Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bürgermeisterwechsel: Abschied im Neujahrsfilm

2021: In wenigen Tagen verlässt Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer seinen Amtssitz in der Konrad-Adenauer-Straße für immer.
2021: In wenigen Tagen verlässt Bürgermeister Ingo Röthlingshöfer seinen Amtssitz in der Konrad-Adenauer-Straße für immer.

28 Jahre lang hat Ingo Röthlingshöfer dem Neustadter Stadtvorstand angehört. Über zwei Jahrzehnte hauptamtlich – als Bürgermeister und Sozialdezernent. Vieles ist dem CDU-Politiker gelungen, manches nicht. Bald ist sein letzter Arbeitstag.

In gewissem Sinn hat sich schon am vergangenen Mittwoch der Kreis geschlossen. Das Gespräch mit der RHEINPFALZ ist einer der letzten Termine, die Ingo Röthlingshöfer als Bürgermeister der Stadt Neustadt noch im Kalender stehen hat. Ein Gespräch mit der RHEINPFALZ gab es ebenfalls zu Beginn seiner Bürgermeisterzeit vor fast 24 Jahren. Dabei sagte er etwas, was ihn noch lange verfolgen sollte.

Schon damals, als es noch keine sozialen Netzwerke gab, machten einige Bürger dagegen mobil, dass der neue Bürgermeister mindestens ein freies Wochenende im Monat für seine Familie einplanen wollte. Zumal die Familienpolitik stets ein wichtiges Thema für ihn war. „Der schafft noch net unn is schun faul“, so der Tenor der Kritiker, wie sich Röthlingshöfer noch immer gut erinnert. Für das, was bei den jüngeren Leuten heute normal ist – die sogenannte Work-Life-Balance, das ausgewogene zeitliche Verhältnis zwischen Arbeits- und Privatleben –, fehlte bei seinem Amtsantritt offensichtlich das Verständnis.

Die Reaktionen seien völlig ungerecht gewesen und seien vor allem zu Lasten seiner Frau und seiner beiden Töchter gegangen, sagt der 58-Jährige. Doch erst in jüngerer Zeit sei das auch innerhalb der Familie thematisiert worden. Als die Töchter erzählten, wie belastend es gewesen sei, „als Kind des Bürgermeisters identifiziert zu werden“.

Glücklos bei OB-Wahl

Davon abgehalten, insgesamt dreimal aussichtsreich wieder zu kandidieren, hat das den CDU-Mann aber nicht. „Wir haben in der Familie einen Weg für uns gefunden“, und schließlich sei das Amt ja auch sein Beruf gewesen und habe ihm Spaß gemacht. Schon ab 1993 war der Neustadter im Stadtvorstand vertreten: Ehrenamtlich zeichnete Röthlingshöfer für Schule, Sport und Tourismus verantwortlich. Die ersten beiden Themen begleiteten ihn auch fast sein ganzes hauptamtliches Berufsleben hindurch. Dazu kam das Soziale, vor sechs Jahren dann die Kultur statt der Schulen.

Außerdem wollte Röthlingshöfer, von Haus aus Jurist, zweimal wissen, wie hoch sein Wert als Oberbürgermeisterkandidat sein könnte. 2002 bekam er aber innerhalb seiner CDU Konkurrenz: Nominiert wurde letztlich Hans Georg Löffler. 2017, als Löffler nicht mehr antrat, erhielt Röthlingshöfer seine Chance, damals schon etliche Jahre Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Neustadt, ein Amt, das er mit der Nominierung abgab. Dass er dann klar gegen den heutigen OB Marc Weigel von der Freien Wählergruppe verlor, hat ihn zunächst getroffen. Im Rückblick auf all das, was seither geschah, sei er froh, nicht gewonnen zu haben, meint er heute.

Neue Ära auch in Partei

Spätestens die verlorene OB-Wahl läutete allerdings eine neue Ära bei der CDU ein, verstärkt durch die Kommunalwahl 2019. Und als es im September 2020 im Stadtrat darum ging, wer am Ende von Röthlingshöfers dritter Amtszeit zur Bürgermeisterwahl vorgeschlagen werden sollte, gab es mit Stadtkämmerer Stefan Ulrich einen zweiten CDU-Bewerber. Indes war die Kandidatur des Amtsinhabers auch nur pro forma, sprich: Sie war der Rechtslage geschuldet, weil Röthlingshöfer trotz seiner vielen Amtsjahre noch keine 60 Jahre alt war und daher noch einmal antreten musste, um keine finanziellen Einbußen zu riskieren.

