Neustadt
Der Sieger der Bürgermeisterwahl ist nur äußerlich gelassen
Eine Wahl unter solchen Bedingungen hat hoffentlich Seltenheitswert. Während sich sonst die Mitglieder des Neustadter Stadtrats im eher engen Ratssaal unbeschwert auf den Weg machen, um in der Kabine ihre Stimme abzugeben, läuft am Dienstagabend im Saalbau alles streng nach Corona-Vorschrift ab. Jeweils im Doppelpack werden die Wahlberechtigten aufgerufen, marschieren in gebührendem Abstand hoch zur Bühne, wählen und werfen den Zettel in die Wahlurne. Jeder bekommt seinen eigenen Kugelschreiber – den er auch behalten darf, wie Oberbürgermeister Marc Weigel zwischendrin mit leicht amüsiertem Unterton verrät.
Derweil herrscht im großen und wie gewohnt eher schummrigen Saal trotz allem ungewohnte Stille. Nur ab und an ein Stühlerutschen und das Geräusch von Absätzen auf dem Parkett. Fast ein wenig erleichternd: Plötzlich meldet sich ein Mobiltelefon per Vogelgezwitscher und Kuckucksruf. Es wird gelacht.
Drei Ratsmitglieder fehlen
Kurz nach 18 Uhr hatte der OB die Wahlhandlung eröffnet. Gewählt werden muss ein neuer hauptamtlicher Bürgermeister: Die dritte Amtszeit von Ingo Röthlingshöfer (CDU) läuft am 28. Februar 2021 aus. Traditionell bilden das älteste und das jüngste Stadtratsmitglied mit dem OB den Wahlvorstand. Diesmal sind das Werner Schreiner (SPD) und Florian Hofmann (Grüne). Von den 44 Stadtratsmitgliedern fehlen drei: Barbara Hornbach von den Grünen sowie Silvia Kerbeck und Patrick Henigin von der CDU. Später werden alle 41 abgegebenen Stimmen gültig sein, indes ist eine Enthaltung darunter.
Wie die Stadtratsmitglieder abgestimmt haben, darüber lässt sich nur spekulieren. Die FWG-Fraktion ist mit 14 Mitgliedern vollzählig, neun sind es bei der CDU, sieben bei den Grünen, komplett auch SPD (7) und FDP (3), hinzu kommt der Vertreter der Linken. Zur Wahl vorgeschlagen werden Stadtkämmerer Stefan Ulrich (CDU) und Ingo Röthlingshöfer vom CDU-Fraktionsvorsitzenden Clemens Stahler. Für die SPD tritt Gisela Brantl ans Mikrofon und schickt ihren Fraktionsvorsitzenden Pascal Bender ins Rennen; für ihn hatte sich vorab auch der Linken-Vetreter ausgesprochen. FWG und Grüne waren vorab für Ulrich, CDU und FDP hatten die Wahl sozusagen fraktionsintern freigegeben.
Ausgezählt ist schnell
Knapp 20 Minuten dauert es, bis alle gewählt haben. Die Auszählung der Stimmen geht dann sehr flott. Punkt 18.37 Uhr verkündet der OB das Ergebnis: 26 Stimmen für Stefan Ulrich, zwölf für Pascal Bender und zwei für Ingo Röthlingshöfer. Und auch wenn es Corona kaum erlaubt, folgt eine kleine Gratulationscour. „Wir geben schon ein bisschen Raum für Glückwünsche, die auch unter Corona-Bedingungen stattfinden müssen“, kommentiert es Weigel und schließt sich dem Defilee an.
„Ich bin zufrieden mit meinem Ergebnis“, beschreibt SPD-Mann Pascal Bender im Anschluss seine Gemütslage. Und er kündigt an, dass die SPD Ulrichs Arbeit „kritisch, aber auch konstruktiv“ begleiten wird. Ingo Röthlingshöfer gratuliert nicht sofort, sondern will das später nachholen, „schon wegen der Viren“. Sein Wunsch für Ulrich vorab: „Viel Erfolg für die herausfordernde Aufgabe.“
An Bürgermeisteramt nie gedacht
Äußerlich gelassen hat der Wahlsieger das Geschehen verfolgt. Nach der Wahl gesteht Ulrich aber ein, „schon sehr aufgeregt“ gewesen zu sein. Seit Jahrzehnten im Dienst der Stadtverwaltung, habe er nie daran gedacht, einmal Neustadts Bürgermeister zu werden. Ulrichs Name war erstmals vor der OB-Wahl 2017 ins Spiel gebracht worden, damals von der CDU. Im Fall einer Wahl Röthlingshöfers zum Oberbürgermeister hätte er dessen Nachfolge antreten sollen. Damals gab es im Stadtrat noch eine feste Regierungskoalition aus CDU, Grünen und FDP.
Indes gewann Marc Weigel die OB-Wahl, und seit der Kommunalwahl im Mai 2019 gibt es keine festen Mehrheiten mehr im Stadtrat. Ulrich war nun aber Weigels Wunschkandidat, und dem schloss sich auch die CDU an. Ingo Röthlingshöfer hingegen musste – trotz 24 Jahren im Amt – noch einmal zur Wahl antreten, weil er noch keine 60 Jahre alt ist.
Kommentar: Klare Sache
Die Wahl von Stefan Ulrich zum Bürgermeister und Finanzdezernenten war natürlich geheim. Trotzdem kann anhand der Anzahl an Stimmen, die auf ihn entfielen, spekuliert werden, dass nicht alle bei FWG und Grünen für den Wunschkandidaten ihrer Fraktionschefs gestimmt haben. Oder aber, eine zweite von mehreren Lesarten, Ulrich hat tatsächlich „nur“ maximal fünf Voten von seiner CDU bekommen, vorausgesetzt, die FDP hat komplett für einen anderen gestimmt.
Wie dem auch sei: Dass der Stadtkämmerer direkt mit fünf Stimmen mehr als notwendig, gewonnen hat, kann er als Erfolg verbuchen. Umgekehrt ebenso bitter sind hingegen nur zwei Stimmen für den CDU-Mitbewerber Ingo Röthlingshöfer. Auch wenn er nach eigenem Bekunden nicht weitermachen wollte, sondern noch einmal antreten musste, um der Rechtslage zu entsprechen.
OB Weigel hat nun fast den Stadtvorstand seiner Wahl. Und die CDU sozusagen auf Linie, weil sein letzter Wunschkandidat Ulrich ihr angehört. Die personellen Weichen sind gestellt. Jetzt muss er beweisen, dass es wirklich die beste Lösung ist.