Gimmeldingen
Die Mandelblüten-Dynastie – Mehr als nur hübsch aussehen?
Junge, hübsche Mädchen, die mit Krone und Dirndl bekleidet lächelnd von Weinfest zu Weinfest ziehen – zur Repräsentation ihres Ortes. Dieses Bild der Weinköniginnen wird oftmals belächelt. Das Vorurteil: Die jungen Frauen müssten nur gut aussehen. Schlimmer noch: Die Frauen müssten sich ständig vor betrunkenen Männern fürchten. Doch Melanie Schmidt, ihre Mutter Nicole Sauer-Schmidt, ihre Tante Uschi Fanelsa-Vetter und ihre Oma Hildegard Fanelsa schauen mit einem großen Lächeln auf ihr deutschlandweit einmaliges Amt als Mandelblütenkönigin. Die meisten Vorurteile kann die Familie widerlegen – nur eines nicht.
Hildegard Fanelsa wurde 1962 zur 13. Mandelblütenkönigin gekrönt. Zu dieser Zeit haben noch die Festbesucher selbst gewählt, in schriftlicher Abstimmung. Die damals 16-Jährige konnte sich gegen zwei weitere Bewerberinnen durchsetzen. „Jede musste ein Gedicht aufsagen. Das war nicht wie heute“, erinnert sich Fanelsa. Bei ihren beiden Töchtern Uschi und Nicole habe ein Anruf und das Verkünden des jeweiligen Interesses gereicht. Sie hätten weder ein Gedicht aufsagen noch die verschiedenen Mandeln am Geruch erkennen müssen. „Man sollte nicht unbedingt Biertrinkerin sein“, sagt Uschi Fanelsa-Vetter zu den geforderten Qualifikationen. Sie und ihre Schwester konnten diese Voraussetzung erfüllen und wurden jeweils 1985 und 1990 zur Mandelblütenkönigin gekrönt.
Wochenendfamilie der Hoheiten
Seit Februar ist nun auch die Tochter von Sauer-Schmidt, Melanie Schmidt, Mandelblütenkönigin. Zuvor hatte sie ein „Lehrjahr“ als Prinzessin absolviert. „Ich habe mich nie gezwungen gefühlt. Ich bin stolz, hier zu wohnen und den Ort zu repräsentieren“, nennt die 20-Jährige den Grund für ihre Entscheidung. Außerdem sei es schön, die Familientradition fortzuführen. Doch das Amt bedeute auch eine Menge Arbeit – alles ehrenamtlich. „Ich bin jedes Wochenende unterwegs“, sagt Schmidt. Denn die Mandelblütenkönigin muss nicht nur auf den Gimmeldinger Festen Reden halten. Zur Unterstützung der anderen Weinköniginnen der Region reisen die Hoheiten von Bühne zu Bühne. Das schweiße zusammen. Schmidt spricht deshalb von ihrer „Wochenendfamilie“. Auch ehemalige Hoheiten dürften mit zu den Festen. „Das ist das Fußvolk. Die dürfen vielleicht mal die Jacke halten“, scherzt Schmidt.
„Dass es so viele Termine gibt, hat sich aber erst in den letzten Jahren etabliert“, wirft ihre Tante Uschi Fanelsa-Vetter ein. Bei ihr und ihrer Schwester sei der Umfang der Auftritte nicht so groß gewesen. Und Großmutter Hildegard Fanelsa habe 1962 gerade mal drei Veranstaltungen besucht. Das seien neben dem Mandelblütenfest Umzüge gewesen. Fanelsa-Vetter und Sauer-Schmidt seien zu ihrer Zeit auf diesen Umzügen in einer Kutsche gefahren. „Und ich in einem Rolls-Royce“, erzählt Melanie Schmidt mit breitem Grinsen von ihrem Jahr als Mandelblütenprinzessin. Generell habe Schmidt heute ein paar Annehmlichkeiten, auf die die anderen Frauen verzichten mussten. Dazu zählten Zuschüsse zu den Dirndln und gestellte Autogrammkarten. Das hätten ihre Mutter und Tante selbst bezahlen müssen. Dafür sei die Krone über die Jahre geschrumpft.
Schlagfertig gegen Anmache
Auch wenn sich der Aufwand unterscheidet, der mit dem Amt einhergeht, eines sei bei allen vier Frauen gleich gewesen: Man lerne, wie man nett, aber doch bestimmt Männer abweist, die einen Schoppen zu viel getrunken haben. „Man wird schlagfertig“, sagt Fanelsa-Vetter, die anderen Frauen nicken. Melanie Schmidt habe zudem gelernt, wie schwierig es werden kann, weiterhin nett zu bleiben, aber trotzdem bestimmt gegen die Anmachen vorzugehen.
Doch aus den Erzählungen der Frauen geht hervor, dass diese negative Seite auch die einzige zu sein scheint. Man werde viel selbstbewusster, offener und zugänglicher. Immerhin halten die Königinnen ihre Reden vor vielen Menschen und führen viele Gespräche mit den unterschiedlichsten Charakteren. Das Redenhalten sei gar nicht so leicht. Gerade dann, wenn es schnell gehen müsse. „Die Königin ist mal ausgefallen, und ich musste vor Beginn des Fests noch schnell die Rede umschreiben“, berichtet Sauer-Schmidt von ihrer Zeit als Prinzessin. Das Redenschreiben werde so auch mal zur Familiensache. Generell seien alle eingebunden, wenn eine Hoheit in der Familie regiert. „Ich frage ganz oft: ,Mama, können wir noch einmal die Rede üben? Oma, kannst du noch schnell das Dirndl bügeln?’“, zählt Melanie Schmidt auf.
Dann ist da noch die Sache mit dem Transport zum Veranstaltungsort. „Ich bin mit dem Dirndl aufs Mofa“, erzählt Uschi Fanelsa-Vetter. Am kleinen Spiegel habe sie dann noch schnell die Frisur richten müssen. Bei Melanie Schmidt müsse immer mal Oma Hildegard Fanelsa fahren oder der Bruder nachts aus dem Bett geklingelt werden, um sie abzuholen. Doch all die Mühe lohne sich. Die vier Frauen sind stolz auf ihr Amt. Und die Krone wieder abzulegen, falle nicht leicht. „Das ist ein Einschnitt“, erinnert sich Fanelsa-Vetter. Denn das Amt präge fürs Leben.
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