Ingo Röthlingshöfer hat viel außerhalb der Amtsstube oder des Fraktionszimmers geregelt. Auch zu Zeiten, als es wie derzeit keine feste Mehrheitskoalition im Stadtrat gab. Und wie manch andere Vertreter seiner Generation bedauert er deshalb, dass Kommunalpolitik heutzutage „vielleicht professioneller, aber weniger menschlich gemacht wird“. Er selbst habe Politik „nie als Beruf, sondern als Wirken in persönlichen Beziehungen“ gesehen – das gemeinsame Glas Wein inklusive. Lange konnte er dabei auf eine CDU/FWG-Koalition bauen. Dass diese mit der Kommunalwahl 2014 zu Ende war, weil die Freien Wähler 2017 ihren eigenen OB-Kandidaten stellen wollten, verwies Röthlingshöfer stets ins Reich der Legenden.

„Zu wenig Anstand“

Aus seiner Sicht lassen aber auch andere Veränderungen vieles immer schwieriger werden. Zum einen sei der Anstand zum Teil verloren gegangen, vor allem in oder wegen der sozialen Netzwerke. Zum anderen seien die Menschen immer weniger in der Lage, einen Konsens zu finden. Gerade in der Politik sei beides aber wichtig. „Auch Neustadt braucht vor allem den Konsens“, sagt der Bürgermeister.

Daher habe OB Weigel völlig Recht, wenn er auf vor längerem gefasste Beschlüsse im Stadtrat verweise, um Kritiker abzuwehren. Zuletzt geschehen bei der im Nachhinein von Innenstadtbeirat und Willkomm-Gemeinschaft angezweifelten Schranke für den Krasemann-Parkplatz. Röthlingshöfer: „Wir können nicht immer jedes Fass neu aufmachen, nur weil es irgendwer fordert.“

Dankbar für Ehrenamtliche

So manche Krise musste der Bürgermeister durchstehen. Das Klemmhof-Desaster und die Flüchtlingswelle sind zwei Beispiele. Begeistert hat ihn dabei trotzdem etwas: das große ehrenamtliche Engagement der Neustadter. Doch auch jenseits von Krisen seien die Bürger immer bereit, zu helfen, „egal ob im Sport, bei der Kultur oder eben sozialen Problemen“.

Besonders stolz macht ihn das Neustadter System der Betreuenden Grundschulen – und dass es dabei auch innerhalb der Verwaltung gelungen sei, gute Strukturen zu finden, auf die sich die Ehrenamtlichen verlassen könnten. Mit 600 bis 700 Plätzen sei Neustadt führend in Rheinland-Pfalz. Sorge bereitet ihm allerdings, dass dieses Erfolgsmodell leiden könnte, wenn der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschüler kommt.

Ein Wunsch bleibt unerfüllt

Eine offene Flanke hinterlässt der Sozialdezernent bei Angeboten für betagte und hochbetagte Neustadter oder Menschen mit einem Handicap. Immer wieder hatte er versucht, ambulante Angebote aufzubauen, damit Senioren so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden leben können. Was andernorts schon gang und gebe ist, Stichwort Bielefelder Modell, scheiterte in Neustadt bislang, weil die potenziellen freien Träger „keine Kapazitäten haben, um etwas Neues zu machen“. Das gräme ihn sehr, zumal Neustadt mit der Wohnungsbaugesellschaft für solche Projekte einen guten Partner hätte. Deren politischer Geschäftsführer war Röthlingshöfer ebenfalls über viele Jahre.

Zurück in Kanzlei

Am 29. Januar ist sein letzter Arbeitstag. Bis zum offiziellen Amtswechsel zum 1. März hat er Urlaub. Und danach? Die Zeit werde ihm nicht lang, sagt der 58-Jährige. Er will sein Steckenpferd, die Dozententätigkeit an Hochschulen, weiter ausbauen. Zudem geht er zurück zu seinen Wurzeln: Von 1993 bis 1997 war der Jurist Röthlingshöfer als selbstständiger Anwalt tätig. Jetzt tritt er einer Neustadter Kanzlei bei, wo er sich um Fälle rund um die Sozialgesetzgebung kümmern will.

Wegen Corona fällt eine Verabschiedung vorerst ins Wasser. Indes würdigt OB Weigel den scheidenden Bürgermeister im Neujahrsfilm, der morgen ab 18 Uhr im Offenen Kanal und auf dem Youtube-Kanal ausgestrahlt wird.

1997: Amtsantritt als hauptamtlicher Bürgermeister.
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2009: KRG-Schüler hatten einen Riesenkristall für das Guinnessbuch gezüchtet.
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2014: Demo zugunsten der Pflegekräfte.
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2013: Besuch bei den Nachwuchsforschern in der Kindertagesstätte St. Elisabeth.
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