich hab schon länger im Bruch gesesse und mit den Kibitzen gefresse“ Der Winter gibt zum Besten: „Ach Sommer, du bist ein arger Bauer, du machst den alten Weibern die Milch hinterm Ofen sauer, hallera mein, der Winter ist fein!“ worauf der Sommer antwortet: „Ach Winter, du bist ein armer Wicht, du machst den alten Weibern die Milch hinterm Ofen so frisch, Hallera mein, der Sommer ist fein.“ Eine weitere Forster Tradition fällt mit dem Spiel zusammen: Der Kammerdiener Felix Christoph Traberger hat im Jahre 1600 eine Stiftung begründet, damit Forster Kinder am Sonntag Lätare eine Speise erhalten. Auch heute noch bekommen alle Kinder nach dem Gottesdienst in Forst einen Spitzweg aus Hefeteig. Die Bewerbung der Gemeinde Forst an das Mainzer Ministerium für Bildung und Wissenschaft erfolgte bereits vor zwei Jahren, begleitet von Empfehlungsschreiben des Mainzer Historikers Helmut Seebach und Barbara Schuttpelz vom Institut für Pfälzische Geschichte und Volkskunde in Kaiserslautern. Gemeinsam mit dem ausrichtenden Brauchtumsverein haben die Bürgermeister der Verbands- und Ortsgemeinde die umfangreichen Bewerbungs-Unterlagen erstellt. „Wir haben einen ganzen Sonntag die zahlreichen Fragebögen ausgefüllt“, erzählen Vereinsvorsitzende Cornelia Thomé und Abteilungsleiter Peter Lucas. Seebach beschreibt das Spiel als „eines der nördlichsten Fastnachtsspiele auf offener Straße am ganzen Oberrhein“ und hat einen „Schutzstatus als immaterielles Kulturerbe als wichtigen Beitrag für die Erhaltung dieses einzigartigen Brauchtums in der Zukunft“ empfohlen. Schuttpelz erläutert die „feste Verankerung des Spiels im kollektiven Gedächtnis der Gemeinde“. Bürgermeister Bernhard Klein begrüßt den positiven Bescheid der Unesco-Kommission für das Winzerdorf. „Dieses Spiel ist nicht irgendein Klamauk“, findet er, sondern eine Frage der Identität. Die Tradition habe an Attraktivität und Popularität gewonnen, auch die Dorfjugend wolle wieder mitspielen. Im Netz Auf der Internetseite www.unesco.de/immaterielles-kulturerbe ist das Forster Hansel-Fingerhut-Spiel mit Text und Bild dargestellt. Weitere Informationen unter www.brauchtumsverein-forst-weinstrasse.de